Bayerischer Wald/ Böhmerwald. Da Woid ist heute bekannt für seine malerische Natur – von sonnenüberfluteten Wiesen bis zu waldbedeckten Bergkämmen. Doch hinter dieser Idylle verbirgt sich eine eher düstere menschliche Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung auf der böhmischen Seite der Grenze vertrieben. In der Folge sind zahlreiche Orte wie Oberlichtbuchet, Birkenhaid oder Grafenhütte dem Erdboden gleichgemacht worden – und in Vergessenheit geraten. Heute erinnern nur noch Mauerreste und Friedhöfe an die Dutzenden Dörfer und Weiler jenseits der bayerisch-böhmischen Grenze.

Ein aktuelles Projekt der Europaregion Donau-Moldau (EDM) namens „GrenzNachbarn“ arbeitet nun daran, diese einstigen Siedlungen im Böhmerwald virtuell wiederauferstehen zu lassen und somit das Erinnern an die von vielen Zeitzeugen als „verlorene Heimat“ bezeichneten Dörfer wachzuhalten.
Dafür verantwortlich zeichnet Barbara Daferner, die seit fast 14 Jahren bei der EDM für das Niederbayern-Büro mit Sitz in Freyung tätig ist. Die gebürtige Burghausenerin ist seither „mit Freude am grenzüberschreitenden Austausch mit den Ländern Österreich und Tschechien“ beschäftigt. Als Oberbayerin, die nah an der österreichischen Grenze aufgewachsen ist, hat sie im Laufe der Jahre auch ein reges Interesse für die Geschichte, die Natur und Kultur des Böhmerwalds entwickelt, insbesondere auch für die Schicksale der Familien im Grenzgebiet. Wir haben uns mit ihr über die „verschwundenen Dörfer“ und ihre Projektarbeit unterhalten.
„Sonst hat die jüngere Generation keinen Bezug mehr dazu“
Frau Daferner: Das Projekt „GrenzNachbarn“ befasst sich mit einem sehr sensiblen Teil der deutsch-tschechischen Geschichte. Was war die konkrete Motivation bzw. der Auslöser der Europaregion Donau-Moldau, zum aktuellen Zeitpunkt die Geschichte der verschwundenen Dörfer in den Fokus zu rücken?
Wir werden vom Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie gefördert und haben alle drei Jahre neue Förderprojekte. Dieses Thema liegt mir persönlich schon lange am Herzen, da ich seit einiger Zeit auch hier wohne und doch sehr regelmäßig nach Böhmen fahre.

Es ist schade, dass es nicht schon vorher durch uns aufgegriffen wurde – zumindest nicht in größerem Ausmaße. Eher hört man die Geschichten im privaten Umfeld, weil jemand aus der Familie bzw. von den Vorfahren betroffen war. Und dann werden diese Geschichten eher nur dort ‚überliefert‘. Das ist zwar auch gut, aber ich denke, dass auch die größere Öffentlichkeit dieses Thema nicht vergessen bzw. darüber informiert werden sollte. Ich denke, die jüngere Generation hat sonst keinen Bezug mehr dazu.
Zudem wird es immer schwieriger, Zeitzeugen oder Nachfahren der ersten Generation zu finden, so dass man hier eh am besten schon gestern angefangen hätte. Hier passt der Spruch: Wenn nicht jetzt – wann dann? Die Entscheidung, sich mit verlassenen Dörfern und verschwundenen Ortschaften im Rahmen der EDM zu beschäftigen, hängt mit einer Reihe von Entwicklungen zusammen:
Die EDM existiert seit 2012 — und nach Anfangsjahren mit Schwerpunkt auf Wirtschaft, Infrastruktur, Mobilität und klassischer Regionalentwicklung hat sich gezeigt, dass nach wie vor Kultur, Identität, soziale und historische Dimensionen von sehr großer Bedeutung sind. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die durch die EDM institutionalisiert ist, erlaubt es, solche historischen und kulturellen Themen länderübergreifend mit unseren Partnern zu bearbeiten — ein Ansatz, der früher kaum machbar war. Damit gibt es eine neue Chance, Vergangenheit und Erinnerung gemeinsam zu reflektieren und grenzüberschreitend sowie generationenübergreifend sichtbar zu machen.
„Es geht nicht nur um historische Fakten“
Was genau ist das Kernziel des Projekts? Geht es dabei primär um die Bewahrung der Erinnerung, um die touristische Erschließung der Region oder darum, die deutsch-tschechische Verständigung zu fördern?
