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Reichenberg. Eine über 50 Jahre alte, leicht verblasste Siegerurkunde vom Spezialtorlauf des SV St. Oswald am Lusen beweist, dass in den 1960er und 1970er Jahren auf dem beliebten Bayerwaldberg Skirennen absolviert wurden. Der Eigentümer dieses Papierrelikts: Heinz Eichinger aus Reichenberg (Gemeinde Sankt Oswald), eine der wohl bekanntesten Skifahrerlegenden im Bayerwald.

Nahezu auf jeder Fensterbank befinden sich in seinem Wirtshaus „Latsch’n Alm“ zumeist recht stattliche Pokale, die an die Erfolge von Heinz Eichinger als einen der erfolgreichsten Skirennläufer des Bayerischen Waldes erinnern. Fotos: Roswitha Prasser
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Er gewann in den Jahren 1963 bis 1982 fast alles, was man im Bayerischen Wald bei den Slalomabfahrten gewinnen konnte. Davon zeugen etliche große Pokale in seinem ehemaligen Wirtshaus „Latsch’n Alm“. Am 2. Mai feiert der noch immer leidenschaftliche Skifahrer seinen 80. Geburtstag.

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Beim Interview steht ein sowohl mental als auch physisch äußerst agiler Mann vor einem, der mit leuchtenden Augen berichtet, wie es damals war, das Skifahren im Bayerischen Wald – als Skirennläufer „auf der Überholspur“…

Von Reichenberg nach Zwiesel – zu Fuß!

Angefangen hat er das Skifahren bereits mit vier Jahren – in Gummistiefeln auf „Brettln“ aus Holz, die ihm der Großvater gefertigt hatte. Kein Schneehang war vor ihm sicher. Oft hatte er mit den Skiern seinen Vater begleitet, der im nahen Steinbruch arbeitete. Dort „treppelte“ er sich dann eine Bahn und fuhr den ganzen Tag, bis es wieder nach Hause ging.

Abfahrt am steilen und gefürchteten Lusenhang in den 1960er und 1970er Jahren. Foto: Heinz Eichinger

Eine ordentliche Skiausrüstung zu bekommen, war damals ähnlich beschwerlich, wie eine Piste zu präparieren. Heinz Eichinger erinnert sich noch gut daran, wie er einmal von Reichenberg bis nach Zwiesel 28 Kilometer zu Fuß ging, um sich dort im einzigen Sportfachgeschäft weit und breit einen Pullover zu kaufen – und mit einem, für damalige Verhältnisse sündhaft teuren, „knirschenden“ Plastikanorak für 69 Mark zurückkam. „Immerhin hat mir der Händler für den langen Fußweg 90 Pfennige im Preis nachgelassen“, blickt der 79-Jährige mit einem Schmunzeln zurück.

Die Entwicklung der Skipisten im Bayerischen Wald, der Liftanlagen und der Skiausrüstung hat der Skisport-Tausendsassa in den über sieben zurückliegenden Jahrzehnten intensiv miterlebt: Von den geschnürten Skischuhen aus Leder, in denen trotz dicker Socken die Füße schnell froren, bis hin zu den Hightech-Skistiefeln mit Schnallen, von den schweren „Brettln“ aus Holz bis zu den leichten Skiern aus Carbon – und von der Drahtseil-Zugvariante als Bindung über den Schnelleinstieg per Klick bis in die technisch auf den Millimeter genau einstellbaren Sicherheitsbindungen.

… ein Alpinrennen nach dem anderen gewonnen

„Schon als kleiner Bub wollte ich nur eins: Der Beste sein und alle Rennen gewinnen“, gesteht der ehrgeizige Pionier, der schon mit 14 Jahren erfolgreich die ersten Rennen absolvierte. Er war Teil des deutschen Jugendkaders und lernte in Garmisch-Partenkirchen auch Skifahrer-Legenden wie Rosi Mittermeier, Christian Neureuther, Toni Sailer und Frank Wörndl kennen.

Heinz Eichinger (l.) steht dann und wann noch mit seinen Sohn Heinrich im Sportgeschäft in Reichenberg.

In der Wintersaison 1963/1964 holte er sich als 17-Jähriger – ausgestattet mit 2,15 Meter langen Skiern aus Holz, einer noch nicht sicheren,  aber immerhin „festen Bindung“ und geschnürten Schuhen – fast alle Meistertitel, die es in seiner Klasse in der Abfahrt, im Slalom und Riesenslalom zu gewinnen gab. Ob bei Rennen auf dem Dreisessel, am Arber, Rachel, Lusen oder am steilen Kißlinger-Lift in Mitterfirmiansreut: Heinz Eichinger hat ein Alpinrennen nach dem anderen gewonnen – und wurde als Soldat in die Skimannschaft des Bundesgrenzschutz Deggendorf aufgenommen. Stolz ist er heute noch auf seinen größten Erfolg, den zweiten Platz bei den Deutschen Polizeimeisterschaften im Jahr 1966.

