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Viechtach. Rainer Plötz aus Furth im Wald und Vincent Domröse aus Neukirchen b. Hlg. Blut starteten im November in Cham mit ihrer Vortragsreihe „Louder than Death“ („lauter als der Tod“), mit der sie als Betroffene über das Thema Organspende aufklären wollen. Vor Kurzem waren sie in der Realschule Viechtach auf Einladung der beiden Religionslehrerinnen Simone Kopp und Gabriele Anzenberger zu Gast.

Sie sind „louder than Death“:  Rainer Plötz (links) wartet auf eine Spenderniere und eine Bauchspeicheldrüse. Seinem Kollegen Vincent Domröse wurde bereits zweimal eine Leber transplantiert. Fotos: Marika Hartl

„Unser Ziel ist nicht, euch zu überreden, Organspender zu werden. Wir wollen, dass ihr nachdenkt: Was soll nach meinem Tod mit meinen Organen passieren? Sollen sie mit mir vergraben, verbrannt werden? Oder will ich sie spenden und damit Leben retten?“, erklärte Vincent Domröse den Zehntklässlern.

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„Drei Tage würde ich maximal leben ohne Dialyse“, berichtete Rainer Plötz und zeigte auf seine Dialysezugänge am Bauch. Seit 2003 ist er Diabetiker, 2017 hatte er eine Niereninsuffizienz im dritten Stadium diagnostiziert bekommen. Am 18. Januar 2023 bekam er erstmalig Dialyse und wurde auf die Warteliste für Bauchspeicheldrüse und Niere gesetzt. Laut Statistik muss er etwa fünf Jahre auf beide Organe warten. Bräuchte er nur eine Niere, wären es zehn Jahre.

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Emotional, schonungslos, bewegend

„Dialyse ist eine krasse Sache“, erläuterte Plötz und fügte hinzu: „Du kannst nicht viel machen.“ Er sei Schlagzeuger und spiele in einer Band namens Heartless Day. Sport könne er keinen mehr betreiben, genauso wenig etwaigen Hobbys nachgehen. „Das Immunsystem ist runtergefahren und ich muss drauf achten, dass ich nicht krank werde.“ Der Vortrag vor den Schülerinnen und Schülern gestaltete sich sehr emotional und war aufgrund der schonungslosen Ehrlichkeit der beiden sympathischen jungen Männer überaus bewegend.

Plötz erinnerte sich an einen besonderen Tag im Januar:

„Um 2.30 Uhr nachts kam der Anruf vom Klinikum Großhadern, wo ich transplantiert werden sollte. Sie fragten, wie schnell ich in München sein könne, denn aus Kroatien würden eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse geliefert werden. Meine Frau packte in Windeseile die Koffer. Mein Bruder hat mich gefahren. Wir waren um 6 Uhr dort. Ich kam in die Notaufnahme, wurde geröntgt, denn meine Niere sollte im Körper bleiben – und die neue im Becken eingesetzt werden.

Auf der Station wurde mir dann Blut abgenommen. Wir machten ein EKG und unzählige Untersuchungen, füllten das ganze Juristische aus. Die Bauchspeicheldrüse würde an den Dickdarm angenäht werden, doch als mittags die Organe kamen, war die Bauchspeicheldrüse in keinem so guten Zustand, als dass man sie hätte einbauen können.“

„Mit dem Dialysekoffer auf Tour“

Wie groß die Enttäuschung damals gewesen war, ist ihm noch heute anzusehen. „Niemand weiß, wo der Fehler lag. Das ist arg. Es war ein Schlag ins Gesicht – und ich musste wieder heimfahren.“ Und weil es nicht geklappt hatte, muss er nun wieder täglich die neunstündige Dialyse durchführen – und abwarten, ob ein weiterer Anruf kommt. „Aber ich lass mich nicht unterkriegen. Viele werden psychisch krank, kommen mit der Situation nicht klar, verlieren ihren Freundeskreis. Ich hingegen bin mit dem Dialysekoffer auf Tour gegangen“, gibt er sich kämpferisch.

Der Musiker erklärte der Klasse den Dialysevorgang anhand von Fotos und ging dabei auch auf die sog. Hämodialyse ein, bei der man dreimal wöchentlich vier bis fünf Stunden eine Blutwäsche in einem Krankenhaus bekommt. Die rund sieben Liter Blut werden dabei zehnmal gefiltert, um alle Giftstoffe zu entfernen. „Urlaub oder wegfahren geht einfach nicht, denn die Krankheit kennt keinen Feiertag. Du planst deinen Alltag um die Krankheit herum, hoffst täglich auf den Anruf und darauf, dass du gesund wirst.“ Bis dahin fühlen sich die Wartenden generell schlapp, kraftlos und müde.

„Deswegen stehe ich noch hier“

Die beiden Referenten erklärten den Realschülern, wo die neuen Organe im Beckenbereich hinkommen.

Die Wartezeit liegt bereits hinter ihm: Vincent Domröse blickt heute auf eine dramatische Krankengeschichte zurück. Mit 19 Jahren bekam er seine erste neue Leber, doch erst eine zweite Transplantation dreieinhalb Jahre später brachte die Rettung. Auslöser war ein akutes Leberversagen durch eine rätselhafte toxische Reaktion. „Es kann von verunreinigtem Fleisch oder von K.o.-Tropfen kommen, die mir jemand beim Ausgehen ins Getränk getan hat – man weiß es nicht.“

Wie sehr er litt, verdeutlichte er Schülern anhand von Fotos, die seinen damals völlig gelb verfärbten Körper zeigen. „Erst wurden die Augen gelb, dann der komplette Körper“, schilderte er seine damalige Metamorphose. Trotz der Lebensgefahr bewahrte er sich seinen Witz: „Ich nannte mich selbst einen von den Simpsons.“ Domröse ist überzeugt: „Humor ist das Wichtigste – ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.“

Er habe alles in allem Glück gehabt, zeigt er sich heute dankbar für seine Genesung – „deswegen stehe ich noch hier. Und Rainer wird hoffentlich in zehn Jahren auch noch hier stehen“, wünscht er seinem auf ein Organ wartenden Kollegen.

Mehr Organ-Import als -Export

Deutschland ist in einem Verbund mit Belgien, Kroatien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Slowenien und Ungarn bei Eurotransplant, einer internationalen, gemeinnützigen Stiftung, die als zentrale Vermittlungsstelle für Organspenden fungiert. Andere Länder haben die Widerspruchslösung gewählt, bei der man von Geburt an als Organspender auftritt.

In Deutschland ist aktiv anzugeben, ob und welches Organ man spenden will. Ansonsten entscheiden die Hinterbliebenen. In den vergangenen 20 Jahre entstand so ein Ungleichgewicht: Es werden wesentlich mehr Organe importiert als exportiert. „Vielleicht fliegen wir auch aus dem Verbund raus, weil wir es in Deutschland nicht geregelt bekommen, Organe zu spenden“, wie die beiden Referenten befürchteten.

Marika Hartl


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