Hengersberg/Stadln. „Stellen Sie sich vor, Sie wurden in einem Dorf geboren, das es einfach nicht mehr gibt. Das nie existiert hat. Ein weißer Fleck auf der Landkarte.“ Elfriede Endl ist eine ruhige Frau, mit nun 86 Jahren wählt sie überlegt ihre Worte. Nur bei diesem Satz wird sie zornig. Und diese Wut war es auch, die sie in den vergangenen Jahrzehnten angetrieben hat. Die Mission: Ihr Heimatdorf im Böhmerwald wieder auferstehen zu lassen…

Ein Ort namens „Stadln“ (tschechisch: Stodůlky) mit rund 2.000 Einwohnern und 26 Ortsteilen, der damals flächenmäßig die zweitgrößte Gemeinde in Böhmen nach Prag war. Wie alle Deutschen wurde Endls Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben. Jahrzehnte lang gab es keine Möglichkeit, die Heimat wiederzusehen. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte man wieder ohne Einschränkungen auf tschechisches Gebiet reisen.
Mit ihrem Kindheitsfreund Hans Zettl – sie, das „Friederl“, nennt ihn „Hansl“ – fuhr sie damals zum ersten Mal rüber und versuchte ihren gemeinsamen Weg zum Kindergarten nachzuvollziehen. „Die Tränen rannten nur so. Wir konnten beide nicht sprechen.“ Doch vor allem, als sie erstmals auf eine Landkarte blickte und einfach nichts sah, war ihr Ziel klar…
Ausstellung im Grenzbahnhof Bayerisch Eisenstein

Ein befreundeter Tscheche sagte zu ihr: „Zeig’s ihnen. Zeig ihnen, was sie verloren haben!“ Also zeigte sie es ihnen – und das auch im zweiten Wortsinn. Eine anstrengende Zeit begann. Elfriede Endl und Hans Zettl wollten eine Ausstellung konzipieren – mit alten Bildern, die er, den es mittlerweile nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen hatte, seit Jahrzehnten gesammelt hat.
Es galt, mühsam Spenden einzutreiben, damit die Bilder vergrößert und gerahmt werden konnten. „Bei der ersten Anlaufstelle bin ich schon abgeblitzt“, erinnert sie sich heute. Erst die damalige Deggendorfer Oberbürgermeisterin Anni Eder wendete das Blatt. „Sie gab mir 500 Euro, damit ich überhaupt anfangen konnte.“ Weitere private Spender, wie etwa der damalige Landrat Christian Bernreiter, folgten. Staatliche Mittel hatte sie jedoch nie zur Verfügung. Die Ausstellung wurde schließlich Realität und ist heute als Dauerausstellung im Grenzbahnhof Bayerisch Eisenstein zu sehen. „Es war sehr wichtig für uns, dass sie einen festen Platz hat“, sagt sie heute dankbar.
Doch mit dem allein gibt sich Elfriede Endl nicht zufrieden. Der gläubigen Frau ist es auch zu verdanken, dass ihre Taufkirche, die Kirche von Dobrá Voda (zu deutsch: Gutwasser), heute wieder einen eigenen Kelch hat.
Guntherkelch für die Kirche in Dobrá Voda

Als sie zum ersten Mal das zusammengefallene Gotteshaus gesehen hatte, war an einen Kelch überhaupt nicht zu denken. Es galt, zunächst das Gebäude baulich instand zu setzen und den eingebretterten Altar wieder herzurichten. Als es möglich war, in Dobrá Voda einen Gottesdienst abzuhalten, fuhr Elfriede Endl hin. „Doch wir mussten uns immer aus der Nachbarpfarrei einen Kelch ausleihen“, erinnert sie sich. Dem damaligen Abt Marianus von Niederalteich kam es zu Ohren, dass sie einen Kelch brauchte. Er lud sie ein und stellte ihr aus der „Schatzkammer“ zwei Kelche zur Auswahl. Beide waren so verstaubt, dass Endl selbst kaum einen Unterschied ausmachen konnte, also verließ sie sich auf das gutgemeinte Augenzwinkern des ebenfalls anwesenden Pater Radmund, der offenbar besser Bescheid wusste.
Sie brachte den Kelch in der Folge zu einem Gürtler nach Winzer, der ihn in neuem Glanze erstrahlen ließ. Fortan war der „Guntherkelch“, wie er genannt wurde, stets mit dabei, wenn Elfriede Endl nach Dobrá Voda fuhr. Jahre später wurde er sogar als „Guntherkelch“ geweiht – was durchaus passend ist, denn die Geschichte des Heiligen Gunther ist sowohl mit dem Kloster Niederalteich als auch mit dem Gotteshaus in Gutwasser eng verbunden.
Da ihr die Sicherheit der Kirche in Böhmen als nicht ausreichend zuverlässig erschien, bewahrte sie den Kelch bei sich zu Hause auf. „Heuer an Pfingsten hab ich ihn dann übergeben – samt Urkunde, dass er nur in dieser Kirche bleiben darf. Pfingsten war ein guter Tag“, erinnert sich Elfriede Endl.
Gedenkstätte in Stadln

Als einen Höhepunkt ihrer Anstrengungen betrachtet sie selbst die Einweihung der Gedenkstätte im Herbst 2025 in Stadln, das heute mitten im Nationalpark Šumava liegt. „Damit hatten wir aber gar nichts zu tun: Es waren die Tschechen, die sich für diese Stätte einsetzten.“ Doch diese Art von neu entstandener Völkerverständigung, die auf gegenseitigem Verständnis beruht, ist vielleicht sogar noch schöner. Dass sogar der tschechische Kulturminister bei der Einweihung anwesend war, zeigt aus ihrer Sicht die wiedererlangte Wertschätzung für dieses Fleckchen Erde und seine einstigen Bewohner, die zum Spielball der Geschichte wurden.
Es war viel Arbeit damit verbunden, das Gelände von Kriegsgeräten des ehemaligen Truppenübungsplatzes zu befreien und die Mauern der einstigen Kapelle wieder sichtbar zu machen. Zwei Bäume wurden neben dem kleinen Altar aus Holz und Stein gepflanzt – als Zeichen der Hoffnung und Symbol der Völkerverständigung. „Wir können nur alle hoffen, dass so etwas nie wieder passiert. Gerade heutzutage muss man deshalb die Erinnerung wieder lebendig werden lassen.“
Manuela Lang
Eine Veröffentlichung in Zusammenarbeit mit dem Bayerischer Wald-Verein, dem Verein für Heimat- und Volkstumspflege, Kulturarbeit, Natur- und Landschaftsschutz sowie Wandern im Bayerischen Wald, der auch für das Projekt „WanderKultur“ verantwortlich zeichnet. Wer noch mehr über Elfriede Endl erfahren möchte, wie die Vertreibung damals ablief und welches Gefühl sie ergreift, wenn sie heute an den Böhmerwald denkt, kann dies im Originalinterview (Dauer etwa eine Stunde) auf der „WanderKultur„-Webseite nachhören.






