Lam. Für die Lamer ist sie „d’Kadei Evi“ – und sie mag es, mit dem Hausnamen ihrer Familie angesprochen zu werden. Sie ist mit drei Geschwistern am Lamer Stadtplatz aufgewachsen, als Tochter vom „Gasthof zum Kirchenwirt“, den heute einer ihrer Brüder führt. Nach dem Abitur wollte Evi Lemberger, die 1983 geboren ist, unbedingt weg. Sie ging nach England, studierte dann Fotografie in London und Dokumentarfotografie am International Center of Photography in New York City. Mit ihren herausragenden Fotoarbeiten wurde sie schnell international bekannt, veröffentlichte in namhaften Magazinen und hatte zahlreiche Ausstellungen.

Im August 2012 kehrt Evi Lemberger für länger Zeit zurück in die Oberpfalz, in das Elternhaus, wo ihre 94-jährige Großmutter Frieda lebt. Obwohl es dieser körperlich nicht mehr gut geht, bekocht sie während der Betriebsferien zwei Wochen lang ihre Enkeltochter und erzählt dabei aus ihrem Leben. Vom eigenen Aufwachsen im elterlichen Wirtshaus, vom Einheiraten in den Kirchenwirt, von ihrem harten Arbeitsalltag, von Fest- und Feiertagen, den „Fremden“ (wie Touristen damals noch genannt wurden) und von ihrer kurzen, glücklichen Zeit als Köchin in Nürnberg.
Im April 2013 stirbt Frieda. Evi verlässt erneut ihre Heimat, macht ihren Master in Halle, geht nach Fuerteventura und Tel-Aviv. Erst 2018 kommt sie wieder nach Hause – und prägt seither mit ihren Ideen und Projekten schnell das kulturelle Leben in Lam.
„Stoische Delikatessen“
Immer im Hinterkopf blieb die Idee, das gesammelte Material vom Kochbuch mit den Rezepten von ihrer Oma herauszugeben. 2025 ist es nun im Eigenverlag erschienen: ein Koch- und Erinnerungsbuch für Frieda Lemberger mit wunderbaren Fotografien, das gleichzeitig eine Hommage an die Region, ihre Esskultur und Bräuche ist. Im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n erzählt Evi Lemberger von ihrer Großmutter und dem Konzept hinter ihrem Buch.

Evi, du bist mit drei Geschwistern im Wirtshaus aufgewachsen – welche Rolle hat deine Oma in deiner Kindheit gespielt?
Meine Eltern waren in der Küche und in der Gastwirtschaft und hatten kaum Zeit für uns. Durch die Pensionszimmer sind immer Gäste im Haus gewesen, zu denen man als Kind nett sein musste. Einfach mal im Schlafanzug in die Küche laufen – so etwas ging bei mir nicht. Die Oma, die einen Teil unseres Hauses bewohnte, war uns Kindern wahnsinnig präsent. Jeden Mittag kochte sie für uns. Pünktlich um 11 Uhr stand das Essen auf dem Tisch. Meine Oma war immer da. Das Essen war ein selbstverständlicher Teil, wir haben uns keine Gedanken gemacht. Aber viele Sachen mochte ich nicht; in anderen Familien wurden bunte, interessante Sachen gekocht. Wir hatten meistens Kartoffeln – oft braun und ziemlich fettig. Aber vom Tisch aufstehen, ohne aufgegessen zu haben, gab es nicht.

Trotzdem wirken deine Bilder von diesen Gerichten, die die Kargheit des Bayerischen Waldes und der Oberpfalz in der Nachkriegszeit spiegeln, wie eine Liebeserklärung an die Einfachheit der Speisen – und auch an Oma Frieda.
Ja, ich hab die Gerichte mal „stoische Delikatessen“ genannt. Sie waren deftig und kamen mit wenigen regionalen Zutaten wie Kartoffeln, Kraut, Zwiebeln, Mehl und Schmalz aus. Fleisch gab es selten. Was an Zutaten fehlte, wurde mit Kreativität, Erfahrung und Zeit wettgemacht. Nichts wurde weggeworfen. Meine Oma war stolz darauf, Mahlzeiten oft über Tage hinweg zu verwerten. Die Tageszeiten und Wochentage waren kulinarisch ganz klar aufgeteilt. So war der Montag der „Eapfedog“, der Dienstag der „Restedog“. Diese Struktur hab ich auch für das Buch übernommen.
Erst jetzt im Nachhinein ist mir bewusst, wieviel Zeit meine Oma mit Essen zubereiten und mit der Wiederholung dieser Rituale zugebracht hat. Manchmal erinnert mich das an die japanische Tradition der Wiederholung. Sie hat um das Kochen nie ein Tamtam gemacht. Dabei hat sie über die Jahre alles perfektioniert. Für manche Gerichte wie den „Hoiwadotsch“ (Heidelbeerpfannkuchen) braucht es Jahre, um sie so hinzubekommen wie die Oma.
„Trotzdem hat sie mir komplett vertraut“
Die Erzählpassagen im Buch, wo deine Oma selbst zu Wort kommt, sind in ihrer schlichten Eindringlichkeit besonders berührend – auch wenn sie nie wirklich emotional werden. Sogar die Schilderung ihres Hochzeitstages endet mit dem Satz: „Gefallen hat es mir nicht…“ Was für ein Mensch war deine Oma?

Sie war sehr streng und herrisch – harsch wie das Klima des Bayerischen Waldes. Aber sie wollte immer, dass es uns gut geht. Mein Opa war weich, gemütlich und hat gern Musik gespielt. Ihr blieb als Wirtin daher nur die Rolle als Matriarchin, die die Familie zusammenhielt; was sie erzählt hat, hat sie einfach gesagt; es wurde nicht mit Emotionen kommentiert. Und doch war sie eine ganz tolle, warmherzige Frau, die sehr ehrlich war und trösten könnte.