Eichinger erinnert sich gut: Auch damals gab es schneearme Winter und geplante Skirennen (wie die Jugend-Skimeisterschaften), die unter anderem vom Skilift „Juche“ in Grafenau weiter „nach oben“ in schneesichere Gebiete verlegt werden mussten. Und wenn es selbst auf 1.000 Höhenmetern im Bergdorf Waldhäuser auf den Skiliftanlagen zu wenig Schnee gab, dann hieß es für die Bayerwald-Ski-Asse früh am Morgen zu Fuß – den Rucksack und die Skier geschultert – über den verschneiten Winterweg hinauf zum Lusengipfel zu gehen.

Der kräftezehrende Aufstieg war Teil eins der beschwerlichen Vorbereitungen. Oben schweißgebadet angekommen, musste dann erstmal die steile und gefürchtete Lusenabfahrt nach Finsterau präpariert werden. In einer waghalsigen Tiefschneefahrt ging es zunächst bergab, um dann bergauf mit den Skiern die Piste durch „treppeln“ vorzubereiten und dabei gleichzeitig die Slalomstöcke zu setzen. „Die waren damals noch aus Holz und gaben nicht nach, wie heute die Kippstangen aus leichtem Carbon“, erzählt Eichinger und ergänzt: „Die Rennen auf den Bergen wie am Lusen oder auch vom Rachelgipfel über die Telefontrasse zum Klingenbrunner Bahnhof waren für uns immer sehr mühsam.“

Den Wintersporttourismus nach Reichenberg gebracht

Stolz ist er auf seine vielen Urkunden wie diese vom Spezialtorlauf am Lusen.

Acht Stunden dauerte für ihn der Aufstieg von Reichenberg zum Waldschmidthaus auf den Rachel. Das bedeutete, um vier Uhr morgens aufstehen und im Dunkeln losgehen. Gottseidank hatte der Bundesgrenzschutz damals schon die Abfahrt „geglättet“. Sein letztes Rennen bestritt Eichinger 1982 in Raben bei Schönberg. Trotz aller Strapazen schwärmt er noch gerne von den alten Zeiten, trauert ihnen ein wenig wehmütig nach. Der Zusammenhalt und das Miteinander sei früher ein Besseres gewesen als heute, meint er.

Egal, auf welchen Pisten im Bayerwald: Eichinger und seine Mitstreiter fuhren sich in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer, die damals noch sehr zahlreich zu den Rennen kamen. „In Grafenau waren es meist um die 1.000, in Bodenmais am Rißloch schon mal an die 3.000 Zuschauer, die uns begeistert anfeuerten und auf den Tribünen umjubelten“, erinnert sich der Reichenberger und strahlt.

Doch der Skisport begeisterte Heinz Eichinger über die Skirennen hinaus. Bereits mit 18 Jahren gründete er den Skiclub Reichenberg, den er 37 Jahre als Vorstand leitete. 1968 kaufte er sich einen neuen Bügel-Skilift und installierte diesen hinter seinem Haus an einem Nordhang mit Blick auf den Rachel. Damit brachte er den Wintersporttourismus nach Reichenberg und gab sein Wissen gerne an Gäste sowie an die Jugend, insbesondere an seine ebenfalls skibegeisterte Enkelin Aliah-Delia, weiter. Ein Jahr später kündigte er seinen sicheren Job als Glasschleifer und gründete in der Garage seines Hauses in Reichenberg ein Sportgeschäft mit angegliedertem Wirtshaus, um dort die Gäste seines Skilifts bewirten zu können.

„Ohne Kunstschnee geht nichts mehr“

In den schneereichen Jahren stand alles auf Erfolg: Das Geschäft expandierte. Doch die oft schneearmen Winter in Folge bedeuteten für kleine Liftanlagen im Bayerischen Wald große Gewinneinbrüche. „Ohne Kunstschnee geht nichts mehr“, ist sich Eichinger sicher. Da diese Investition für die meisten der Kleinliftbesitzer allein oder ohne Unterstützung der Gemeinden nicht realisierbar ist, hat der Visionär zumindest für seinen Skilift in Reichenberg eine Idee: Er möchte eine Gesellschaft gründen, die gemeinsam Skikanonen erwirbt. Als Benefit könne dann jedes Mitglied im Winter gratis Skifahren.

Ob es jedoch dazu kommt und bis es vielleicht eines Tages so weit ist, organisiert der nimmermüde Skiprofi für seine gut 15 Jahre jüngeren Freunde aus dem Tittlinger Radclub gemeinsame Skifahrten in die Alpen und auf die schneesicheren Gletscher. Und der, dem es früher nie schnell genug den Hang hinunter gehen konnte, gesteht heute schmunzelnd: „Im Alter wird man dann allerdings doch etwas vorsichtiger beim Skifahren.“

Roswitha Prasser

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Eine Veröffentlichung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischer Wald-Verein, dem Verein für Heimat- und Volkstumspflege, Kulturarbeit, Natur- und Landschaftsschutz sowie Wandern im Bayerischen Wald, der auch für das Projekt „WanderKultur“ verantwortlich zeichnet.


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