Freyung/Böhmerwald. Wer verstehen will, wie eine Gitarre ihre Seele erhält, muss Libor Pražan beim Sprechen über Holz zuhören. Denn für den 1974 im nordböhmischen Louny geborenen Instrumentenbauer ist das Material weit mehr als ein Werkstoff – es ist ein Geschichtenerzähler.

Über die Stationen Südböhmen und den Böhmerwald gelangte der 51-Jährige im Sommer des vergangenen Jahres schließlich nach Freyung. Ursprünglich als Möbelrestaurator tätig, fand Libor Pražan seine wahre Berufung in der Präzision des Instrumentenbaus. Ein entscheidender Impuls war dabei seine Zeit beim weltberühmten Klavierbauer Paul McNulty, wo er an Repliken historischer Instrumente für Größen wie Mozart und Chopin mitwirkte – eine Erfahrung, die er im folgenden Hog’n-Interview als „Symphonie des Kunsthandwerks“ beschreibt.
Doch der Tscheche ist kein zurückgezogener Handwerker; er ist ein Netzwerker der Kulturen. Ob er in seiner Freizeit die Geschichte des antiken Roms studiert – was sich heute u.a. in seiner siebenteiligen Gitarrenserie widerspiegelt – oder die Wanderwege des Bayerischen Waldes erkundet: Stets sucht er die Verbindung. Besonders am Herzen liegen ihm seine Workshops, in denen er seit Jahren Kinder, Erwachsene und Menschen mit Behinderung an die Arbeit mit Holz heranführt.
Im Rahmen der kommenden Landesausstellung unter dem Motto „Musik in Bayern“ wird Libor Pražan seine Zelte aufschlagen. Im Interview spricht er u.a. über die Magie des Klangholzes aus dem Böhmerwald, darüber, warum eine gute Gitarre „singen“ muss – und weshalb der bairische Dialekt für ihn ein „ganz anderes Universum“ darstellt…
Wichtigste bairische Redewendung: „Passt scho!“
Libor: Sie stammen aus dem Böhmerwald und leben nun in Freyung. Was hat Sie in die Kreisstadt im Bayerischen Wald verschlagen? Wie gefällt es Ihnen hier? Und: Wie klappt’s sprachlich mit dem bairischen Dialekt und der Verständigung?

Ursprünglich habe ich in der Nähe von Budweis gelebt, aber vor drei Jahren bin ich in den Böhmerwald gezogen. In Vimperk (Winterberg) wollte ich mich von Anfang an ins kulturelle Leben einbringen, was mir auch gelungen ist. Dann war es nur noch ein kleiner Schritt in den Bayerischen Wald. Hier – genauso wie im Böhmerwald – habe ich viel Interessantes gefunden: wunderschöne Natur, gemeinsame Geschichte, freundliche Menschen und noch viel mehr. Freyung ist eine freundliche Stadt mit einer angenehmen Atmosphäre.
In puncto bairischer Dialekt: Das ist ein ganz anderes Universum (lacht)! Als Ausländer hat man keine Chance, alles zu verstehen. Meine neuen Freunde haben mir aber schon einige Ausdrücke beigebracht. Ich weiß jetzt etwa, dass die wichtigste Redewendung „Passt scho!“ lautet!
Im einstigen „Passauer Hof“ in Freyung wird man Ihnen künftig im Rahmen der bevorstehenden Landesausstellung im dann neu errichteten „GewölbeHof“ über die Schulter schauen können. Was genau dürfen die Besucherinnen und Besucher dort erwarten?
Meine Aufgabe im GewölbeHof wird sein, den Menschen zu zeigen, wie Musikinstrumente aus Holz entstehen. Der Raum wird wie eine Gitarrenbau-Werkstatt eingerichtet, in der im Rahmen der Landesausstellung kleine Workshops stattfinden und ein besonderes Projekt umgesetzt wird: Ich möchte mit den Besucherinnen und Besuchern während der Dauer der Ausstellung eine echte klassische Gitarre bauen, die wir am Ende der Ausstellung der Volksmusikakademie zur Verfügung stellen und die dort für den Unterricht genutzt wird.
Für Kinder bereite ich ebenfalls kleine Projekte vor. Sie können beispielsweise einen Holzvogel oder einen Geigenschlüssel mit meiner Hilfe schnitzen.
„Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“
Es gibt dabei auch Überlegungen für Workshops mit Schulklassen. Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie jungen Menschen über das Gitarrenbau-Handwerk und die Musik vermitteln möchten?

