Waldkirchen/Freyung/Passau. 20 Jahre nach seiner Gründung hat es der Ilztalbahn e.V. geschafft, einen touristisch-geprägten Zugverkehr zwischen Passau und Freyung zu etablieren. Dass an Bahnhöfen wie Röhrnbach, Kalteneck oder Tiefenbach Fahrgäste ein- und aussteigen, ist wieder Normalität – zumindest, was Ausflugsfahrten an Feiertagen und Wochenenden in den Sommermonaten angeht. Und obwohl der Initiative dieser große Schritt gelungen ist, scheint sie heute vom großen Ziel – dem Regelbetrieb – gefühlt weiter weg zu sein als in ihrem Gründungsjahr 2005.

Aus dem einst von einer Euphoriewelle begleitetem Vorhaben ist eine Hängepartie geworden. Seit Jahren ist die Ilztalbahn eben „nur“ eine Freizeitaktivität, befindet sich als solche in einer Sackgasse. Genau deshalb fällt das Fazit von Vereinsvorsitzendem Hans Madl-Deinhart und Geschäftsführer Prof. Dr. Thomas Schempf rund um das 20-jährige Bestehen eher verhalten aus. Wobei – und das machen beide im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n deutlich: Aufgeben ist keine Option!
Herr Schempf, Herr Madl-Deinhart: Was überwiegt im Rückblick auf 20 Jahre Ilztalbahn? Die Freude und der Stolz, dass zwischen Freyung und Passau überhaupt wieder ein Zug fährt? Oder die Enttäuschung darüber, dass das große Ziel, der Regelbetrieb, in weiter Ferne zu sein scheint?
„Wir haben weniger als die Hälfte erreicht“

Madl-Deinhart: Die Enttäuschung… (überlegt) Seit 2005 betreiben wir einen enormen Aufwand. Zunächst, um die Strecke wieder instandzusetzen. Dann, um den Sommerbetrieb aufrechtzuerhalten. Über 100 Leute sind regelmäßig ehrenamtlich für uns im Einsatz. Und dann ist es eben enttäuschend, dass seit 2011 politisch nichts mehr passiert ist…
Schempf: Ich versuche, bewusst die andere Position einzunehmen. Einerseits ist es beeindruckend, was wir alle miteinander geschafft haben. Andererseits ist es leider so, dass man in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht nicht aufgegriffen hat, was ehrenamtlich geleistet wurde und wird. Es wurden hunderttausende Stunden aufgebracht, damit die Infrastruktur wieder in Ordnung ist – und dass wieder ein Zug fährt. Man ist zufrieden, dass man miteinander etwas erreicht hat, was einem wichtig war.
Wo befindet sich die Initiative auf einer Skala von 0 bis 10, wenn 10 der Regelbetrieb ist?
Schempf: Bei 3 bis 4. Wir haben bisher weniger als die Hälfte erreicht. Denn die Hälfte wäre, dass der Freistaat – oder wer auch immer – saisonalen Verkehr bestellt. Dann hätte man einen verlässlichen ergänzenden Zugverkehr zu den Igelbussen.
Die Enttäuschung ist deutlich zu spüren – wie weit ist das Aufgeben davon entfernt?
Madl-Deinhart: (mit Nachdruck) Weit! (kurze Pause) Wir haben ja doch schon etwas erreicht. Und das würden wir nie mehr wegschmeißen. Wir stellen auch nicht fest, dass die Motivation unserer Leute nachgelassen hätte. Über die Sommermonate hinweg regelmäßig zu fahren, ist eine große Leistung.
„Öffentliche Hand zieht sich aus der Verantwortung“

Warum belässt man es nicht dabei? Warum setzt man nicht auf die Karte Freizeitattraktion – und verabschiedet sich vom Ziel Regelbetrieb, das unerreichbar scheint?
Madl-Deinhart: Das ist nicht unser Ziel! Wir wollten von Beginn an den Regelbetrieb!
Schempf: Die öffentliche Hand zieht sich aus der Verantwortung. Bis dato haben wir – außer die Corona-Sondermittel – keine bayerische Förderung erhalten.
Woran scheitert es?
Schempf: Am Bewusstsein in Bayern, dass touristische Verkehre auch Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sind. Andere Freizeitbahnen wie im Harz oder der Schwäbischen Alb sind öffentliche Bahnen mit touristischem Hintergrund.
Viele sehen gerne, dass zwischen Freyung und Passau ab und an wieder ein Zug fährt. Es sind Erinnerungen an frühere Tage dabei, gewisse Sentimentalitäten. Die Ilztalbahn ist ein netter Tagesausflug in der warmen Jahreszeit. Würde ein Regelbetrieb – also der Alltag – nicht dieses Gefühl, die Identität, letztlich kaputt machen?
Schempf: Die Bahn würde ja dann – fernab von Schüler- und Berufsverkehr – reizvoll für Ausflüge bleiben. Gerade diese Kombination aus Alltag und Ausflug ist ein großer Vorteil. Vergleichbar mit der Waldbahn zwischen Grafenau und Zwiesel oder Gotteszell und Viechtach. Auch dort werden die touristischen Potenziale neben dem Regelbetrieb sichtbar.
„Es wird insgesamt eher von Passau in den Woid gefahren“

Welche Mittel und Wege gibt es, um noch besser in den Fokus zu rücken, um zeigen zu können, welche Ziele die Ilztalbahn verfolgt?
Schempf: (atmet tief durch) Bei vielen politischen Akteuren in der Region ist der Stellenwert einer Eisenbahn nicht sehr hoch angesiedelt. Unsere Züge werden nicht voll durch die Einheimischen, sondern durch – auch internationale – Ausflügler und die Passauer Stadt-Community, die aufs Land will. Die haben dann auch Saisonkarten, sind unsere Stammgäste.
Madl-Deinhart: Es wird insgesamt eher von Passau in den Woid gefahren – als umgekehrt. Heuer haben wir einige Eventfahrten angeboten – mit größerem Zuspruch aus Passau. Die historischen Fahrten muss man anders bewerten. Da sind dann die Waidler, die sich an frühere Tage erinnern, dabei.
Schempf: Der Zugverkehr zwischen Freyung und Passau ist 1982 eingestellt worden. Das heißt: Zwei Generationen haben die Eisenbahn nicht mehr erlebt – was dazu geführt hat, dass sie nicht mehr im Bewusstsein der Menschen ist. Bis sich sowas wieder etabliert, dauert es. Auch in Richtung Grafenau und Viechtach waren zu Beginn die Fahrgastzahlen noch nicht so hoch wie aktuell.
Der Sommer 2025 als Beispiel: Wie kann man sich konkret eine Ilztalbahn-Saison – auch zahlentechnisch – vorstellen?
Schempf: In der Anfangszeit, also bis etwa 2015, gab es großen Nachholbedarf – insbesondere von Vereinen. Viele wollten wieder einmal mit der Bahn fahren, ehe es etwas nachgelassen hat. Bis der Schnellbus zwischen Freyung und Passau im Jahr 2017 kam, war die Ilztalbahn die einzige öffentliche Fahrmöglichkeit – gerade für jüngere Menschen – auf dieser Strecke. Das hat man gemerkt! Die nächste negative Entwicklung war Corona, die Lockdowns, von denen wir uns bis heute nicht erholt haben. Das Deutschland-Ticket finde ich grundsätzlich gut, ist aber auch zu unserem Nachteil, weil wir keine öffentliche Einrichtung sind.
Folgen der Corona-Lockdowns bis heute zu spüren

Madl-Deinhart: In diesem Sommer hatten wir rund 25.000 Fahrgäste. Wir sind immer noch ungefähr ein Viertel unter den Zahlen, die wir vor der Pandemie hatten. Heute verkaufen wir um die 500 Tickets pro Tag – vor Corona waren es 700. Zwischenzeitlich wurde ein Expressbus eingesetzt, der die Lücken zwischen Waldkirchen und Haidmühle sowie Freyung und Finsterau geschlossen hat, sodass eine länderübergreifende Verbindung gegeben war. Dieses Angebot wurde super angenommen. Leider ist aber auch das vorbei!
Herr Schempf: Verliert man alles in allem – gerade als Nürnberger – nicht irgendwann die Lust an der Ilztalbahn?
Schempf: Nein, überhaupt nicht. Ich bin sehr Bahn-affin aufgewachsen. Das Interesse, die Motivation ist tief in mir drin, gehört zu meinem Leben. Bereits in den 80ern, während meiner Studienzeit, habe ich mich eingebracht, als der Fahrgastverband „Pro Bahn“ gegründet worden ist. Aus dem Gespräch von „Pro Bahn“ mit der Ilztalbahn-Initiative heraus habe ich mich einspannen lassen. Und die Lust habe ich bis dato nicht verloren.
Hans Madl-Deinhart: (interveniert) …da muss ich noch einmal auf die vorher genannte Skala zurückkommen. 2009 hätte ich gesagt, wir sind bei 7. Damals ging relativ schnell relativ viel – die Euphorie war groß. Diese Aufbruchsstimmung ist jedoch merkbar abgeebbt, unsere Motivation jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben ein Ziel – und dafür kämpfen wir!
„Es ist ein Armutszeugnis!“

Schempf: Auch wenn es hart klingt: Es ist ein Armutszeugnis, dass eine Region einen aufgezeigten Weg nicht miteinander beschreiten kann.
Madl-Deinhart: Die Politik hat eine Verantwortung. Und dann verstehe ich es nicht, warum eine bestehende Infrastruktur aufgegeben wird. Wäre die Strecke zwischen Waldkirchen und Haidmühle erhalten geblieben, wären die Tschechen am Tag nach der Grenzöffnung 1989 mit dem Zug nach Passau gefahren. Dann wäre die Ilztalbahn ein Selbstläufer gewesen. Insgesamt: Es wurden, was diese Bahnverbindung betrifft, immer wieder eklatante Fehler gemacht, an denen wir noch heute zu knabbern haben.
Schempf: Wenn wir es nicht einmal schaffen, eine bestehende Bahnlinie komplett zu reaktivieren, ist es Träumerei, eine neue Strecke zu bauen bzw. wieder aufzubauen. Wir wissen, wie schwer wir uns in Deutschland tun, etwas von der Pike auf anzufangen.
Kleiner Themawechsel. Derzeit sind die geparkten Güterwaggons in Freyung und Waldkirchen in den jeweiligen Bahnhöfen Gesprächsthema. Stellen diese verrosteten Gefährte nicht einen Kontrapunkt zu einer Freizeiteinrichtung, die großen Wert auf Attraktivität legt, dar?
Schempf: Man darf nicht vergessen, dass die Ilztalbahn GmbH ein Unternehmen sind, das Geld verdienen sollte. Und als Bahn verdient man nicht nur Geld, in dem man die Infrastruktur mit rollendem Verkehr betreibt, sondern auch, wenn Wagen abgestellt sind. Offenkundig gibt es in der Region zu wenig Parkmöglichkeiten, weshalb wegen der Waggons der ehemaligen Plattlinger Papierfabrik bei uns angefragt worden ist. Gerade außerhalb der Saison ein willkommener Umsatz für uns.
Güterwaggons: „So einfach verdientes Geld ist das nicht“

Über welche Summe sprechen wir?
Schempf: Das orientiert sich an den veröffentlichten Schienennutzungsbedingungen der Ilztalbahn GmbH. Pro Achse und Tag bekommen wir 90 Cent.
Wie lange stehen die Waggons noch in Freyung und Waldkirchen?
Schempf: Das hängt davon ab, wann die Eigentümer eine Folgeverwertung finden.
Haben sich Befürchtungen, die Waggons könnten Opfer von Vandalismus werden, bisher bestätigt?
Madl-Deinhart: Gott sei Dank: Nein! Wir haben zwar keinen Sicherheitsdienst engagiert, aber wir kontrollieren regelmäßig, ob alles in Ordnung ist. So einfach verdientes Geld ist das nicht…
Welche Einnahmequellen neben den Ticketeinnahmen und den vermieteten Parkflächen gibt es noch?
Madl-Deinhart: Als Förderverein Ilztalbahn e.V. bekommen wir nach wie vor viele Spenden – eigenartigerweise genau von den Leuten, die auch viele ehrenamtliche Stunden für uns leisten. Und natürlich sind Mitgliedsbeiträge ein großer Punkt – obwohl inzwischen leider viele Mitglieder verstorben sind. Junge Leute zu akquirieren, versuchen wir – ist aber nicht so einfach.
Schempf: Die Engagementquote ist bei uns noch relativ hoch. Wir haben nicht nur passive, sondern viele aktive Mitglieder. Und das ist sehr erfreulich! Die Ilztalbahn GmbH profitiert unmittelbar von diesem hohen Engagement der Vereinsmitglieder.
„Zehn Jahre plus X – davon müssen wir ausgehen“
Abschließende Prognose in puncto Regelverkehr zwischen Freyung und Waldkirchen. Wann ist es soweit?
Schempf: Realistisch betrachtet ist es unrealistisch, an Regelverkehr vor 2032 bis 2035 zu denken. Zehn Jahre plus X – davon müssen wir ausgehen.
Madl-Deinhart (brummt zustimmend und sagt dann): Es ist – so ehrlich muss man sein – auch nicht sicher, ob wir den aktuellen Sommerbetrieb langfristig so weiterführen können. Aber wir bleiben positiv!
Schönes Schlusswort. Danke für das Gespräch – und alles Gute für die Zukunft!
Interview: Helmut Weigerstorfer







Hallo
Euer Engagement in allen Ehren, die Ilztal Bahn als Touristisches Angebot ist ok.
Aber ganz erheblich warum soll man mit der
Bahn nach Passau fahren, wo wir in unseren Orten bestens ausgebaute Busbahnhöfe haben mit sehr preiswerten Tarifen .(z.b.
Waldkirchen -Passau für Senioren 4,60€).
Und mit der 100 Linie einen Stundentakt.
Denke da ist alles abgedeckt, und ein weiter
Zuschussbetrieb überflüssig.
Hallo Herr Rauch,
vielen Dank für Ihren Beitrag und der damit verbundenen Frage. Zunächst geht es uns darum, die Möglichkeiten der befahrbaren und wieder gut in Betrieb gehaltenen Strecke zu ermitteln. Dazu gab es schon 2015 eine Vereinbarung, die der damalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner und der damals für Verkehr zuständige Minister Joachim Herrmann koordiniert haben, dass die Region eine Potenzialanalyse (also eine vergleichende Studie zu den Möglichkeiten und Bedürfnissen entlang der Linie) voranbringt. Die Stadt Passau und der Landkreis Freyung-Grafenau haben die entsprechenden positiven Grundsatzbeschlüsse gefasst, die Position des Landkreises Passau stellt aus Sicht des Verkehrsministeriums keine eindeutige Anerkennung des Reaktivierungsprozesses dar.
Für ein rein touristisches Angebot ist der Aufwand zu groß. Ein unkoordiniertes Nebeneinander von Schnellbus und Ilztalbahn ist nicht zielführend. Gerade an diesem Punkt zeigt sich, wie wichtig ein vollständig abgestimmter Verkehrsverbund unter Einbeziehung der Ilztalbahn wäre.
Ein von Straßen unabhängiger Verkehrsweg mitten in die Stadt Passau ohne Stau könnte zudem die zahlreichen Autofahrer, Pendler, Schüler und Senioren bequem von A nach B bringen. Auch Güterverkehr könnte wieder auf der Schiene stattfinden, die Bundeswehrkaserne Freyung hat großes Interesse.
Dies alles könnte durch eine Potenzialanalyse untersucht und fundiert geklärt werden.