Hat Frieda einen Zugang dazu gefunden, was du beruflich machst? Und dass du erstmal von Lam weg bist?
Auch das ist ambivalent und sie ist durch viele, viele Phasen gegangen. Sie war ja eine kurze Zeit in Nürnberg und hat es sehr genossen, in der großen weiten Welt zu sein. Dann starb ihr Vater und so musste sie wieder heim, um mitzuarbeiten. Sie hat darüber nie geklagt, aber vielleicht hat sie mein Fernweh dadurch verstanden. Meine Auslandsaufenthalte hat sie auch finanziell unterstützt. Es war viel Modernität in dieser scheinbar altbackenen, traditionellen Frau. Wir haben uns im Laufe meines Erwachsenwerdens immer mehr angenähert.
Wie fand Frieda die Idee, ein Buchprojekt mit ihr zu machen?
Als ich 2008 nach England ging, hab ich zu ihr gesagt, sie soll etwas aufschreiben über die frühere Zeit. Als ich heimkam, hat sie ein A4-Heft vollgeschrieben gehabt. Da war sie 90 und hatte seit 70 Jahren nichts mehr wirklich geschrieben. Als sie vier Jahre später für mich kochte und ich fotografierte, sagte sie: „Du host an Vogl, warum verbringst du deine Zeit mit dem?“ Trotzdem hat sie mir komplett vertraut. Dass in dem Buch jetzt viele Familienmitglieder zu Wort kommen und meine Tante Rita einen so wichtigen Anteil beim Erstellen der Rezepte übernommen hat, würde sie bestimmt stolz machen. Es ist eine Teamarbeit über die Generationen hinweg geworden.
Erinnerung an das „Aufgehoben-Sein“

„Frieda – s’Essen im Lebn“ ist nicht nur eine Hommage an deine Oma und die besondere Küche des Bayerischen Waldes in früheren Zeiten. Fast beiläufig ist es auch eine Würdigung der Region mit ihren besonderen Bräuchen und Schönheiten. War dir das wichtig?
Ja – ich wünsche mir, dass es auch ein Kulturerbe bewahrt. Ich hab eine große Liebe zu unserer Region – und schon als Fotografin fällt mir immer wieder auf, dass es ganz viele wunderschöne Details gibt, die nie angesehen wurden. Fotografisch konnte ich sie ins Licht bringen. Nun hatte ich diese wunderbaren Rezepte und konnte zusammen mit vielen andren daraus etwas entwickeln, das ein Stück weit auch die Kultur unserer Region würdigt und gegen das Vergessenwerden schützt, ohne dabei ein Manifest zu sein. Aus der Fotografie kommt mein Grundverständnis, den Betrachter oder Leser auch mal alleine zu lassen und ihm Raum für eigene Gedanken, Erinnerungen und Interpretationen zu geben
„Lingal“, „Braj“, „Suiz“, „Reiwalul“: Alle Gerichte – und auch die besonderen Tage wie „Oustan“ – werden mit den Dialektausdrücken benannt. Wie wichtig war dir das?
Es war mir sehr wichtig, dass die Balance passt zwischen traditionell, lokal und auch versuchsweise modern-zeitlos. Dabei wollte ich, dass der Dialekt präsent ist. Ähnlich wie der Titel bringt er eine gewissen Poesie ins Buch, ein Lebensgefühl – und die Erinnerung an das „Aufgehoben-Sein“, das ich oft als Kind spürte, wenn es diese Gerichte gab.
„Ich hatte nie das Gefühl der Unterdrückung“

Deine Oma weilt nun seit zwölf Jahren nicht mehr unter uns. Was würdest du sagen, lebt von ihr in dir weiter? Was hat sie dir neben den wunderbaren alten Rezepten mitgegeben?
Oma hatte einen wahnsinnigen Stolz in ihrem Selbstverständnis. Sie hat aus einer arbeitsreichen Kindheit und Jugend heraus in ein komplett fertiges Wirtshaus eingeheiratet. Da musste sie sich durchkämpfen und sich auch gegen die ganzen Männer am Stammtisch wehren. Ich habe sie nie nach ihrer Rolle als Frau in dieser Männerdomäne gefragt. Aber ich glaube, ich hatte nie das Gefühl der Unterdrückung, weil ich neben dieser sehr starken Frau aufgewachsen bin.
Sie hat mir die Haltung vermittelt, dass ich nicht über mein Geschlecht definiert werde, sondern darüber, wer ich bin. Aber ich habe oftmals das Gefühl, viele Frauen im Bayerischen Wald sind ganz ähnlich.
Interview Regina Kremsreiter
Das Buch „Frieda“ ist im Eigenverlag erschienen und kann über die Mailadresse evi.rita.lemberger@gmail.com direkt bezogen werden (Preis: 24,90 Euro). Wer gerne ein Exemplar frei Haus fürs eigene Küchenregal haben möchte, darf bei unserem Hog’n-Gewinnspiel mitmachen: Wir verlosen unter unseren Leserinnen und Lesern zweimal ein Frieda-Rezeptbuch. Einfach eine kurze Email mit dem Betreff „Frieda“ (samt Kontaktdaten) an info@hogn.de senden. Teilnahmeschluss ist Montag, der 9. März 2026. Die Gewinner werden rechtzeitig informiert. –> Über je ein „Frieda“-Exemplar freuen dürfen sich Inge Schmierer aus Spiegelau und Melanie Sperl aus Waldmünchen. Herzlichen Glückwunsch!
da Hog’n