Alles. Im Rahmen des Projekts wird ausdrücklich die Erforschung ‚verlassener Ortschaften als gemeinsames Kulturerbe‘ thematisiert. Ziel ist eine Bestandsaufnahme: Kartierung dieser Orte, Zeitzeugenbefragungen, Sammlung von Fotos und Dokumenten, Wanderungen und Radtouren sowie Ausstellungen, um dieses Kapitel der regionalen Geschichte im Grenzraum Niederbayern–Südböhmen möglichst umfassend abzubilden.
Es geht nicht nur um historische Fakten — sondern um die Wiederherstellung eines Bewusstseins für ein früher gemeinsames kulturelles und soziales Geflecht. Solche Orte und ihre Geschichten sind für viele heute weitgehend vergessen, aber Teil eines gemeinsamen Grenzerbes. Ich sehe in dieser Erinnerungs- und Dokumentationsarbeit auch eine Chance: Durch Ausstellungen, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und grenzüberschreitende Kooperation kann das verschwundene Erbe sichtbar gemacht werden — als Grundlage für Bildung, Erinnerungskultur und vielleicht auch nachhaltigen Tourismus oder kulturelle Identität.
Die Berichte von Zeitzeugen sind emotional und historisch sehr wertvoll. Wie identifizieren und gewinnen Sie diese Menschen für Interviews? Und welche Herausforderungen gilt es bei der Aufarbeitung dieser oft schmerzhaften Erinnerungen zu bewältigen?
Die Gewinnung von Zeitzeugen für Projekte über ‚verschwundene Dörfer‘ ist immer ein sensibler, oft langwieriger Prozess. In der deutsch-tschechischen Grenzregion kommt hinzu, dass die Ereignisse politisch und persönlich stark belastet sind. Stichwort: Kriegserfahrungen, verlorene Heimat. Aber es haben sich auf meinen Artikel in der Tageszeitung hin bereits viele interessierte Bürger gemeldet, die alle Informationen dazu geben konnten und auch ihre Mithilfe angeboten haben.
Diese Gruppen kennen oft noch Personen oder Familien, die aus bestimmten Orten stammen oder wissen, wer Kontakte zu ehemaligen Bewohnern hat. Zudem nutzen wir lokale Netzwerke wie Heimatstuben, Museen, Archive etc. Auch die Öffentlichkeitsarbeit spielt eine große Rolle: Wir starten immer wieder auch Aufrufe in Heimatzeitungen, Regionalmedien, sozialen Medien, Veranstaltungen oder bei Vorträgen, bei denen man aktiv darauf hinweist, dass weitere Zeitzeugen gesucht werden. Die persönliche Ansprache nach dem Motto ‚Wer erinnert sich noch an …?‘ kann sich ebenso schnell zu einer Art Schneeballprinzip entwickeln, ein erster Kontakt führt dann zu weiteren.
Aber man sollte dieses Thema natürlich sensibel behandeln und weitgehend die Betroffenen selbst reden lassen, nicht zu sehr nachbohren oder unbequeme Fragen stellen. Meist sprudelt es dann eh aus ihnen heraus…
„Es soll kein Massentourismus werden“
Mit einer interaktiven Landkarte sollen die verschwundenen Orte auf böhmischer Seite virtuell zum Leben erweckt werden. Was genau soll der Nutzer dabei sehen und erleben können, wenn er auf ein Dorf wie ‚Hurkenthal‘ klickt?
Der Fokus liegt auf dem historischen Kontext, die wissenschaftliche Korrektheit, der emotionale Zugang sowie die Wertschätzung der Menschen, die dort gelebt haben. Neben der Landkarte mit den eingezeichneten Orten ist die Darstellung der Ortschaften damals und heute am wichtigsten. Diese wird übermittelt durch – falls vorhanden – historische Fotos sowie eine kurze historische Einführung mit Informationen zur Ortschaft.
Die persönlichen Zeitzeugenberichte sind dann der emotionalste Teil. Es werden Sätze kommen wie
- „Ich war noch ein Kind, aber ich erinnere mich, wie…
- „Als wir gehen mussten, durften wir nur einen Koffer mitnehmen.“
- „Heute steht dort nur noch Wald, aber wenn ich die Augen schließe, sehe ich unser Haus noch vor mir.“
Im zweiten Schritt des Projekts sind grenzüberschreitende Wander- und Radtouren geplant. Wie bringt man die eher düster-traurigen Schicksale der geschliffenen Dörfer mit dem Naturerlebnis im heutigen Landschaftsschutzgebiet in Einklang? Wie wird die Vermittlung vor Ort aussehen?
Wir werden ganz behutsam kleine Wander- oder Radgruppen dorthin führen, immer auch in Zusammenarbeit mit dem Waldverein und der App Wanderkultur. Es soll kein Massentourismus werden – eben genau wegen dem Punkt Landschaftsschutzgebiet bzw. Nationalpark. Vor Ort gibt es dann Erklärungen entweder vom Wanderführer selbst oder – was wir im zweiten oder dritten Schritt gerne entwickeln möchten – mittels kleinerer Aufsteller mit einem QR-Code, der dann automatisch auf die Website mit den Erklärungen führt. Denkbar wäre auch eine Wanderung mit VR-Brillen, die die Besucher aufsetzen können und sich dann in der ‚alten‘ Welt wiederfinden, um so Informationen zum Ort zu bekommen.
„Würden uns über Fotos freuen“
Bei dem Projekt wird mit dem renommierten Fotoatelier Seidel zusammengearbeitet, genauso mit Wander- und Kulturvereinen dies- und jenseits der Grenze. Wie funktioniert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit konkret? Welche sprachlichen und/oder bürokratischen Hürden gilt es dabei zu meistern?
Wir von der Europaregion Donau-Moldau arbeiten ja auch in der alltäglichen Arbeit seit fast 14 Jahren mit den Kollegen aus Österreich und Tschechien zusammen, die Kollegen der Euregio Bayerischer Wald-Böhmerwald-Unterer Inn sogar weitaus länger. Deswegen stellt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit keine sprachlichen und/oder bürokratischen Hürden für uns dar. Und die Kollegen in Tschechien können zudem meist gut Deutsch sprechen – zur Not hilft dann das Internet oder man weicht auf Englisch aus.
Wie erwähnt, ist die Öffentlichkeit ebenfalls zur Teilnahme eingeladen, indem man zur Einsendung von Fotos und Informationen aufruft. Was erhoffen Sie sich von den Bürgern? Und wie stellen Sie sicher, dass die eingesandten Daten historisch korrekt sind?
Wir würden uns freuen, wenn Nachfahren oder ehemalige Bewohner uns Fotos zukommen lassen. Entsprechende Kontaktaufnahme-Möglichkeiten befinden sich auf unserer Homepage. Es gibt dafür natürlich eine doppelte Kontrolle vor der Veröffentlichung, um zu verhindern, dass eingesandte Dokumente nicht passend sind.
Nach der intensiven Beschäftigung mit den Schicksalen der vertriebenen Bevölkerung und den zerstörten Dörfern: Gibt es eine Geschichte oder ein Dorf, das Sie persönlich besonders berührt oder beeindruckt hat?
Nein, es gibt keine spezielle Geschichte, nur mein generelles Interesse am Nachbarland und an der Geschichte der verschwundenen Ortschaften. Es ist für mich als Mitglied der dritten Generation nur noch schwer vorstellbar, wie es damals abgelaufen ist. Ich persönlich wandere gern und finde die Reste von Dolní Světlé Hory (Unterlichtbuchet), Horní Světlé Hory (Oberlichtbuchet) sowie Knížecí Pláně (Fürstenhut) und auch alte Friedhöfe wie der von České Žleby (Böhmisch Röhren) natürlich spannend und so interessant, dass ich das Projekt gern angeregt habe.
„Die gesammelte Datenbasis bleibt“
Abschließend: Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Was soll nach dem Ende der Förderphase mit der Webseite www.verschwundene-doerfer.de und der gesammelten Datenbasis geschehen? Wie wird die Nachhaltigkeit des Projekts sichergestellt?
Bei Förderprojekten ist die Laufzeit zumeist beschränkt. Wenn es aber gut angenommen wird und das Projekt von den Prüfstellen dann als ‚erfolgreich‘ gewertet wird, gibt es schon die Möglichkeit, das Projekt erneut zu beantragen bzw. mit Abänderungen und Innovationsansatz zu verlängern. Die Webseite ist aber erstellt und kann auch in Zukunft angeklickt und gelesen werden. Die gesammelte Datenbasis bleibt.
Vielen Dank für die vielen Informationen und weiterhin alles Gute für die Projektbetreuung.
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer
–> alle Informationen zum Projekt „GrenzNachbarn“, zu dessen Partnern auch das Onlinemagazin da Hog’n sowie sein tschechisches Parnter-Portal sumava.eu gehören, sind auf der Webseite verschwundene-doerfer.de zu finden








