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Der Böhmerwald durchlief um die Mitte des 20. Jahrhunderts eine tiefgreifende Veränderung – sowohl in der Bevölkerungsstruktur als auch im Landschaftsbild. Die deutschsprachige Bevölkerung floh, wurde vertrieben oder zwangsweise ausgesiedelt, meist nach Deutschland. An ihre Stelle traten teils neue Siedler aus verschiedenen Regionen der damaligen Tschechoslowakei. Aber auch aus anderen ost- und südosteuropäischen Staaten.

Die Überbleibsel der Ortschaft Bučina/Buchwald sind bequem mit dem Igelbus von Finsterau-Wistlberg aus erreichbar. Fotos: Archiv BWM-Wien

In ihrer Anzahl konnten sie jedoch der ursprünglichen Bevölkerung nicht annähernd entsprechen, zudem stammten sie aus völlig anderen geografischen und klimatischen Verhältnissen. Viele von ihnen verließen ihre neuen Wohnsitze im Böhmerwald bald wieder. Einige kamen lediglich aus Opportunismus, um sich materiell zu bereichern. So blieben zahlreiche Häuser und ganze Dörfer menschenleer – und wurden später oft dem völligen Verfall oder gezielten Demolierungen preisgegeben.

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Die Geschichten vom Untergang der einzelnen Orte verliefen je nach Zeit und Lage unterschiedlich. Dieser Beitrag stellt daher ein Thema, das häufig nur lokal betrachtet wird, in einen breiteren Kontext der Geschichte der böhmischen Grenzgebiete in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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Ungünstiges Klima, infrastruktuelle Rückständigkeit

Über Stodůlky/Stadln hat das Onlinemagazin da Hog’n erst jüngst berichtet.

Durch die Dekrete vom Sommer 1945 wurde die deutschsprachige Bevölkerung in der Tschechoslowakei unter anderem enteignet. Der Staat verfolgte aber trotzdem das Ziel, das gewonnene Vermögen zu erhalten. Zu diesem Zweck entstanden mehrere Institutionen: der Osidlovací úřad (Siedlungsamt) zur Unterstützung der Besiedlungspolitik in den Grenzregionen, der Národní pozemkový fond (Nationaler Bodenfonds), der landwirtschaftlichen Besitz verwaltete und umverteilte, sowie der Fond národní obnovy (Fonds zur nationalen Erneuerung), zuständig für nichtlandwirtschaftliches Eigentum.

Ziel war es, neue Siedler für die entvölkerten Gebiete zu gewinnen, die dort Häuser und Höfe übernehmen und wieder bewohnen und bewirtschaften würden. Doch gerade im Böhmerwald stießen diese Bemühungen auf geringes Interesse. Ungünstiges Klima, infrastrukturelle Rückständigkeit und periphere Lage machten die Region wenig attraktiv. Trotz aller Initiativen erreichte die Zahl der neuen Bewohner nie das Vorkriegsniveau. Bald zeigte sich, dass die Grenzdörfer nicht mehr in ihrer ursprünglichen Dichte besiedelt werden konnten.

In der Folge begannen die ersten Abbrüche von Gebäuden, bei denen keinerlei Aussicht auf Wiederbesiedlung bestand. Der Nationalfonds verkaufte Häuser an Betriebe und Privatpersonen unter der Auflage, sie vollständig abzutragen und das Material restlos zu beseitigen. In der Nachkriegszeit bot dies vielen eine willkommene Gelegenheit, günstig an Baumaterial für den eigenen Hausbau im Landesinneren zu gelangen.

Nur Angehörige der Grenzwache durften Sperrgebiet betreten

Zvonková/Glöckelberg, wie es früher einmal war…

Bereits im August 1947 entstand zudem eine Liste jener Ortschaften, deren Wiederbesiedlung aus Gründen der „Landesverteidigung“ nicht erwünscht war. Und in denen unbewohnte Häuser zu beseitigen waren. Meist handelte es sich um Siedlungen in unmittelbarer Nähe der westlichen Staatsgrenze der Tschechoslowakei. Dadurch konnten auch die neuen Interessenten gezielt in Orte weiter von der Grenze entfernt gelenkt werden, damit sich die ohnehin geringe Zahl neuer Bewohner nicht auf zu viele Orte verteilte.

Der kommunistische Umsturz vom Februar 1948 wirkte in der Frage der Demolierungen als Beschleuniger. Der Böhmerwald geriet unmittelbar an den Eisernen Vorhang mit einem streng bewachten Grenzregime. Im sogenannten „Zakázané pásmo“, einem meist etwa zwei Kilometer breiten Sperrgebiet entlang der Grenze, durften sich ausschließlich Angehörige der „Pohraniční stráž“ (Grenzwache) bewegen. Auch das breitere „Hraniční pásmo“ unterlag strengen Kontrollen: Zwar durften die Einwohner bleiben, doch unter Einschränkungen.

Im Sperrgebiet selbst wurden in den folgenden Jahren nahezu alle Gebäude zerstört, die nicht von der Grenzwache genutzt wurden. Auf diese Weise verschwanden unter anderem Bučina/Buchwald, Knížecí Pláně/Fürstenhut, Horní und Dolní Světlé Hory/Ober- und Unterlichtbuchet, Krásná Hora/Schönberg, Nové Údolí/Neuthal und Zvonková/Glöckelberg. Auch in etwas weiter von der Grenze entfernten Ortschaften wurden leerstehende Häuser bis 1960 systematisch abgerissen – ebenso wie die Siedlungen im Sperrgebiet durch das Militär.

Lipno-Stausee und Militärgebiete statt Ortschaften 

Ondřejov/Andreasberg ist komplett verschwunden.

Die letzten größeren Abbruchaktionen im Böhmerwald um die Mitte der 1960er Jahre standen im Zusammenhang mit der allmählichen Öffnung gegenüber dem Westen. Angesichts der zunehmend häufigen Besuche vertriebener Böhmerwäldler, der Konfrontation mit dem oft beklagenswerten Zustand ihrer einstigen Heimat und der Veröffentlichung entsprechender Bilder in Büchern und Zeitschriften – etwa im damaligen Böhmerwäldler Heimatbrief – entschlossen sich die tschechoslowakischen Behörden zu weiteren Abrissen, um das Erscheinungsbild der Grenzdörfer zu „verbessern“. In diesem Zusammenhang wurden beispielsweise die Kirchen der hl. Dreifaltigkeit in Strážný/Kuschwarda und der hl. Anna in České Žleby/Böhmisch Röhren abgerissen.

Das Entstehen großflächiger menschenleerer Gebiete eröffnete dem tschechoslowakischen Staat zugleich in den späten 1940er Jahren Möglichkeiten, die in einem dicht besiedelten Raum kaum umsetzbar gewesen wären. Im Böhmerwald betraf dies insbesondere den Bau des Lipno-Stausees sowie die Einrichtung der Militärgebiete Boletice und Dobrá Voda.

Der Bau des Lipno-Stausees in den Jahren 1952 bis 1959 führte zur Überflutung eines Teils des Moldau-Tals, in dem zahlreiche Ortschaften lagen. Anders als bei den zuvor genannten Demolierungen schloss dieses Projekt jedoch an Pläne an, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden waren. Nach der verheerenden Flut von 1890 entwickelte Ing. Wenzel Daniel ein Konzept für eine Reihe von Stauseen am Oberlauf der Vltava/Moldau und Malše/Maltsch.

Unter dem Wasserspiegel verschwand Unterwuldau

Auf diesem Bild zu sehen: Das Wasserhäusl in Passeken/Paseka

Seine Idee wurde weiterentwickelt und in den 1930er Jahren entstand erstmals der Vorschlag, eine Talsperre bei Lipno/Lippen zu errichten – kurz bevor der ruhige Fluss bei Vyšší Brod/Hohenfurth in ein steiles felsiges Bett eintritt. Die ursprünglichen Pläne griffen nicht in Siedlungen ein. Sie scheiterten aber trotzdem am Widerstand der Grundstückseigentümer. Eine Talsperre in heutiger Größe erwogen erstmals die Nationalsozialisten, konnten sie jedoch während des Zweiten Weltkrieges nicht umsetzen. Erst der tschechoslowakische Staat realisierte das Projekt – wesentlich erleichtert durch den Umstand, dass sich die Grundstücke größtenteils bereits in Staatsbesitz befanden. Unter dem Wasserspiegel verschwanden ganze Ortschaften. Darunter Dolní Vltavice/Unterwuldau mit der Kirche des hl. Linhart.

Nördlich des Lipno-Stausees wurde 1950 der Truppenübungsplatz Boletice gegründet, benannt nach der Ortschaft Boletice/Polletitz im Bezirk Český Krumlov/Böhmisch Krumau. Die Idee zu seiner Errichtung entstand vermutlich schon kurz nach Kriegsende im Mai 1945. Die Umsetzung erleichterte nicht nur die Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung. Sondern auch das Gesetz „Lex Schwarzenberg“, durch das der umfangreiche Besitz von Dr. Adolf Fürst zu Schwarzenberg, dem bedeutendsten Grundbesitzer der Region, zugunsten des Landes Böhmen enteignet wurde.

