Prackenbach/Ahrain. In einer zunehmend digitalisierten Welt bilden sie das Rückgrat der heimischen Wirtschaft und fungieren als Garanten für Qualität und Bestand: die Vertreter der Handwerksberufe. Doch der Ruf nach frischen Talenten wird immer lauter. Gerade jetzt entscheidet sich, wer das Erbe dieser essenziellen Fertigkeiten antritt und ob die Herausforderungen von morgen – von der Energiewende bis zur lokalen Versorgung – gemeistert werden können. Wir werfen einen Blick auf eine Persönlichkeit aus dem Bayerischen Wald, die sich mit voller Kraft für die nächste Generation des Handwerks einsetzt und zeigt, welche Chancen und welche Wertschätzung eine Ausbildung in diesen Berufen heute bietet.

Sie grinst und legt den Kopf schief: „Das weiß ich noch ganz genau. In der dritten Klasse, mein Weihnachtswunsch war damals eine braune Arbeitshose – genau wie der Papa eine hat.“ Magdalena Haimerl schmunzelt selbst über ihre Antwort auf die Frage, wann sie denn beschlossen hat, Schreinerin zu werden. Die 19-jährige Prackenbacherin hat sich heuer ihren Kindheitstraum erfüllt, wie sie selbst sagt. Als Prüfungsbeste legte sie im Sommer ihre Gesellenprüfung im Schreinerhandwerk ab, gewann außerdem mit ihrem Gesellenstück – einem Puzzletisch in Esche – mehrere Preise auf Landkreis- und Landesebene.
Bei einem Besuch in der Werkstatt ihres Ausbildungsbetriebes „Holzdesign Früchtl“ in Ahrain bei Prackenbach erzählt sie, was sie an ihrem Beruf so schätzt und warum sich junge Frauen – und natürlich auch Männer – endlich wieder mehr in Handwerksberufe wagen sollten.
„Puzzle fertig – Ausbildung abgeschlossen!“
Das laute Kreischen der Kreissäge schallt durch die Halle. Die große und doch zierliche Frau legt das eben zersägte Brett beiseite, nimmt die knallgrünen Ohrenschoner ab, lächelt zur Begrüßung. Das mittellange braune Haar hat sie zu einem kecken Pferdeschwanz gebunden und trägt stilecht natürlich eine Arbeitshose, ebenfalls in grün. Auch ihr Ausbilder, Andreas Früchtl, ist dabei. Mit großem Stolz erzählt er von den Erfolgen von Magdalena. „In München war immer eine Menschentraube um deinen Puzzletisch, gell?“, sagt er und zwinkert seiner einstigen Auszubildenden zu, die mit bescheidenem Lächeln mit den Schultern zuckt.

Mit ihrem Gesellenstück gewann die 19-Jährige den Gestaltungswettbewerb „Die Gute Form“ auf Innungsebene, wie auch den Publikumspreis bei der Gesellenstückausstellung der Schreinerinnung Regen im dortigen Einkaufspark. Die Sieger der 66 bayerischen Schreinerinnungen dürfen zudem ihr Gesellenstück jedes Jahr auf Landesebene bei der Messe „Heim & Handwerk“ in München präsentieren. Dort erhielt Magdalena eine Belobigung der Fachjury – einem zweiten Platz entsprechend – sowie abermals den Publikumspreis mit den meisten Stimmen der Messebesucher.
Die Menschen seien fasziniert gewesen von ihrer Idee, berichtet der Chef und deutet auf einen rund einen Quadratmeter großen Tisch aus hellem Eschenholz, der zur Präsentation vor den Schreinermaschinen steht. Filigrane Details und Puzzlestücke aus Braunkernesche, die als Intarsie an der Vorderseite eingearbeitet sind, lassen erahnen, welchem Zweck das Möbelstück dient. „Die Tischplatte ist als Klappe ausgeführt und kann ergonomisch in drei Winkeln aufgestellt werden – somit kann man im Sitzen wie auch im Stehen puzzeln“, erklärt die Holzdesignerin zu ihrem Werk.
Auf der grünen Filzunterlage thront ein kleinteiliges Puzzle, das Magdalenas Gesellenstück-Zeichnung (ebenfalls Teil der Prüfung) abbildet und die Funktion veranschaulicht. In vier seitlich ausziehbaren Schubladen, die auch mit blauem, roten, grünen und gelbem Filz ausgestattet sind, können Puzzleteile farblich sortiert werden. „Es sollte auf jeden Fall funktional sein!“ Die Idee für ihr Gesellenstück sei ihr dabei spontan gekommen, denn: „Ich puzzle für mein Leben gern“. Außerdem vergleicht sie ihre Ausbildung mit einem Puzzle: Jede neu erlernte Tätigkeit sei ein weiteres Puzzlestück, am Ende der Gesellenbrief als Lohn für die Arbeit. „Puzzle fertig – Ausbildung abgeschlossen!“
Werkstattbesuche in der Kindheit als erste Puzzlestücke
Holz war schon immer Magdalenas Leidenschaft. Schon als kleines Kind ist sie oft mit ihrem Vater Stefan Haimerl, Zimmerermeister und Bauhofleiter in Prackenbach, in der Werkstatt dabei gewesen. Sie sei froh, dass sie immer mitdurfte – „sonst hätt ich ja nicht gesehen, wie schön das ist“, erinnert sie sich und nickt selbstsicher. „Was mit Holz, das war schon immer klar – aber filigraner, nicht so grobe Arbeit wie bei meinem Pap‘.“ Doch auch bei der Waldarbeit ist Magdalena stets mit dabei, bewegt mit einer Selbstverständlichkeit, die andere bewundern, große Maschinen, „Bulldog, Lader, eigentlich alles“. Die Mundwinkel zucken, die Augenbrauen heben sich, als ob sie gar nicht verstehen könne, was daran so besonders sei.
Weggehen, wie viele andere in ihrem Alter, sei nicht so ihr Ding. Neben Puzzle und Holz gibt es für Magdalena einen weiteren für sie bedeutsamen Freizeitbereich: die Freiwillige Feuerwehr – sowohl aktiver Dienst als auch gesellschaftliches Miteinander. „Wenn wir ausrücken, dann ist sie natürlich immer dabei!“, kommentiert Andreas Früchtl, zugleich Feuerwehrkommandant, anerkennend den Ehrgeiz seines Nachwuchstalents.
Aufforderung: Trotz gutem Abschluss zum Handwerksberuf

