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In den Bergen. Gratwanderungen gehören zu seinem Alltag. Und das nicht nur, wie bei vielen Menschen, im übertragenen Sinne. Thomas Huber ist regelmäßig in Fleisch und Blut auf einem Bergrücken unterwegs, unternimmt Touren, die Außenstehende als „gefährlich“ bezeichnen.

Bekannt als die „Huberbuam“ gehören Alexander (links) und Thomas Huber zu den bekanntesten Bergsteigern überhaupt. Fotos: Huberbuam

Ist der ältere Teil der legendären Huberbuam ähnlich wie sein Bruder Alexander und viele andere Bergsteiger, die das Extreme immer wieder suchen, deshalb verrückt? Sind sie in den Bergen dem Tod, den Hubers „Bergfreundin“ Laura Dahlmeier vor wenigen Monaten auf dramtische Art und Weise ereilte, mehr oder weniger bewusst näher als dem Leben?

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Unter anderem diese Fragen hat das Onlinemagazin da Hog’n im Rahmen eines Interviews dem 58-jährigen Alpinisten gestellt. Und die Antworten des gebürtigen Pallingers (Landkeis Traunstein) kommen einerseits klar daher wie ein nackter Fels. Andererseits sind seine Ausführungen sehr tiefsinnig, die für einen Moment des In-sich-Gehens sorgen – wie der Anblick eines beeindruckenden Gebirgspanoramas…

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„Einfach mal raus, einfach mal loslösen von der Welt“

Thomas, zum Warmwerden: Was fasziniert Dich am Bergsteigen?

Jeder, der gerne in die Berge geht, kann diese Frage beantworten. Man kann – nicht nur symbolisch – seine Sorgen unten im Tal lassen. Man steigt auf und fühlt sich für einen kurzen Moment wirklich befreit.

Wie ist es dazu gekommen, dass Du oft und gerne hoch droben bist?

Der Einstieg wurde schon sehr früh gelegt. Bereits als Kinder hat unser Vater meinen Bruder Alexander und mich in die Berge mitgenommen. Wir wussten gleich, dass es etwas ganz Besonderes ist, da oben zu sein. Der Spielplatz unserer Jugendzeit waren die Berge. Da durften wir neugierig sein, uns selbst neu entdecken, unseren Forschergeist durch Erstbegehungen ausleben.

Als Stargast bei der Verleihung des Bayerwald-Awards 2025 hielt Thomas Huber in Röhrnbach einen Vortrag. 

Reizen Dich nur extreme Klettertouren? Oder auch Wanderungen in einem Mittelgebirge wie dem Bayerischen Wald?

In dem Moment, in dem man die Autotür‘ schließt und losgeht, bin ich glücklich. Dann ist auch der vielleicht nur 1.000 Meter hohe Berg besonders. Man macht sich einen Plan und versucht diesen umzusetzen – so lässt sich mein Antrieb wohl treffend zusammenfassen. Freilich bin ich im Bayerischen Wald nicht so oft unterwegs, weil ich meinen Lebensmittelpunkt woanders habe. Aber würde ich da wohnen, würde ich dort regelmäßig meine kleinen Herausforderungen suchen. Und wenn es nur die kurze Auszeit an der frischen Luft ist. Denn darum geht’s auch generell: Einfach mal raus, einmal loslösen von der Welt, die uns permanent so fordert.

Du bist, wie zu lesen ist, ständig auf der Suche nach der Grenze zwischen Leben und Tod. Hast Du diese Schwelle schon gefunden?

Der Mensch ist immer auf der Suche nach Sensationen, deshalb wird mir diese Aussage auch immer wieder vorgehalten. Aber dem ist nicht so. Natürlich stelle ich mich dem Ganzen. Durch mein Portfolio, also mein Können, geht’s oft schon ziemlich nah an diese Grenze. Situationen, die für den Normalbergsteiger nicht mehr nachvollziehbar, für mich aber noch kontrollierbar sind. Wir – ich spreche hier für meinen Bruder und mich – sind nicht Suchende nach dem Tod. Wir versuchen, zu überleben.

„Ein bisschen verrückt muss man wohl schon sein…“

Einfach nur irre?! Oder ganz normaler Wahnsinn? Thomas Huber in Aktion.

Viele Außenstehende fragen sich gewiss nicht selten: Spinnt denn der?

(schmunzelt) Ein bisschen verrückt muss man wohl schon sein… (wird ernst) Von außen ist es immer schwer nachzuvollziehen, was wir tun. Ich spreche hier wieder bewusst in der Mehrzahl. Es gibt ja viele, die genauso denken und unterwegs sind wie ich… (überlegt) Man muss nicht immer alles erklären, auch wenn wir alles erklärt haben wollen. Und wenn man etwas nicht erklären kann, wird man schnell als verrückt abgestempelt.

Wenn das Extreme zum Alltag wird, ist dann das Extreme eigentlich noch extrem? 

Für mich war das, was andere Menschen als extrem sehen, noch nie extrem… (überlegt) Ich gehe eigentlich nur meinen Weg, den ich gewohnt bin. Bin ich in den Bergen, bin ich in meiner Welt. Da fühle ich mich in meiner Energie. Immer wieder erkenne ich, dass das in Anführungsstrichen normale Leben für mich eine größere Herausforderung darstellt als das Leben in den Bergen.

Wenn das Extreme Alltag ist, wie weit ist man dann noch von der Leichtsinnigkeit entfernt?

Wenn das Extreme Alltag ist, heißt das nicht, dass wir uns nicht dessen bewusst sind, was wir tun. Das Besondere ist nicht, immer wieder einen neuen Kick zu finden, sondern das Mit-der-Natur-sein. Sind wir in den Bergen unterwegs, sind wir wahnsinnig fokussiert, total verbunden mit dem Drumherum. Und das ist dann der Ort und Moment, wo ich mich Zuhause fühle… (kurze Pause) Die herrliche Welt der Berge, die aber auch tödlich sein kann, wenn man sich nicht mit der Natur verbindet und achtsam ist…

„Mein Arbeitstag ist so dermaßen ungeregelt“

Der Tod ist also stetiger Begleiter?

Ja, aber das ist er permanent im Leben. Wir werden geboren, wir leben und – das ist die größte Gewissheit – wir sterben irgendwann. Es ist von außen betrachtet ein höheres Risiko, sich in den Bergen zu bewegen. Aber wir haben gelernt, damit umzugehen.

Schicksalsschläge wie die Geschichte rund um Laura Dahlmeier…

(unterbricht die Frage) … sind ein unfassbarer schmerzlicher Moment. Es tut unglaublich weh, wenn wir von einem Bergfreund Abschied nehmen müssen. Wir erleben einen tiefen Moment der Trauer, wenn so etwas passiert. Und dennoch gehen wir unseren Weg weiter, weil durch unser Tun ihr Spirit weiterlebt. 

Ein wohl legendärer Werbespot der legendären Huberbuam:

Traurige Worte, schöne Worte. Kleiner Themawechsel: Du bist professioneller Bergsteiger, verdienst also dein Geld damit. Wie kann man sich das konkret vorstellen? 

Die wenigsten Menschen können verstehen, wie man als Bergsteiger Geld verdient. Deutsche haben im Grunde genommen gelernt, dass man in der Früh in die Arbeit geht – und abends wieder nach Hause. Mein Arbeitstag hingegen ist so dermaßen ungeregelt, wie das Bergsteigen ungeregelt ist. Bei schönem Wetter gehe ich raus. Bei Schlechtwetter bleibe ich Zuhause oder im Zelt des Basislagers. Das Geldverdienen läuft bei mir etwas anders. Klar habe ich meine Unterstützer, meine Partner – also Sponsoren. Und dann sind da noch die Geschichten, die ich in den Bergen erlebt habe und auf die Bühne bringe…

(überlegt) Es geht darum, Menschen einen Beitrag zu liefern, dass es sich lohnt, mutig zu sein. Der Lebenstraum, den man im Herzen spürt, darf verwirklicht werden. So hat für mich selbst das Geld verdienen einen positiven Effekt. Ich gehe nicht nur auf die Bühne, nehme das Geld und bin wieder weg. Es tut gut, zu wissen, dass man den Menschen auch noch etwas Positives mitgibt. Allein durch diese Worte, die mir der Berg geschenkt hat, mache ich die Welt ein klitzekleines bisschen positiver…

Du nagst also nicht am Hungertuch?

Nein. Ich habe gelernt, zu überleben. Und wenn ich mal nicht mehr Bergsteigen kann, die Sponsoren abspringen und ich keine Vorträge mehr halten kann, werde ich sicher wieder eine Möglichkeit finden, über Wasser zu bleiben. Denn ich bin zum Beispiel auch noch staatlicher geprüfter Berg- und Skiführer. 

„Wir erzählen – und motivieren Menschen!“

Der 58-Jährige ist ein gern gesehener bzw. gehörter Gastredner auf Veranstaltungen unterschiedlichster Art.

Stichwort: „Huberbuam“. Dein Bruder und Du seid unter diesem Namen zu einer bekannte Marke geworden. Hättest Du das so erwartet?

Überhaupt nicht. Das war nicht abzusehen. Verschiedene Eckpunkte in unserem Leben haben dazu geführt, dass wir letztendlich so bekannt geworden sind und nachhaltig von unserer Marke, sprich von unserem Tun, leben können.

Ist es ein Vor- oder Nachteil, so oft mit dem Bruder eine Seilschaft einzugehen?

Es hat nur Vorteile. Die paar Nachteile, die es vielleicht gibt, wenn man ständig mit dem Bruder zusammenhängt, lassen sich ganz leicht aus dem Weg räumen. Freilich gibt’s auch zwischen uns ab und an Konflikte. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns nach wie vor bestens verstehen, respektvoll miteinander umgehen.

Und das ja nicht nur vor der Kamera…

Genau. Viele Bergsteiger sind gleichzeitig Filmemacher. Dahingehend haben wir kein Alleinstellungsmerkmal. Dass wir unsere Erlebnisse auf die Bühne bringen, ist hingegen sehr wohl eher die Ausnahme. Wir stehen ja nicht nur vor normalem Publikum. Auch bei so Sachen wie dem Bayerwald-Award oder bei Firmenveranstaltungen sprechen wir vor. Wir erzählen – und motivieren Menschen!

„Authentisch bleiben – besser geht’s nicht!“

Nur die Demut nicht verlieren: Thomas Huber – höher als die höchsten Berge der Welt.

Wie groß ist die Gefahr, dass man sich vor der Kamera verstellt und eine Show liefern will?

Da gibt es mit Sicherheit welche, die genau das versuchen. Aber derjenige, der mich kennt und meine Worte angehört hat, weiß ganz genau, wie man sein Glück findet. Das findet man definitiv nicht, wenn man die Berge dazu nötigt, gesehen zu werden. Authentisch bleiben – besser geht’s nicht!

Letzter Themenbereich: Du bist international viel unterwegs – gerade auch im Nahen Osten. Also Gebiete, die für Krisen bekannt sind. Wie nimmst Du Menschen beispielsweise in Pakistan wahr? Spürt man eine Verunsicherung, vielleicht sogar Angst?

Nein, das spürt man nicht. Ganz ehrlich: Aus meiner Sicht ist vieles von der Politik und Presse geschürt. Ist man in Ländern wie Pakistan zu Besuch, ist alles relativ entspannt. Genauso entspannt wie in Deutschland. 

Der Mensch ist Mensch – egal wo?

Es gibt mit Sicherheit Länder, die brisant sind. Pakistan, speziell die Region, in der ich unterwegs bin, gehört sicher nicht dazu. Mensch ist Mensch – egal welche Hautfarbe oder Konvesion.

Zum Schluss der obligatorische Blick in die Zukunft: Du hast freie Bahn…

Meine Zukunft ist genauso unkalkulierbar wie das Bergsteigen. Ich habe keine Ahnung, diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Zu viele unkalkulierbare Faktoren wie die Gesundheit spielen eine große Rolle. Nur so viel: Solange ich kann, mache ich weiter. Reicht’s irgendwann nicht mehr, fällt mir schon irgendwas ein. Ich habe keine Angst vor dem Tag X. Ich werde sicher in kein Loch fallen, wenn ich mal nicht mehr in die Berge gehen kann. Wie beim Bergsteigen gelernt, werde ich immer irgendwas finden…

Dafür wünschen wir alles Gute, wenn’s denn soweit ist! Danke für das Gespräch – und: Berg Heil!

Interview: Helmut Weigerstorfer


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