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Nürnberg/Waldkirchen. Als Notarzt sollte Mehmet O. (40, Name geändert) in Waldkirchen und Umgebung Menschenleben retten – doch er hatte sich jahrelang auf Kosten der Patienten und der Kassenärztlichen Vereinigung bereichert. Die 18. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth verhängte deshalb an diesem Montag einen Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren gegen ihn – wegen Betrugs in 13 Fällen sowie sexuellem Missbrauch „unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses mit sexuellem Übergriff“. Der ehemalige Waldkirchener Mediziner sitzt bereits seit März 2025 in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte Mehmet O. hatte vor Gericht die Vorwürfe des Abrechnungsbetruges eingeräumt, die Vorwürfe des Sexualdelikts jedoch zurückgewiesen. Foto: E. Staudinger
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Der Mediziner, der zuletzt in der größten Stadt des Landkreises Freyung-Grafenau wohnhaft war, hatte die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) um 1.487.961,47 Euro betrogen und zwischen November 2021 und Oktober 2024 systematisch Leistungen abgerechnet, die er gar nicht oder nicht wie vorgeschrieben erbracht hatte. Darunter: mehr als 6.000 Hausbesuche.

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In mehr als 600 Fällen hatte er zudem telefonische Beratungen als teurere persönliche Behandlungen deklariert. „Selbst Aufenthalte bei seiner Geliebten rechnete er als Hausbesuche ab, manche Patienten besuchte er angeblich fünfmal am Tag“, stellt Richter Cornelius Sello in der Urteilsbegründung fest. O. habe sogar seine Geliebte dazu gedrängt, sich wegen Rückenschmerzen zu melden, er würde sie sogleich zu einem Hausbesuch aufsuchen.

Geld, ein BMW und jede Menge Gold

Zum Abrechnungsbetrug kommt ein sexueller Übergriff hinzu: Im Februar 2021 begrabschte er die Brust einer Patientin. Für seinen sexuellen Übergriff habe er die Behandlungssituation und das Vertrauensverhältnis ausgenutzt, heißt es in der Urteilsbegründung. Tatsächlich hatte er die Frau wegen einer Corona-Erkrankung aufgesucht und behauptet, sie abhören zu wollen. Die Patientin berichtete später, Angst vor dem Arzt gehabt zu haben, schließlich sei sie mit ihm allein in ihrer Wohnung in Passau gewesen.

Nach mehreren Beschwerden bei der KVB war der Mann schließlich aufgeflogen. Auch bei einer internen Prüfung waren zahlreiche Auffälligkeiten entdeckt worden. All diese Hinweise leitete die KVB an die Nürnberger Spezialstaatsanwaltschaft weiter – und die Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen reagierte mit einer Razzia: In der Villa des Mehmet O. wurde Geld beschlagnahmt sowie ein BMW, in seinen Bankschließfächern wurde Gold sichergestellt. All dies hat einen Gesamtwert von 612.000 Euro.

Der Mediziner war seit 2017 als „Poolarzt“ für die KVB im ärztlichen Bereitschaftsdienst tätig. Zur Erklärung: Ein „Poolarzt“ übernimmt – ohne Vertragsarzt zu sein – Bereitschaftsdienste und rechnet sie entsprechend einer Kooperationsvereinbarung mit der KVB ab. Der Arzt hatte behauptet, die Abrechnungsfehler seien allein aufgrund einer Unkenntnis entstanden – und weil er in ständiger Sorge um seine Familie in Syrien gelebt habe. Das Gold in seinem Schließfach will er nur besessen haben, um später einen potenziellen Schaden begleichen zu können.

Auf Kosten des Freistaats an Asylbewerber vermietet

Die Strafkammer nehme ihm diese Erklärung nicht ab, so Richter Sello. O. habe viele Gelegenheiten genutzt, um an Geld zu kommen: So erhob er Wochenendzuschläge auch am Freitag und rechnete als Impfarzt in der Corona-Zeit weit mehr Stunden ab, als er geleistet hatte. Auffällig sei auch, dass er sich in Niederbayern ein Gebäude gekauft hatte, das er – auf Kosten des Freistaats – an 25 Asylbewerber vermietet hatte.

Nun verliert O. sein angehäuftes Vermögen, er muss den angerichteten Schaden in Höhe von 1.487.961,47 Euro begleichen. „Die Voraussetzungen für die Verhängung eines Berufsverbots sah das Gericht nicht als gegeben an“, wie Tina Haase, Leiterin der Justizpressestelle, mitteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Elvira Staudinger

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