Freyung. Schon beim Herunterdrücken der Klinke an der Eingangspforte passiert es. Bevor ich überhaupt den ersten Schritt in die Vorhalle mit dem mittig platzierten, kleinen „Kassenhäuschen“ setze, schlägt mir dieser Geruch entgegen – diese ganz spezielle Mischung aus Chlor, Reinigungsmittel und einer Spur feuchter Wärme. Es ist nicht einfach ein Geruch, der da durch meine Nase in mich hineintaucht. Es ist der Schritt in eine Zeitmaschine – zurück in die Vergangenheit.

Ich stehe in der Umkleide des Freyunger Hallenbads und starre auf die Schranktüren. Dieses strahlende, fast schon trotzige Orange, das mich schon als sechsjährigen Buben empfangen hat, als ich an der Hand meiner Mutter in den Badetempel geführt wurde, begrüßt mich in altbekannter Manier. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge meine Klamotten in den schmalen Kasten mit der zweistelligen Nummer am Schloss – und da ist es wieder: Das vertraute, leicht schmerzhafte Piksen des Fußboden-Gitters. Es drückt sich in meine Fußsohlen, genau wie damals. Manche Dinge ändern sich eben nie.
In den Duschen glänzt die weiße Vertäfelung unter dem harten Licht. Doch bevor es ins Wasser geht, wartet erneut die Mutprobe meiner Kindheit auf mich: das kleine, zirka zehn Zentimeter tiefe Vorbecken. Ich bleibe kurz stehen und tauche die Füße in das eiskalte Wasser. Der Kälteschock ist wie ein rituelles Reinwaschen für eine Welt, die die vergangenen 40 Jahre einfach ignoriert hat.
Realität und Erinnerung
Ich trete hinaus an das kleine Nichtschwimmer-Becken, wo sich bereits viele Kinder mit ihren Eltern vergnügen. Heute beobachte ich darin meinen Sohn, wie er im 1,30 Meter tiefen Wasser tobt. Doch mein Blick bleibt an der Wasseroberfläche hängen – und plötzlich bin ich wieder der kleine Bub von damals:

Ich sehe mich selbst, wie ich die Tiefe unterschätze. 1,30 Meter – heute eine Kleinigkeit, damals eine schier unüberwindbare Wand aus blauem Wasser. Ich erinnere mich an das Gefühl, wie mir der Boden unter den Füßen wegbricht. Das helle Licht der Halle erschien durch die Wasseroberfläche plötzlich verzerrt und fern. Die Panik stieg auf – und ich begann wild mit den Armen umherzuschlagen.
Und dann, in der letzten Sekunde, spürte ich den festen Griff. Mein Cousin packte mich und riss mich mit purer Entschlossenheit zurück an die Luft. Dieses erste Einatmen am Beckenrand, verbunden mit verschlucktem Wasser, das aus meinem Mund hervorquillt, werde ich wohl nie vergessen. Wenn ich heute den Bademeister sehe, der immer noch in seinem Kabuff mit der großen Glaswand thront, frage ich mich, ob er diesen Moment damals auch im Augenwinkel hatte – freilich ohne ihm nachträglich etwas vorwerfen zu wollen. Im Gegenteil: Ich freue mich, ihn zu sehen.
Ich schüttle die Erinnerung ab und blicke zur Stirnseite. Die große Uhr am Kopfende des Schwimmer-Beckens tickt dort im immer noch gleichen Rhythmus vor sich hin. Sie hat damals meine ersten Versuche im „großen Becken“ mitgezählt, eine Minute lang den Atem anzuhalten und unter Wasser zu bleiben – und sie zählt heute meine Bahnen, die ich brust- oder rückenschwimmenderweise zurücklege.
Fußbrause und Tischtennisplatte

Und an der Glasscheibe des Bademeisterraums hängen sie immer noch: die gelblich verfärbten Baderegeln und die bunten Aufnäher der Schwimmabzeichen – vom Seepferdchen– bis hin zu den „Totenkopf-Dauerschwimmer-Patches“, die wir als Kinder schon bewundert hatten. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, nicke ich ihnen innerlich zu – quasi als Anerkennung dafür, dass ich es doch noch zu einem relativ soliden Schwimmer gebracht habe, obwohl ich nie eins der Stoff-Abzeichen von meiner Mutter an meine Badehose genäht bekommen habe.
Ich treffe Freunde von damals, Schulkameraden, die mit mir einst die Schulbank gedrückt haben, die genauso wie ich im Schwimmunterricht ihre Bahnen gezogen haben und dafür benotet worden sind. Die heute auch mit ihren Kindern das Bad besuchen, ihnen das Schwimmen beibringen oder mit ihnen im Becken einfach nur herumtollen, aufpassen, dass keiner von den Kleinen untergeht.
Beim Rausgehen aus der Halle hätte ich mir – so wie immer – gerne noch die obligatorische „Fußwaschung“ per „Fußbrause“ für die Hygiene gegönnt – quasi als letzten Gruß an die Schwimmbad-Ordnung der 80er Jahre. Doch leider ist das gute Stück an diesem Tag defekt und außer Betrieb. An der Tischtennisplatte, die immer noch an ihrem angestammten Platz steht, ziehen Kinder vorbei, deren Lachen genauso klingt wie unseres vor vielen Jahrzehnten.
Melancholie und Freude
Ich setze mich kurz auf die lange Bank in der Umkleidekabine. Es ist eine seltsame, schöne Mischung von unterschiedlichen Gefühlen. Da ist diese leichte Melancholie darüber, wie schnell die Zeit vergangen ist. Dass ich jetzt der Vater bin, der aufpasst – und nicht mehr der Bub, der gerettet werden muss. Aber da ist auch eine tiefe innere Freude. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, ist das Hallenbad Freyung eine Oase der Beständigkeit.
Hier bin ich nicht nur ein Besucher; ich bin wieder der kleine Junge mit den schrumpeligen Fingern vom langen Baden, der sich nach dem Aufenthalt auf etwas Essbares freut und der heute einfach nur dankbar dafür ist, dass die Zeit hier drinnen ein bisschen langsamer vorangeht als draußen im meist hektischen Alltagsleben…
Stephan Hörhammer