Nach dem Abschluss der Realschule in Viechtach – ebenfalls mit sehr gutem Einser-Schnitt – begann Magdalena 2022 ihre Ausbildung bei „Holzdesign Früchtl“ in Ahrain. Viele sagten damals zu ihr: „Dir stehen alle Türen offen – willst du wirklich Schreinerin werden?“ Aber das habe sie gar nicht interessiert. Andreas Früchtl meint dazu: „Da sieht man mal wieder: Wenn gute Leute ins Handwerk gehen, können sie auch viel erreichen.“ Denn man müsse nicht immer zwangsläufig gleich auf ein Studium hinarbeiten, wie die beiden unisono erklären.
Ebenso kritisieren beide die eher geringe Wertschätzung der traditionellen Handwerksberufe, die in der Gesellschaft augenscheinlich immer noch vorherrscht bzw. immer wieder mal zur Diskussion steht. Kaum ein Beruf sei jedoch so vielfältig wie der des Schreiners. Entwerfen, konstruieren, gestalten, CNC-Technik, das Bearbeiten verschiedener Oberflächen – Kreativität und Technik gingen dabei Hand in Hand. Unverzichtbar und durch Künstliche Intelligenz nicht zu ersetzen – so beschreiben sie ihren Beruf und ihre Leidenschaft.
Das ist es, was ihn für Magdalena so wertvoll macht. „Jeder braucht Möbel, jeden Tag.“ Alles sei möglich in diesem Beruf, der Kreativität seien keine Grenzen gesetzt. Wichtig für sie ist, abends aus der Werkstatt rauszugehen und zu sehen: „Das hab ich heut geschafft – mit meinen eigenen Händen.“ Zum anderen erfülle es sie mit Freude und Stolz, wenn Stücke ausgeliefert werden und die Auftraggeber ihre Wunsch- und Maßanfertigungen freudestrahlend in Empfang nehmen.
„Für Mädchen gibt es da keine Nachteile mehr“
Im kommenden Jahr wird Magdalena zumindest praktisch eine gewisse Zeit aussetzen, denn: Sie geht auf die Meisterschule. Was danach folgt, weiß sie noch nicht genau. Die Selbstständigkeit wohl nicht – zu viel Bürokratie, so ihre Befürchtung. Eher sieht sie sich als Berufsschullehrerin, um ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an künftige Schreiner weiterzugeben. Und, um hoffentlich weitere, gerne auch weibliche, Nachwuchstalente zu fördern und in ihrer Entscheidung für das Handwerk zu bestärken. „Für Mädchen gibt es da keine Nachteile mehr – auch dank der mittlerweile vielen technischen Hilfsmittel. Mit Fleiß, Ehrgeiz und einem Ziel vor Augen kann man alles schaffen“, ist die 19-Jährige überzeugt und appelliert: „Traut euch!“
Text und Fotos: Lisa Brem








