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Regen. Mit dem Leitgedanken „Erinnern heißt Verantwortung übernehmen“ lud Brian Lobo, ehemaliger Vorsitzender des Oberstübchen e.V., öffentlich dazu ein, „das Andenken der Opfer zu bewahren, ihre Geschichten hörbar zu machen und ein sichtbares Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus, Ausgrenzung und Hass zu setzen sowie eine Kerze für die Opfer des Nationalsozialismus anzuzünden“. Anlässlich des jährlichen Gedenkens an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch Soldaten der Roten Armee fand am Dienstagabend eine Mahnwache am Regener Stadtplatz statt. 

Rund 50 Teilnehmer waren gekommen: Polizei war für den Fall der Fälle vor Ort, aber die Gedenkstunde verlief harmonisch und friedlich. Fotos: Marika Hartl

Regens Bürgermeister Andreas Kroner, Antonia Neuberger (Jugendforum Zwiesel), Karin Algasinger (Omas und Opas gegen Rechts im Landkreis Regen), Martin Aigner (Vielfalt im Woid) und Michael Schmidt (Die Linke OV Regen) äußerten sich anlässlich dieser Erinnerung jeweils mit verschiedenen Erfahrungen und Aspekten.

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Antonia Algasinger erinnerte daran, dass vor 81 Jahren die Opfer im KZ Ausschwitz im heutigen Polen befreit worden sind. Sie beschrieb die Tötung in der als Duschkammer getarnten Räumlichkeiten. „Das Leid kann man nur erahnen. Es ist unbeschreiblich, was Menschen anderen Menschen antun. Sowas darf nie wieder geschehen.“ Sie mahnte an, dass es auch im Landkreis Regen ebenfalls Opfer gab, aber kaum eine Erinnerungskultur daran:

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„Wir sind in der historischen Verantwortung“

Auch Antonia Neuberger vom Jugendcafé Zwiesel fordert: „Seid Menschen!“

„Fast nirgends sieht man Gedenktafeln oder Stolpersteine. Es bleibt viel zu tun. Wir sind in der historischen Verantwortung. Sowas darf sich nie wieder wiederholen. Es war das dunkelste Kapitel in Deutschlands Geschichte. Gleichgültigkeit ist der Boden, auf dem Hass gedeiht. Wir geben das Versprechen, in Gegenwart und Zukunft Zivilcourage zu zeigen und den Mund aufzumachen, wenn die Demokratie in Gefahr ist.“ Denn der Rechtsruck in der Gesellschaft sei nicht zu widerlegen. „Der Holocaust begann mit Ausgrenzung durch Worte, Fehlen von Empathie“ – nicht nur in der großen Politik, sondern auch in unserer Region.

Antonia Neuberger vom Jugendforum Zwiesel berichtete von Verfolgten, Entrechteten, Deportierten und Ermordeten. Die meisten Holocaust-Überlebenden „leben in Altersarmut, da sie keine Entschädigungen bekamen. Das ist eine Realität, die uns beschämen sollte. Antifaschismus ist Eigenreflexion und Fragen stellen, wo bisher geschwiegen wurde.“ Sie schloss mit einem Zitat von Margot Friedländer, verstorben am 9. Mai 2025: „Seid Menschen!“ Man soll die Welt versöhnen und menschlich bleiben. „Solidarität ist unsere stärkste Waffe.“

Regens Bürgermeister Andreas Kroner hatte extra die Stadtratssitzung abgebrochen, um an der Mahnwache teilnehmen zu können. Er habe seinen schulischen KZ-Besuch noch gut in Erinnerung, denke in vergangener Zeit vermehrt daran. „Wir müssen Flagge zeigen und aufstehen!“ Besonders eindringlich sei für ihn das Gespräch mit einer 90-jährigen Dame gewesen, die im Krieg vor dem Erschießungskommando stand. Dies habe ihn noch lange beschäftigt. „Zeitzeugen sterben aus. Gedenken heißt kämpfen, dass sich dieses Thema nie wieder wiederholt.“

Täter und Opfer aus dem Bayerischen Wald

Bürgermeister Andreas Kroner hatte eine Stadtratssitzung abgebrochen, um an der Mahnwache teilnehmen zu können.

Der Viechtacher Martin Aigner beschäftigte sich mit den Schicksalen von Zwangsarbeitern, „slawischen Untermenschen“. Im Landkreis Regen gab es Zwangsarbeiter vor allem in landwirtschaftlichen Betrieben. Liebesbeziehungen waren ihnen verboten. Er beschrieb eine Jugendliche, der am 19. April 1940 von NS-Funktionären die Haare rasiert worden sind. Anschließend wurde sie mit Plakaten an Brust und Rücken herumgeführt und am Startplatz Regen zur Schau gestellt. Ein Ortsgruppenleiter wollte gesehen haben, wie sie einen Polen im Brauereieingang geküsst hatte. „Bei anderen ist es noch schlimmer ausgegangen – und die Zwangsarbeiter wurden mit dem Tod bestraft.“

Aigner berief sich auf den BR-Journalisten Thomas Muggenthaler, der in einem Buch „Verbrechen Liebe“ des Lichtung Verlags von 22 solchen Fällen in Niederbayern berichtet. Unter anderem: In Bruck liebte ein Pole eine Magd, die Bäuerin denunzierte 1940 das Paar. Die Magd wurde verhaftet, ins KZ gebracht und verstarb dort mit 22 Jahren. Der Pole wurde am Brucker Bergerl hingerichtet, was sämtliche Anwohner zur Abschreckung mitansehen mussten.

Michael Schmidt von Die Linke erinnerte in seiner Rede an Einzelschicksale wie Anne Frank. „Vieles wird verdrängt, vergessen, verschwiegen. Es gibt nicht nur die großen Schalthebel der Macht, sondern auch Täter aus unserer Gegend. Allen voran Josef Glück.“ Dieser machte sich Sorgen, ob er genug Munition zum Erschießen hat. „Er starb, ohne Verantwortung zu zeigen oder Reue.“ Dies führe vor Augen, wozu der Mensch fähig sei, wenn er „von Politik und Medien zur Entmenschlichung getrieben wird, wenn Menschen nur noch Nummern und Leichen sind. Auch die Sprache verroht zusehends.“

„Zeichen des Mitgefühls“

Regens Jugendtreff-Leiterin Ina Gruber bat, gemeinsam „Shalom Chaverim“ zu singen. Nach einer Schweigeminute für die Opfer des Naziregimes beendete Brian Lobo, dessen Oberstübchen-Kollege Chris Friebe ein Gedicht vorgetragen hat, die Veranstaltung, „die ein Zeichen des Mitgefühls, ein Zeichen der Erinnerung, der Verantwortung für Gegenwart, Zukunft war, damit die demokratischen Werte nicht unter Druck geraten durch populistische Politik. Lasst uns den Gedanken weitertragen – und Haltung zeigen.“

Marika Hartl

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Unterstützt wurde die Veranstaltung der drei Organisatoren „Vielfalt im Woid“, „Omas und Opas gegen Rechts im Landkreis Regen“ und „Queer im Woid“ durch: Bündnis 90/Die Grünen KV Regen, Die Linke OV Regen, SPD & Unabhängige Regen, SPD AfA Bezirk Niederbayern, DGB KV Regen, Ver.di OV Bayerwald, , Jugendforum Zwiesel, KJR (Kreisjugendring Viechtach-Regen), Niederbayern Nazifrei;

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