Freyung-Grafenau. Am kommenden Sonntag, 8. März, haben die Bürger des Landkreis Freyung-Grafenau die Wahl – doch der Stimmzettel gestaltet sich in puncto Landratsposten relativ übersichtlich. Als einzige Herausforderin tritt Sigrid Bartl gegen den amtierenden Landrat Sebastian Gruber an. Während dieser unsere Einladung zum etwas anderen Interview ausschlug, hat sich die 44-Jährige den durchaus ungewöhnlicheren Fragen der Hogn-Redaktion gestellt.

Denn: Wir wollten diesmal bewusst keine Standard-Floskeln zu Bauprojekten oder Statistiken hören. Stattdessen haben wir nachgebohrt und u.a. gefragt: Was nimmt eine angehende Landrätin mit in die einsame Nationalpark-Hütte? Wie viel Respekt zollt sie dem politischen Gegner wirklich? Und wo gibt sie ohne Reue 100 Euro bar auf die Hand aus?
Entstanden ist ein Einblick in die Persönlichkeit einer Frau, die zwischen yogischer Gelassenheit und kompromissloser politischer Haltung den Wandel im Landkreis sucht.
„Ich neige dazu, mich sehr tief in Themen einzuarbeiten“
Angenommen, Sie müssten eine Woche allein in einer abgelegenen Diensthütte im Nationalpark verbringen – ohne Handy und Internet. Welches eine Buch und welchen einen Gegenstand (kein Werkzeug!) nehmen Sie mit, um nicht wahnsinnig zu werden?

Auf meinem Nachttisch liegt schon eine Weile „Die unendliche Geschichte“ und will gelesen werden. In Kombination mit einer Yogamatte klingt eine Woche in einer abgelegenen Diensthütte nach einer guten Gelegenheit zum Auftanken. Aber auch ohne Buch hätte ich keine Sorge, dass mich eine Woche allein im Nationalpark in den Wahnsinn treibt. Im Gegenteil. Das ist vielleicht sogar ein gutes Tourismus-Konzept für sanften Tourismus.
Wenn Sie für einen Tag die Seiten tauschen müssten: Was ist die eine politische Eigenschaft oder Position Ihres Gegenkandidaten Sebastian Gruber, die Sie insgeheim bewundern oder sogar gerne selbst hätten?
Sebastian Gruber ist in eine politische Freyunger Familie reingeboren worden und dementsprechend sehr eng vernetzt. Das ist sehr hilfreich.
Politikern wird oft nachgesagt, sie könnten keine Fehler zugeben. Welche Entscheidung in Ihrer bisherigen Laufbahn (politisch oder privat) würden Sie heute mit dem Wissen von jetzt komplett anders treffen?
Ich neige dazu, mich sehr tief in Themen einzuarbeiten – manchmal vielleicht zu tief. Rückblickend hätte ich bei einigen Projekten früher den Schritt machen sollen, Fachleute mit ins Boot zu holen, statt alles erst selbst bis ins Detail verstehen zu wollen. Das ist effizienter. Auf für Politik gilt: Eine gute Entscheidung lebt von Zusammenarbeit und vom Vertrauen in die Expertise anderer. Gemeinsam kommt man oft schneller und besser ans Ziel.
„Schönheit ist hier nichts Spektakelhaftes“
Sie bekommen 100 Euro bar auf die Hand mit der strikten Auflage, diese innerhalb einer Stunde im Landkreis auszugeben – jedoch nicht für Politisches oder Spenden. Wo landen Sie – und was kaufen Sie?
Es gibt zu viele Läden im Landkreis, in denen ich 100 Euro ohne Reue für tolle Artikel ausgeben könnte. Nachdem mir die 100 Euro aber geschenkt werden, würde ich sie besonders nachhaltig einsetzen. Da ist eine der ersten Adressen, die mir einfällt, die „EigenArt“ von den Wolfsteiner Werkstätten. Ich würde die 100 Euro für ein oder zwei schöne Holz-Werkstücke ausgeben. Die wiederum spende ich dann für die nächste Vereins-Tombola – so indirekt ist die Spende sicher erlaubt (lacht).

Ein Tourist aus Berlin fragt Sie am Freyunger Stadtplatz: „Sagen Sie mal, warum ist es hier schöner als bei uns?“ – Sie dürfen nicht mit „Natur“ oder „Ruhe“ antworten. Was ist Ihr schlagfertigstes Argument?
Also abgesehen von Natur und Ruhe – oder vielleicht auch genau deswegen – geht hier im Landkreis der Alltag ein klein bisschen langsamer vonstatten. Mit bodenständigen Menschen, die sich auf der Straße grüßen. Schönheit ist hier nichts Spektakelhaftes. Die Schönheit steckt im Alltag, in der Landschaft – und in der Art, wie man miteinander umgeht.
Welcher Song oder welches Musikstück beschreibt den aktuellen Zustand des Landkreises Freyung-Grafenau am besten – und warum?
Vielleicht trifft „Zusammen“ von den Fantastischen Vier den aktuellen Zustand unseres Landkreises noch nicht ganz – aber genau dorthin sollten wir weiter unterwegs sein. Lasst uns daran arbeiten, dass wir im Landkreis Freyung-Grafenau nicht nur zusammen bleiben wollen, sondern es auch können, indem auch junge, gut ausgebildete Menschen Perspektiven haben – und indem wir alle lebendige Gemeinden haben, die unser Miteinander stark und zukunftsfähig macht.
„Politik muss Haltung zeigen“
Wo hört bei Ihnen der politische Kompromiss auf? Gibt es ein Thema, bei dem Sie eher Ihr Amt niederlegen würden, als Ihre Überzeugung zu opfern?
Kompromisse gehören zur Politik, ansonsten bewegt sich nichts. Aber es gibt eine Grenze: Wenn Entscheidungen getroffen werden, die grundlegende ökologische Prinzipien oder die Würde von Menschen infrage stellen, mache ich nicht mit. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Transparenz sind für mich nicht verhandelbar. Wenn ich das Gefühl hätte, meine Aufgabe verlangt, genau diese Werte aufzugeben, würde ich mich mit einem Rücktritt außerordentlich schwertun – gerade, weil es diese Werte sind, die geschützt werden müssen. Ein Rücktritt käme für mich nur infrage, wenn er am Ende dazu beiträgt, ein besseres Ergebnis zu erzielen. Politik muss Haltung zeigen – sonst verliert sie ihre Glaubwürdigkeit.
Hand aufs Herz: Was war das „unvernünftigste“, das Sie als Jugendlicher angestellt haben, worüber Sie heute schmunzeln können?
Da gab’s sicher ein paar Aktionen, die heute Kopfschütteln und Lächeln gleichzeitig auslösen würden – von spontanen Nachtaktionen bis zu fragwürdigen Frisuren-Experimenten. Die wirklich unvernünftigen Geschichten bleiben aber lieber unter Freunden. Wichtig ist: Es war nie etwas dabei, das anderen geschadet hätte – nur der jugendliche Drang, Grenzen auszutesten und das Leben ein Stück lauter zu leben.
Wenn Sie in 20 Jahren auf Ihre (mögliche) Amtszeit zurückblicken: Welcher Satz soll in den Geschichtsbüchern des Landkreises über Ihre Ära stehen, der nichts mit Statistiken oder Bauprojekten zu tun hat?
„Sie setzte einen deutlichen Schwerpunkt auf die Entbürokratisierung und die transparente Gestaltung von Verwaltungsentscheidungen. Damit schuf sie die Grundlage dafür, das schwindende Vertrauen der Bevölkerung in die öffentliche Infrastruktur wieder zu stärken.“
„Hier entscheidet jede Stimme unmittelbar“
Warum sollte ein Wähler, der am 8. März eigentlich gar nicht vorhatte zur Wahl zu gehen, ausgerechnet für Sie sein Kreuzchen machen?
Viele, die nicht mehr wählen gehen, tun das aus Frust: zu wenig Transparenz, zu viel Stillstand, zu wenig Vertrauen, dass sich durch die eigene Stimme wirklich etwas ändert. Genau da setze ich an. Ich kandidiere, weil Politik wieder ehrlich, nachvollziehbar und bürgernah werden muss. Eine Kommunalwahl ist der direkteste Ort, um Wandel spürbar zu machen – hier entscheidet jede Stimme unmittelbar über unseren Alltag.
Ich bringe keine alten Verflechtungen mit, sondern den Willen, offen und transparent zu gestalten. Wer also Veränderung will, statt weiter zuzusehen, der kann mit seiner Stimme diesmal tatsächlich etwas bewegen.
Herzlichen Dank für Ihre Antworten – und alles Gute für die Wahl am 8. März!
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer






