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Die Jagd fasziniert Marie von Kindesbeinen an.

Spiegelau. Sie liebt die Jagd, wenn sie früh am Morgen mit ihrem Jagdhund „Skadi“ durch den Wald pirschen darf und so das Erwachen des Tages und der Natur erleben kann. Und zur Jagd gehört es eben auch, Rehe oder Rotwild zu erlegen. „Ich jage, um einen Beitrag zu leisten, die bei uns vorherrschenden, fichtendominierten Wälder in klimaresistentere Mischwälder umzuwandeln“, erzählt Marie Frank. Dabei spielt die Jagd eine wichtige Rolle, da es durch den Abschuss zu weniger Verbiss bei Tannen und Buchen kommt und Mischwälder sich so überhaupt erst entfalten können.

Die 24- jährige Forststudentin isst auch gerne Wildfleisch, „das gesündeste Fleisch überhaupt“, wie sie sagt. Maries Werdegang wurde geprägt von ihrem Geburtsort Spiegelau und der Tradition innerhalb der Familie. Ihr Vater hatte Forstwissenschaften studiert und arbeitet bei einem finnisch-schwedischen Holzkonzern, ihr Großvater und der Urgroßvater waren Jäger. Maries Heimatort ist heute das Tor zu den wilden Wäldern des Nationalparks im Rachelgebiet, deren Entwicklung sie von Jugend an verfolgt hat. Schon immer prägte der Wald hier die Menschen, aber auch die Orte: 

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Im Jahr 1908 wurde beispielsweise eine Waldeisenbahn errichtet, die auf einer Länge von 100 Kilometern die riesigen Waldgebiete zwischen Rachel und Lusen erschloss. Sie galt als die größte Waldeisenbahn West- und Mitteleuropas. Außerdem existierten in Spiegelau drei Sägewerke und bis zur Gründung des Nationalparks Bayerischer Wald im Jahr 1970 war dort ein Staatliches Forstamt beheimatet. Kein Wunder also, dass sich Marie für ein naturwissenschaftliches Studium entschied. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das allerdings für Frauen nicht selbstverständlich.

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Männerdomäne Forstwirtschaft

Feuermanagement ist ein wichtiges Element bei der praktischen Ausbildung und gewinnt angesichts trockenerer Sommer zunehmend an Bedeutung.

In einer von Männern dominierten Forstwirtschaft blieb den Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert der Weg verwehrt. Im 19. Jahrhundert war es nur privilegierten Frauen möglich, überhaupt das Abitur zu machen. Sie bekamen Privatunterricht. Zum Forststudium wurden sie nur in äußerst seltenen Ausnahmefällen zugelassen. Das bis nach der Märzrevolution im Jahr 1848 herrschende Adelsmonopol für den höheren Staatsdienst und die Ableistung des Militärdienstes erklärten den Ausschluss von Frauen vom Forststudium.

Von 1923 bis 1933 gelang es lediglich fünf Frauen, sich an der Forsthochschule Tharandt bei Dresden einzuschreiben. Im Jahr 1934 schaffte es eine Frau an die Uni Freiburg. Im Jahr 1937 will sich eine Frau an der Universität München für das Studium einschreiben, als die Wehrdienstpflicht als grundlegende Voraussetzung für den Eintritt in den höheren Forstdienst wiedereingeführt wird. Ein Jahr später wird jedoch infolge der kriegsbedingten Landnahmen und dem damit verbundenen steigenden Bedarf an Forstpersonal, Frauen das Forststudium ermöglicht.

Erst seit rund fünfzig Jahren studieren vermehrt Frauen an den forstlichen Fakultäten in Freiburg, Göttingen und München. In der ehemaligen DDR war der Frauenanteil am Forststudium in Tharandt bei Dresden deutlich höher. Heute beträgt der Anteil weiblicher Studierender rund ein Drittel – Tendenz steigend. In Leitungspositionen, wie etwa im bayerischen Staatswald, beträgt der Frauenanteil gerade einmal zwölf Prozent – der bundesweite Wert liegt noch darunter.

Ungebremste Reiselust

Zur Jagd gehört es eben auch, Rehe oder Rotwild zu erlegen.

Marie hatte immer schon klare Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft. Nach der Grundschule wechselte sie auf das Gymnasium nach Zwiesel und nicht ins nahegelegene Grafenau. Denn nur in Zwiesel konnte sie Spanisch als Zweite Fremdsprache erlernen. Nach dem Abitur plante sie aufgrund ihrer Jagdpassion eigentlich, Wildtierökologie in Wien zu studieren. „Zuvor wollte ich aber praktische Erfahrung in diesem Bereich sammeln und habe Forschungspraktika zu Rentieren, Bären und Bibern absolviert.“

Dieses Interesse führte sie nach Spitzbergen, Norwegen und Schweden. Dort wurde ihr klar, dass ihr das Studienfach zu speziell war, Und sie schrieb sich kurzerhand für ein Studium der Forstwissenschaften an der TU München ein. „Das garantiert eine breit fundierte Ausbildung und beinhaltet zudem das Fach Wildbiologie“, erklärt Marie.

Den Bachelor absolvierte sie während der Corona-Epidemie. „Eine schreckliche Zeit. Alle Vorlesungen musste ich online von zuhause aus bestreiten. Und der fehlende Kontakt zu Kommilitonen und Professoren hat mich arg belastet“, erinnert sie sich rückblickend. Damals reifte auch der Wunsch, im Rahmen des Masterstudiums ein Jahr an der weltweit renommierten Universität Yale in den USA zu verbringen. Seit 30 Jahren existiert dieser Austausch zwischen der TU München und Yale.

„Die spannendste Studienzeit meines Lebens“

Vom Wald in die Welt: Marie Frank während ihres Stipendiums an der Yale Universität.

Nur 16 Studierende konnten bislang diese Möglichkeit nutzen. Denn die Hürden sind sehr hoch. Neben überdurchschnittlich guten Studienleistungen und exzellenten Englischkenntnissen müssen sich die Bewerber Interviews stellen und ihre Motivation begründen. Im August 2023 begann dann für Marie „die spannendsten Studienzeit meines Lebens. Die Lehre dort ist wirklich außergewöhnlich. Die ersten vier Wochen hatten wir zahlreiche Exkursionen, die nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienten. Da wächst man als Gruppe einfach so richtig zusammen“, erinnert sie sich.

Sie findet es auch wichtig, dass ältere Studierende mit Berufserfahrung und viele ausländische Stipendiaten dort vertreten sind – „eine gute Mischung eben“. Maximal zwölf Studierende werden in Yale von mindestens zwei Lehrkräften betreut und bilden eine Gruppe, ein wohltuender Gegensatz zu den überfüllten Hörsälen in Bayern.

Ob bei der Borkenkäfersuche im Nationalpark, an den verschiedenen Lehrstühlen oder an der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft – Marie jobbte immer nebenbei und konnte sich so den Aufenthalt in den USA finanzieren. Denn: Die hohen Studiengebühren von 50.000 Dollar pro Jahr werden den Stipendiaten zwar erlassen, alle anderen Ausgaben wie Miete oder Flugkosten müssen sie jedoch selbst aufbringen.

Was könnte danach kommen?

Das Jahr in Yale verging für Marie wie im Flug. Im Mai 2024 kehrte sie in die Heimat zurück, um ihr Studium in München fortzusetzen. „Die Internationalität, das kameradschaftliche Verhältnis untereinander oder das Erlernen neuer Studieninhalte wie das Feuermanagement bei Waldbränden haben mich doch sehr geprägt“, zieht sie ein Fazit. Um mit den ehemaligen Kommilitonen den Masterabschluss zu feiern, ist sie auch dieses Jahr wieder in die USA gereist und hat dies mit dem Besuch verschiedener Nationalparks wie dem weltberühmten Yellowstone verknüpft.

Marie wird ihr Studium im Frühjahr 2026 beenden. Danach will sie noch die zweijährige Referendarzeit in Bayern „dranhängen“, um ihre praktischen Kenntnisse zu erweitern. Was könnte danach kommen? „Vielleicht gehe ich nach Südamerika. Da könnte ich meine Spanischkenntnisse anwenden“, lacht sie und ist in Gedanken wohl schon wieder mit ihrem Jagdhund unterwegs im heimischen Revier.

Michael Held

(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)


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