Junge Menschen sind wichtig. Sie sind die Träger der Zukunft. Damit sie eine bessere Zukunft haben, sollten wir besonders gut auf Kinder und Jugendliche achten. Meine Botschaft ist einfach: Schönheit bringt Freude. Musik macht gute Laune. Kreatives Arbeiten mit natürlichen Materialien wie z.B. Holz schafft Verbindung zur Natur und zu sich selbst. Picasso sagte einmal: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.
Sie haben ja beim weltberühmten Klavierbauer Paul McNulty an Repliken für Instrumente von Mozart und Chopin gearbeitet. Was war der wichtigste Impuls, den Sie aus dem Klavierbau für Ihre Arbeit an der klassischen Gitarre mitgenommen haben?
Paul gehört zu den besten Klavierbauern der Welt. Er ist ein Amerikaner und ist wegen des Klangholzes nach Tschechien gezogen. Die Arbeit in seiner Werkstatt war eine Symphonie des Kunsthandwerks: Kopien von Klavieren von Mozart, Liszt, Beethoven, Chopin – ich erinnere mich bis heute sehr gern daran. Die Klaviere von Paul können wir beispielsweise in dem zweiteiligen deutsch-tschechischen Koproduktionsfilm „Louis van Beethoven“ von 2020 sehen und hören. Alle Instrumente in diesem biografischen Film stammen aus Pauls Werkstatt und alle Klavieraufnahmen wurden auf diesen Instrumenten eingespielt.
Ich habe Begeisterung für klassische Musik, den Bau von Musikinstrumenten, die Schönheit verschiedener Hölzer und die Lust mitgenommen, eigene Projekte zu starten – gerade meine ersten Gitarren. Bis dahin war ich Antikmöbel-Restaurator. Die Praxis bei Paul war der Impuls für meine weitere persönliche und berufliche Entwicklung.
Hölzer aus dem Böhmerwald für die „Ausstellungsgitarre“
Als ehemaliger Intarsienkünstler und Restaurator haben Sie eine besondere Beziehung zum Werkstoff Holz. Nach welchen Kriterien wählen Sie das Holz für eine neue Meistergitarre au? Und: Wie beeinflusst die Region – der Böhmerwald und der Bayerische Wald – dabei Ihre Materialwahl?

Das Holz für eine Gitarre muss vor allem ein Kriterium erfüllen: Es muss resonieren, also Schwingungen und Klangwellen gut übertragen können – nicht jedes Holz ist dafür geeignet. Früher war das Klangholz aus dem Böhmer- und Bayerischen Wald sehr bekannt: W. A. Mozart hatte ein Klavier, das aus Holz aus Modrava gefertigt wurde. Heute ist es jedoch sehr schwierig, Klangholz von höchster Qualität hier zu finden.
Für unser Projekt der „Ausstellungsgitarre“ haben wir wunderschöne Hölzer aus dem Böhmerwald von dem traditionellen Klangholz-Hersteller Kölbl aus Oberösterreich als Geschenk erhalten, wofür wir sehr dankbar sind. Die Fichte, aus der unsere Gitarrendecke gefertigt wird, ist im österreichischen Teil des Böhmerwaldes gewachsen und war vor einigen Jahren in der Musikhauptstadt Wien wie ein Christbaum installiert. Danach wurde der Stamm zur Firma Kölbl gebracht und zu Resonanzholz für Musikinstrumente verarbeitet. Dass wir für unser Projekt Material mit einer so schönen Geschichte geschenkt bekommen haben, empfinde ich als besonders symbolisch.
Ganz einfach gefragt: Was macht eigentlich eine Gitarre zu einer guten Gitarre? Welche Eigenschaften sollte sie vorweisen, um Ihren Qualitätsansprüchen zu genügen?
Das ist gerade ein guter Klang. Eine gute Gitarre sollte singen: tiefe, volle Bässe, ausgewogene Mitten und singende Höhen. In jeder Lage sollte der Ton natürlich klingen, Dauer haben und eine angenehme Klangfarbe besitzen. Als Bonus kann der Gitarrenbauer das Instrument auch mit Intarsien verzieren. Als ehemaliger Intarsienkünstler genieße ich jede solche Gelegenheit. Auf den Klang der Gitarre hat der Grad der Verzierung jedoch keinen Einfluss.
Gitarrenbauer sollten ein Art sechsten Sinn haben
Bei Gitarren spielt die Optik natürlich immer eine gewisse Rolle. Welches Design ist charakteristisch für Ihre Gitarren?
Junge Kunden bevorzugen Gitarren mit modernem, aktionsreichem Design und unkonventioneller Gestaltung. Die junge Generation entfernt sich mit ihrem Geschmack von den traditionellen Vorlagen, die wir lange Jahre als unveränderlich angesehen haben. Das finde ich gut, denn junge Musiker zeigen uns, dass die Geschichte der Gitarre noch nicht geschrieben ist. Sie stellen uns Gitarrenbauern neue Herausforderungen, um weitere Kapitel dieses schönen Handwerks zu gestalten.