Bis 2016 umfasste der Militärbezirk 21.949 Hektar. Danach wurde er verkleinert und einige bewohnte Ortschaften ausgegliedert, die seitdem die Gemeinde Polná na Šumavě/Stein im Böhmerwald bilden. Verschwunden sind jedoch Orte wie Vitěšovice/Kriebaum, Ondřejov/Andreasberg oder Jablonec/Ogfolderhaid. Der Übungsplatz wird bis heute sowohl von der tschechischen Armee als auch von NATO-Partnern genutzt.

…von der Natur zurückerobert…

Auch in die Vergangenheit des inzwischen verlassenen Ortes „Grün“ wird geblickt.

Der zweite Truppenübungsplatz des Böhmerwaldes, Dobrá Voda, benannt nach der gleichnamigen Ortschaft im Bezirk Sušice/Schüttenhofen, entstand 1952 und wurde 1991 wieder aufgelöst. Mit 17.080 Hektar war er etwas kleiner als der Truppenübungsplatz Boletice. Hier wurde unter anderem auch die Ortschaft Stodůlky/Stadln zerstört.

Viele der betroffenen Gebiete wurden nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Tschechoslowakei Ende 1989 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Landschaftsbild, das sich seitdem den Besuchern des Böhmerwaldes bietet, unterscheidet sich jedoch deutlich von jenem, das alte Fotografien vermitteln. Dörfer, Kirchen, Häuser und Bauernhöfe sind verschwunden und die Kulturlandschaft wurde über vier Jahrzehnte des Kommunismus und des Eisernen Vorhangs teilweise von der Natur zurückerobert.

Dieser außergewöhnliche Prozess kann im Kontext der dramatischen Entwicklung der böhmischen Grenzgebiete im 20. Jahrhundert als ein positiver Moment gewertet werden. Ein großer Teil des Böhmerwaldes wurde 1991 zum Nationalpark Šumava erklärt, der unmittelbar an den Nationalpark Bayerischer Wald grenzt und gemeinsam mit diesem eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Zentraleuropas bildet.

Erinnerungen, Erzählungen, Forschungen, Publikationen

Die verschwundenen Dörfer selbst sind jedoch nicht vollständig aus dem Bewusstsein getilgt. Viele Demolierungen wurden nie ganz vollendet, sodass zahlreiche Grundmauern und Ruinen bis heute in der Landschaft erkennbar sind. Auch aus dem Gedächtnis sind sie nicht verschwunden. Die Erinnerungskultur der vertriebenen deutschsprachigen Böhmerwäldler hielt sie in Zeitschriften und Büchern lebendig. Sie führte nach 1989 zu vielen Initiativen zur Wiederherstellung verwüsteter Friedhöfe und Kirchen. Oder zur Errichtung von Gedenksteinen und Kreuzen an Orten völlig verschwundener Siedlungen.

Hinzu kommen neuere Forschungs- und Dokumentationsprojekte, die auch das Interesse der tschechischen Historiker, Forscher und Öffentlichkeit widerspiegeln, wie das Buch „Zmizelé Sudety / Das verschwundene Sudetenland“ (1. Auflage 2004, 7. Auflage 2025) der gemeinnützigen Organisation Antikomplex, die Webseite zanikleobce.cz über verschwundene Orte und Objekte in Tschechien oder die 2025 erschienene dreibändige Enzyklopädie von Jiří Padevět zum Thema „Zaniklé obce“ (Verschwundene Dörfer).

Viele Dörfer im Böhmerwald sind zwar physisch verschwunden. Doch sie bleiben sie Gegenstand von Erinnerungen, Erzählungen, Forschungen und Publikationen. Ihre Namen finden sich weiterhin auf Landkarten und Wegweisern und ihre Orte werden zu Zielen von Ausflügen. Und ihre Überreste prägen den „Genius Loci“ des Böhmerwaldes.

Luděk Němec

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Gemeinsam mit „Der Böhmerwald – Natur, Kultur, Geschichte“ begibt sich das Onlinemagazin da Hog’n in nächster Zeit auf Erkundungstour: Im Rahmen der Serie „Verschwundenes Behm“ werden die Dörfer thematisiert, die auf tschechischer Seite in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach Ende des 2. Weltkrieges erst verlassen und dann zerstört worden sind. Gegen das Vergessen, für ein bayerisch-böhmisches Miteinander…

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1 thought on “Verschwundenes Behm (1): „Genius Loci“ des Böhmerwaldes

  1. Hallo werte Hogner,
    das Thema interessiert mich als direkter Grenznachbar sehr, bleibts bitte dran, mit vielen historischen Bildern! Viele Reste der Ortschaften kann man heute einfach mit dem (E-)Bike nacherkunden, das ist spannend für Jung und Alt und verhindert das Vergessen, finde ich sehr wichtig!

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