Um 1750 wurde das obere Moldautal in der Herrschaft Winterberg zur Gründung mehrerer Dörfer bestimmt – darunter auch Passeken. Das Ansiedlungsprivileg wurde am 14. April 1751 erteilt. Die Gegend war zuvor stark bewaldet und bildete die Grenze zwischen der Herrschaft Winterberg und dem Gut Großzdikau.

Erst im 18. Jahrhundert begann unter den Fürsten Schwarzenberg die planmäßige Kolonisierung der Grenzgebiete. So entstanden zahlreiche Dominikaldörfer „aus purem Walde“. 1780 lebten in Passeken sechs „Dominikal-Kolonisten“, später kamen verpflichtete fürstliche Holzhauer hinzu. Die ersten Siedler waren unter anderem Matthäus Kübelbeck, Jakob Zageka, Bartl Swatosch und Johann Temerl (die meisten Ansiedlerverzeichnisse der Ortsgründungen in der Gegend sind in den Schwarzenbergischen Archiven erhalten geblieben). 1855 zählte die Ortschaft bereits 14 Häuser.
Passeken lag auf einer Seehöhe von ca. 1.000 Metern – die Angaben schwanken zwischen 996 und 1.057 Metern. Am Höhepunkt einer Kältewelle wurden am 10. Februar 1929 minus 41 Grad gemessen. 1945 zählte Passeken 45 Häuser und 236 Einwohner. Der Ort gehörte zur Gemeinde Neugebäu im Gerichtsbezirk Winterberg und lag rund acht Kilometer westlich von Winterberg. Es gab eine einklassige Schule und eine Freiwillige Feuerwehr. Die Verwaltung und Pfarrkirche befanden sich in Neugebäu. Das kirchliche Leben prägte maßgeblich den Alltag der Bewohner – von der Geburt bis zum Tod.
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Zeitzeugenbericht von Alois Berger

Ich wurde am 18. Juni 1933 in Passeken (Paseka) geboren. Auch heute sind die Erinnerungen an den Ort noch lebendig, als wäre es gestern gewesen.
Unser Hof war groß. Wir hatten einen geräumigen Stall mit Kühen, Jungvieh und Ochsen, die wir für das Fuhrwerk brauchten. Für uns Kinder gehörte der Stall zum Alltag. Jeder hatte seine Hasen, die wir fütterten, und es war immer eine große Freude, wenn es Nachwuchs gab. Ich war viel im Stall, vielleicht auch deshalb, weil mein Vater von Geburt an gehbehindert war. Doch er war nie allein: Die Bauern, Nachbarn und vor allem die jungen Leute halfen gerne bei uns. Das lag sicher auch daran, dass mein Vater aus einer sehr großen Familie stammte – er hatte fünfzehn Geschwister – und bei uns immer ein reges Kommen und Gehen herrschte.
Von der ersten bis zur siebten Klasse ging ich im Böhmerwald zur Schule, die achte Klasse machte ich später in Bayern. Dort stellte mir die Lehrerin zunächst nur ein Zeugnis für die siebte Klasse aus, weil sie kaum glauben konnte, wie viel ich schon wusste.
Besondere Erinnerungen an Kuh Mannina
Unsere Viehweide war ein Paradies. Dort gab es Pilze, Hasen, Rehe – die Natur war überall. Oft kamen auch andere Kinder dazu. Wir ritten auf den Kühen, tranken direkt aus dem Euter die Milch und bespritzten uns gegenseitig damit. Manchmal vergaßen wir darüber völlig, nach Hause zu gehen.
Dann waren die Kühe schon allein im Stall, und wir bekamen ordentlich Ärger. Besonders erinnere ich mich an eine Kuh namens Mannina. Sie war unglaublich intelligent. Wenn sie ausriss und man sie rief, blieb sie stehen und schaute. Sah sie jemanden, drehte sie um. War sie aber einmal auf dem Heimweg, ging sie unbeirrbar weiter – selbst dann, wenn wir hinter ihr herliefen.
Im Dorf sprachen wir in der Schule nur Deutsch, auch wenn wir hier und da ein paar tschechische Wörter aufschnappten. Unser Haus war ein zentraler Treffpunkt. Wir hatten eine große Stube mit vielen Tischen, an denen jahrzehntelang Karten gespielt wurde. Im Stall und auf der Heuscheune war ständig Betrieb. Man konnte von hier direkt ins Heu oder ins Stroh springen – für uns Kinder ein großes Vergnügen.
„Hunger kannten wir nicht“

Eine eigene Kirche hatten wir nicht. Zum Gottesdienst gingen wir nach Neugebäu oder im Sommer auch nach Kaltenbach, jeweils mehrere Kilometer entfernt. Dafür hatten wir einen besonderen Kirchenanzug, den wir jeden Sonntag tragen mussten. Doch auf dem Weg lag ein Bach, in dem wir Fische sahen. Oft konnten wir der Versuchung nicht widerstehen – sehr zum Leidwesen unserer Mutter, denn der gute Anzug blieb dabei selten sauber.
Zu essen gab es immer genug. Viel Suppe, nach dem Schlachten die Schlachtschüssel. Das meiste Fleisch wurde geräuchert: Würste und Schinken hingen im großen Kamin, und das ganze Haus roch danach. Hunger kannten wir nicht.
Unser Hof hatte stets Kontakt zu den Tschechen. Sie hatten Mehl, wir Butter. Mein Vater pflegte gute Beziehungen, auch weil er einen Bruder in Österreich hatte, der Viehhändler war. Wenn dieser zu Besuch kam, herrschte Hochbetrieb. Ochsen wurden verkauft, eingekauft und waggonweise über Winterberg verschickt. Probleme mit den Tschechen gab es nie – auch in Kriegszeiten nicht. Ich sehe noch heute die langen Reihen vor mir: zwanzig Tschechen nebeneinander, jeder mit einem Rucksack voller Mehl. Sie gingen von Haus zu Haus und tauschten. Man begegnete sich immer freundlich.
„Zusammenhalt war selbstverständlich“

Die Menschen im Böhmerwald waren sehr arbeitsam. Alles wurde mit der Hand gemacht. Große Wiesen wurden gemäht, oft von sieben oder acht Männern, die frühmorgens kamen und einfach mithalfen. Dafür gab es ein gemeinsames Frühstück, das wir Buben hinaus auf die Wiese trugen. Zusammenhalt war selbstverständlich. Ebenso beim Heueinfahren: Wenn abends die jungen Leute aus Winterberg von der Arbeit kamen, halfen sie sofort beim Abladen der Wagen.
Wir stachen Torf bis fast nach Seehaid, nutzten ihn neben dem Holz aus unserem eigenen Wald zum Heizen. Die Äcker und Wiesen waren fruchtbar, durch Steinwälle getrennt. Gerste und Kartoffeln wuchsen gut, Roggen und Weizen wegen des Klimas kaum. Geschlachtet wurde im Haus, der Metzger kam zu uns, und alle halfen mit.
Pferde hatten wir nicht – wir arbeiteten ausschließlich mit Ochsen. Manchmal war mein Vater tagelang unterwegs, um Tiere zu verkaufen und neue zu kaufen, was zuhause nicht immer für Freude sorgte. Zwei Paar Ochsen brauchten wir immer am Hof.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, dann wird mir immer wieder bewusst, wie sehr mich meine Kindheit im Böhmerwald geprägt hat. Es war ein einfaches Leben, aber ein ehrliches. Wir hatten keine Maschinen, keinen Überfluss, doch wir hatten Arbeit, Zusammenhalt und eine tiefe Verbundenheit zur Natur. Jeder wusste, was zu tun war, und jeder half dem anderen, ohne viele Worte zu machen.
„Ihre Tränen vergesse ich nie“
Wenn ich durch die Gegend gehe, in der unser Dorf einmal gestanden ist, spüre ich eine große Wehmut. Die Häuser sind verschwunden, die Wege kaum noch zu erkennen. Doch in meinem Inneren leben sie weiter: die Stimmen der Nachbarn, das Lachen der Kinder auf der Viehweide, das Klappern der Holzschuhe auf dem Schulweg und der Geruch von frischem Heu und geräuchertem Fleisch im Haus.
Wenn ich an den Abschied denke, tut es noch immer weh. Wir mussten alles zurücklassen, was Heimat gewesen war. Meine Mutter hatte versucht, stark zu sein, doch ihre Tränen vergesse ich nie. Wir Kinder verstanden damals noch nicht, dass wir unser Zuhause für immer verloren hatten. Erst später begriff ich, was dieser Verlust bedeutete.
Wenn ich mein weiteres Leben betrachte, weiß ich jedoch auch, dass mir das, was ich im Böhmerwald gelernt hatte, geholfen hat. Die Arbeit, die Disziplin, der Respekt vor Mensch und Tier und der Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft trugen mich durch schwere Zeiten. Auch in Bayern fanden wir schließlich unseren Platz, weil wir zupacken konnten und wussten, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.
„Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern auch eine Erinnerung“
Ich habe gelernt, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern auch eine Erinnerung. Solange ich mich erinnere und davon erzähle, bleibt sie bestehen. Und so endet mein Bericht nicht mit Bitterkeit, sondern mit dem Wissen, dass meine Kindheit im Böhmerwald ein fester Teil meines Lebens geblieben ist – bis heute.
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Alois Berger ist inzwischen 94 Jahre alt. Zusammen mit seiner Frau Edith gründete er nach dem Krieg eine Firma für Präzisionsteile. Die Berger Group zählt aktuell weltweit ca. 2.600 Mitarbeiter. Und sein Wirken geht weit über die unternehmerischen Erfolge hinaus. Kaum ein Verein oder eine Institution wurde nicht schon von der Familie Berger in ihrer neuen Heimat unterstützt. Die Edith & Alois Berger Stiftung, ein Herzensprojekt, engagiert sich nicht nur in Uganda, sondern z.B. auch bei der Memminger Tafel oder beim Anti-Gewalt-Kompetenz-Zentrum.
Edmund Schiefer/Transkripition: Rudolf Hartauer
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Gemeinsam mit „Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte“ begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des 2. Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…