Ältere Musiker bevorzugen eher traditionelle Vorlagen. Ich persönlich baue gerne Kopien von José Romanillos, einem weltberühmten spanischen Gitarrenbauer, dessen Spitzname „Maestro Stradivari of the Guitar“ war.
Ich realisiere aber auch eigene Ideen. Ich mag das antike Rom mit seiner Geschichte und Architektur. Daher habe ich ein Projekt entwickelt, das Symbole des antiken Roms in die Gitarre überträgt. Die Rosette zeigt antike Säulen und Bögen, die Linien antike Mosaike. Es ist eine Serie von sieben Instrumenten, von denen jede Gitarre den Namen eines Hügels trägt, auf dem Rom gegründet wurde: Collis Palatinus, Collis Aventinus usw.
Was denken Sie: Sollte man als Gitarrenbauer eigentlich auch ein musikalischer Mensch sein? Oder kann auch ein völlig unmusikalischer Mensch gute Gitarren bauen?
Ein Instrumentenbauer muss kein Virtuose sein, aber er braucht auf jeden Fall ein gut entwickeltes Gehör und eine innige Beziehung zu seiner Arbeit. Er sollte ein Art sechsten Sinn für das Instrument haben – und natürlich selbst spielen können. Gitarrenbau ist ein nie endender Weg. Die Entwicklung ist ewig und hat keine Grenze. Niemand kann sagen: Jetzt habe ich die höchste Qualität erreicht – und eine bessere Gitarre zu bauen ist unmöglich. Das wäre Unsinn. Mit meinen Kollegen habe ich oft festgestellt, wie sehr innere Verfassungen einen Gitarrenbauer beeinflussen. Das ist etwas, was man in Lehrbüchern nicht findet.
Verbindung schaffen durch Musik
Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach die Musik, wenn es um die Völkerverständigung – etwa zwischen Bayern und Tschechen – geht? Oder anders gefragt: Wie kann eine Gitarre und dessen Hersteller dazu beitragen, dass Menschen dies- und jenseits der Grenze zusammenfinden?

Musik kennt keine Grenzen. Sie ist die universelle Sprache für alle, die ein offenes Herz haben. Schon damals hat jemand Weises gesagt: „Musik ist die Sprache der Seele.“
Ich glaube, dass ich bei der Verbindung der Menschen auf beiden Seiten der Grenze ein bisschen helfen kann – und ich bemühe mich bereits darum. Ich habe mich in verschiedene Projekte eingebracht und unter anderem eine Facebook-Gruppe gegründet, um Menschen aus dem Böhmerwald und Bayerischen Wald zu ermöglichen, Einladungen zu kulturellen und anderen Veranstaltungen auszutauschen. Ich möchte damit das Interesse am Geschehen bei den Nachbarn fördern. Das Projekt steht noch ganz am Anfang, aber hoffentlich findet es seinen Platz im überfüllten Internet. Ich würde mich freuen, wenn sich auch die Leserinnen und Leser des Onlinemagazins da Hog’n beteiligen.
An der Grenze gibt es derzeit viele schöne Projekte, zum Beispiel den Bayerisch-Tschechischen Stammtisch. Dort treffen sich regelmäßig Menschen aus Tschechien und Bayern, lernen sich kennen, tauschen Erfahrungen aus, lernen die Sprache des anderen und schließen Freundschaften. Musik spielt dabei eine große Rolle. Ich vergesse nie, wie beim Weihnachtstammtisch fast sechzig Deutsche und Tschechen gemeinsam Weihnachtslieder gesungen haben – auf Deutsch und Tschechisch!
„Liegt an uns, ob wir die Chancen nutzen“
Abschließend: Was wünschen Sie sich für Ihre persönliche Zukunft? Was wünschen Sie sich für das Miteinander zwischen Bayern und Tschechien?
Alles, was ich mir wünsche, darf ich nicht verraten. Aber mein aktueller Wunsch ist, dass ich für die kommende Landesausstellung ein nützlicher Mitarbeiter sein kann. Meine Aufgabe in der Werkstatt bietet eine schöne Chance, die Menschen für die Schönheit von Musik und Kunsthandwerk zu gewinnen, sodass sie Impulse mit nach Hause nehmen, die ihren Alltag positiv beeinflussen können.
Den Menschen auf beiden Seiten der Grenze wünsche ich, dass wir uns immer mehr annähern. Zahlreiche Vereine und kulturelle Veranstaltungen leisten dazu bereits hervorragende Dienste – und es werden sicherlich noch weitere hinzukommen. Mir gefällt der Gedanke, dass Kinder nicht nur hier bei uns, sondern in ganz Europa von klein auf die Sprache ihres Nachbarn lernen. Vielleicht können wir uns heute noch nicht ganz vorstellen, welchen positiven Einfluss diese „Kleinigkeit“ einmal auf die Verständigung und Stärke ganz Europas haben wird.
Das ähnelt freilich dem Pflanzen eines Waldes: Wer junge Bäume setzt, weiß genau, dass er die ausgewachsenen Exemplare nicht mehr erleben wird. Dennoch tut er es – für die Zukunft derjenigen, die vielleicht noch nicht geboren sind. Ich glaube, dass wir viele Chancen haben – es liegt an uns, ob wir sie ungenutzt verstreichen lassen oder sie nutzen.
Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen – und Ihnen weiterhin alles Gute.
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer






