Passau/Grafenau. Totschlag im Sommer in Grafenau? Vier lange Tage verhandelt das Landgericht Passau inzwischen, zum vierten Mal sitzt Christina K. (26) wie erstarrt und mit gesenktem Blick auf der Anklagebank. Ihr Verlobter Julian L. (24) und Vater eines gemeinsamen Kindes ist in der Nacht auf den 1. Juni daheim durch einen einzigen Messerstich ins Herz gestorben. Christina K. führte das Messer. Das hat ihr Verteidiger Sebastian Gaßmann am ersten Tag für sie erklärt (da Hog’n berichtete).

Demnach hätte sie in Notwehr gehandelt, weil der Mann, der noch einen Sohn (5) mit einer Ex-Partnerin hat, angeblich wieder einmal über sie hergefallen wäre. Also Freispruch? Die Folgetage rückten und rücken diese Version ins Zwielicht. Der Blutspuren-Gutachter kann sie weder bestätigen noch widerlegen.
Zugleich rollen frühere Partner und Verwandte die Vergangenheit des Paares ziemlich detailliert auf. Ebenso die aktuelle Verfassung der Hinterbliebenen. Dem größeren Sohn von Julian L. geht es nicht gut: „Er ist immer traurig, der Papa geht ihm ab – jede Sekunde.“
„Ich daback des nimmer“
Am nächsten dran, besonders am Verstorbenen – dadurch aber auch an der Angeklagten – waren dessen letzte Ex-Freundin (29) und Mutter des gemeinsamen fünfjährigen Sohnes sowie freilich Julian L.s Mutter (43). Diese kann als Nebenklägerin erst seit diesem Montagnachmittag erstmals im Saal bleiben – nach ihrer Vernehmung. Sie berichtet u.a., warum sie über alles Familiäre sehr gut informiert und immer in Rufbereitschaft für ihre Kinder ist: „Eine Tochter von mir starb mit sieben Jahren. Deshalb habe ich immer ein besonderes Augenmerk darauf, wo und mit wem sie unterwegs sind, hole sie auch nachts immer ab, wenn nötig.“
Sie lernte die Angeklagte kennen, als Julian L. sie eines Tages mitbrachte. Christina K. hätte sich mit ihrem Freund zerstritten, wüsste nicht, wohin. „Ich sagte, in Ordnung, soll sie dableiben. Aus dem einmal Bleiben ist für immer geworden. Sie zog mit all ihrem Zeug ein bei uns. Beide wohnten in Julians Zimmer.“ Die Beziehung sei „nicht einfach“ gewesen:
„Ein falsches Wort von Julian – und sie ist einfach weggefahren. Dann ist er mit seinem Auto weg – und dann waren beide wieder da. Es gab von Anfang an Gaudi. Das mit den Autos war mehrmals die Woche. Sie suchten sich gegenseitig. Später habe ich mich sehr um Christina gekümmert. Dass Julian bei uns immer ein Zuhause hatte, hieß nicht, dass ich immer hinter ihm stehe und zu ihm halte und ihn die Partnerin schlecht machen lasse.“
Nachdem beide ausgezogen sind, hätte sie ihren Sohn nur vierzehntägig gesehen, gemeinsam mit dem älteren Enkel. „Dann wieder öfter, weil sie wieder gesponnen hat, ihn rauswarf oder aussperrte. Ihm war das oft zu blöd. Meistens drehte er sich um und ging.“ Er hätte schließlich gesagt, er gehe auf Montage. Sie wunderte sich, denn ihr Bub wollte zuvor immer daheim sein. Julian L. erklärte ihr: „Ich daback des nimmer“, er bräuchte zwei, drei Tage, in denen er Ruhe hätte.
Das Verhältnis zum größeren Buben ist Julian L.s Mutter zufolge für die Angeklagte schwierig gewesen. „Sie sagte, der ist undankbar. Da war er fünf Jahre alt! Und er wäre laut – und immer im Vordergrund. Julian war in der Zwickmühle, er konnte da nicht raus.“ Als die Mutter wegen technischer Wartungen einmal beider Zimmer betrat, „dachte ich, mich trifft der Schlag: Lauter Sexspielzeug lag rum. Es schaute aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich packte mir Julian – was sie tut, interessiert mich nicht. Aber der kleine Bub soll nicht mit einem Vibrator rumrennen, als wäre es ein Lutscher. Einen Monat später sind beide ausgezogen.“
„Jeder, der ihn kannte, liebte ihn“
Als „gemischt“ beschreibt Julian L.s Mutter, die beruflich an der Kasse eines Discounters arbeitet, ihr eigenes Verhältnis zur Angeklagten.
„Jeder mochte Julian. Viele warnten mich vor Christina. Sie hätte mit ihrer Mama geschlägert, würde lügen, hätte nur Affären. Die ist nix für den Julian, sagten die Leute. Ich mache mir aber immer selber ein Bild von anderen. Die beiden sind jung. Julian sagte: ‚Sollen sie doch reden.‘ Ich wurde aber doch hellhörig, hatte mehr ein Auge darauf. Als Christina schwanger war, stand ich ihr mit Rat und Tat zur Seite. Sie durfte nicht mehr als Lkw-Fahrerin arbeiten.“
Beider Sohn kam geplant per Kaiserschnitt zur Welt, allerdings während der Silierzeit in der Landwirtschaft. „Julian ist der geborene Bauer. Vorher ist sie immer auf dem Bulldog mitgefahren. Da aber beschimpfte sie ihn, sagte, sie will ihn gar nicht sehen. Ich redete ihm zu, sie zu besuchen. Er überraschte Christina. Zu mir sagte sie: ‚Eigentlich könnte ich ihn erwürgen. Aber ich habe mich so gefreut, dass er da ist‘.“ Und:
„Sie ging ihn wirklich öfter grob an, haute ihn. Sie hörte nimmer auf, musste immer das letzte Wort, den letzten Schlag haben. Sie hat ihn auch gebissen – in die Brust. Sie tat alles, schlagen, treten. Sie war nie scherzhaft, immer aggressiv. Außer mit Christina hat Julian nie mit jemand Streit gehabt. Er hat nie gerauft. Jeder, der ihn kannte, liebte ihn. Wenn der wo reinkam, war das, als ginge die Sonne auf. Er hat nie jemanden angefasst, nicht zurückgehau’n. Das hätte er nie getan. Er sagte: ‚A Weiberleid g’langt ma ned o – da geht man.‘ Aber er hat auch mal gesagt, er weiß nicht, wie lange er sich noch zusammenreißen kann.“
„Ich konnte es kaum noch ertragen…“
Eine Zwischenfrage des Vorsitzenden Richters: „Beide redeten aneinander vorbei, kamen nie auf den Punkt?“ Die Mutter bestätigt: „Ja, da waren beide so. Sie beschwerte sich wegen Julians vieler Arbeit. Aber in den Urlaub wollte sie schon. Von nichts kommt aber nichts. Julian sagte: ‚Ich arbeite mich zum Krüppel. Und sie?‘ Heute hat er Schulden, weil er das nicht mehr zahlen konnte – weil sie ihn umgebracht hat.“
Zum Hochzeitssamstag hätte Julian der Mutter gegenüber erklärt, dass er zur Hochzeit seines besten Freundes hinmüsse. „Sie waren am Freitag noch bei uns, die Stimmung war super.“ In der Tatnacht hätte Julian sie um 3.20 Uhr angerufen. Am Festnetz. Obwohl er wusste, dass ich mein Handy neben dem Bett habe. Genau in dieser Nacht rief er am Festnetz an. Ich bekam keine Antwort, habe immer nur Stimmen gehört, aber nichts verstanden. Ich sah Screenshots von den Fotos mit beiden. Ich legte auf, dachte, vielleicht ist das Handy in der Hosentasche angegangen. Von dem zweiten Heiratsantrag wusste ich nichts. Am Montag jener Woche hatten sie sich noch getrennt. Ich hätte ihm abgeraten. Ich konnte es kaum noch ertragen, was die da fabrizieren“.
Der Richter will wissen, wie es der Familie heute geht. „Schlecht. Wir sind beim Psychologen. Die Kinder haben schon eine Schwester verloren. Julian wusste, was ein Mensch wert ist. Im Discounter kann ich nicht aus, die Leute kommen mit ausgestreckter Hand auf mich zu…“
„Es war eigentlich perfekt“
Auch die Mutter des älteren Buben ist zu Wort gekommen. Julian L. hatte die Ex-Freundin im Dezember 2017 kennengelernt. Da hatten beide jeweils andere Partner. Sie schrieben sich im Internet. „Im Januar 2018 auf meiner Geburtstagsparty wollte er mit mir alleine reden, sagte, ich ginge ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ich war 22, er erst 17.“ Trotzdem kamen beide noch im Januar zusammen.
Die erste eigene Wohnung bezogen sie 2019 in Grafenau. Im März 2020 kam ihr Sohn zur Welt. „Er hat sich über die Schwangerschaft sehr gefreut, obwohl er noch in der Lehre war. Wir waren sehr jung, hatten Angst, es der Familie mitzuteilen. Wir spekulierten viel. Er hat sich dann immer um das Kind gekümmert, obwohl er erst 18 war. Es war eigentlich perfekt.“

Und doch hatten die beiden sich Ende 2020 auseinandergelebt. „Es war anders als zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns kennengelernt hatten. Und es war auch stressig mit dem Buben.“ Sie hatte Kontakt zu einem anderen Mann. „Es wurde oft getuschelt, ich hätte eine Affäre. Aber das stimmte nicht, wir haben uns nur viel geschrieben. Julian glaubte mir nicht. Wir trennten uns kurz vor Weihnachten. Ich zog zu meinen Eltern, er zu seinen.“
Das Gericht fragt hierzu nach. Die Zeugin erwidert: Julian hätte sie zunächst auf den Nebenbuhler angesprochen. „Er fragte ganz ruhig, ich sagte ihm, es stimmt nicht. Er fuhr weg. Julian ist nie ausgeflippt. Er kam nach einer Stunde wieder, sagte, er glaubt mir das nicht, er hätte zu viel gehört.“ Die Trennung hätte sich „relativ lange gezogen, gut zwei Wochen. Er ist damit nicht klargekommen, dass die tuscheln. Wir haben diskutiert, gestritten, wir haben doch einen gemeinsamen Sohn. Aber es hat nicht mehr funktioniert. Julian war einer, der sich immer zurückzog. Er brauchte Ruhe, Abstand, fuhr zu Freunden, Kollegen. Danach setzten wir uns wieder zusammen, redeten. Ich kann mich an keinen wirklichen Streit mit ihm erinnern.“
Der damalige Ex der Angeklagten war ein Kollege von Julian L. Bei Treffen „haben wir uns super verstanden. Ich hatte absolut kein Problem mit Christina. Wir saßen oft zusammen“. Als sie erfuhr, dass die Angeklagte Julians neue Freundin wäre, „war kurze Zeit Eifersucht da. Aber ich habe das hingenommen. Wir sind getrennt. Es kommt der nächste Freund. Dass sie es ist, hat mich schon kurz überrascht. Aber beide hatten sich ja immer gut verstanden. Ich habe bis heute Kontakt zu Julians Familie, besuche sie regelmäßig. Sie sind die Großeltern meines Buben. Das bleiben sie – unabhängig von Julian.“
„Er hat nie Sex eingefordert, hat ein Nein immer akzeptiert“
Die Zeugin soll Julian L. für das Gericht charakterisieren, freilich vor dem Hintergrund der Version der Angeklagten. Die soll sehr eifersüchtig gewesen sein, stritt oft mit Julian L., arbeitete selbst nicht, beschwerte sich aber, als er als Ernährer mehrere Jobs hatte und seltener daheim gewesen ist. Die Ex-Freundin und Mutter des fünfjährigen Sohnes sagt aus:
„Er war der perfekte Mann. Er war immer für jeden da, ein ruhiger Typ, nie ausfallend oder aggressiv. Es gab keine Handgreiflichkeiten. Julian war keiner, der Frauen anpackt. Wenn er sich über etwas aufregte, war das meistens, weil in der Arbeit etwas nicht geklappt hatte. Er kam heim, setzte sich einfach hin, hat das mit sich selbst ausgemacht. Man durfte ihn da nicht ansprechen. Dann ging es wieder normal weiter. Ich habe ihn nie gewalttätig gesehen.“
Als sie hochschwanger war, habe sie Intimitäten als beschwerlich empfunden. „Das war für ihn kein Problem. Er sagte okay, legen wir uns aufs Bett, schauen wir einen Film. Er hat nie Sex eingefordert, hat ein Nein immer akzeptiert.“
Auch die letzten Monate der neuen Beziehung erlebte die Frau mit, weil ihr Bub jedes zweite Wochenende beim Vater war: „Selbst habe ich nicht viel mitbekommen. Aber mein Kind hat mir erzählt, dass beide wieder bei der Oma schlafen mussten, weil Christina den Papa wieder rausgeworfen hätte. Sie wäre so böse zum Papa. Und sie war auch aggressiv zum Buben. Er fragte: ‚Warum, ich habe ihr nix getan?‘ Das war bei Christina wie das Umlegen von einem Schalter.“ Von körperlichen Streits zwischen dem Paar weiß sie „nur aus Erzählungen – wegen Kleinigkeiten legte sich ihr Schalter um. Sie ist ausgetickt. Sie wurde auch zu mir lauter, wenn ihr was nicht gepasst hat“.
Auch von ihr will das Gericht wissen, wie es ihr und dem Kind heute gehe.
„Ich habe es meinem Sohn eine Woche später gesagt, lange überlegt, wie ich einem Fünfjährigen erkläre, dass sein Papa tot ist. Ich holte Rat bei der Kinderärztin und sagt dem Buben dann, der Papa ist im Himmel, der kommt nicht mehr. Der Bub fragt immer noch nach ihm, redet täglich über ihn, erinnert sich, was sie unternommen hatten. Ihm fehlt er, jede Sekunde. Ich beobachte auch Rückschritte in der Entwicklung. Er weint sehr viel, zuckt bei Kritik zusammen, sagt, er mag zum Papa. Das Kind war immer fröhlich, ehrgeizig und aufbrausend. Jetzt es immer traurig und zieht sich zurück.“
„Ich will, dass wir eine Familie sind“
Unter all den anderen Verflossenen und Freunden des Paares ist nur eine junge Frau, die ein freundlicheres Bild von der Angeklagten zeichnet. Das mag stimmen – oder aber daher rühren, dass Christina K. nicht einmal ihr alles anvertraute. „Von Gewalt hat sie nichts erzählt. Ob sie mir das überhaupt gesagt hätte, weiß ich leider nicht. Dass sie kein Blümchen war, wusste ich – aber nichts von Gewalt.“

Sie wären beste Freundinnen. „Wir telefonierten und schrieben viel, ich versuchte immer, sie aufzubauen. Als Freundin hält man zur Freundin. Christina benutzte Ausdrücke wie Depp und Wi**er, aber das war halt ihre Art. Unter Vertrauten spricht man anders miteinander.“
Die beiden waren so vertraut, dass Christina K. ihr Screenshots von Streitdiskussionen zwischen dem Paar geschickt hätte. „Beide beschimpften sich.“ Beider Kraftausdrücke hätten sich da nichts genommen. „Aber ich weiß nichts von Schlägen oder was auch immer.“ Die jungen Frauen hätten „auch viel über den Sinn der Beziehung und deren Zukunft geredet. Sie hat aus irgendwelchen Gründen immer wieder zu Julian gefunden. Auch wenn das nie lange andauerte“.
Die Freundinnen hatten die Kinderpflegeschule gemeinsam abgeschlossen. Der Kontakt war mal schwächer, dann wieder intensiv. Doch selbst diese junge Frau war „überrascht, dass beide auf diese Hochzeit gingen. Kurz vorher war wieder Trennung – dann postete Christina das Verlobungsfoto“. Die Zeugin weiß vom ersten Antrag. Sie hätte aber „nie mehr nachgefragt, als es dauernd um Trennung ging. Die Hochzeit war für mich kein Thema mehr.“ Auf ihre oft gestellte Frage, warum Christina K. nicht – wie empfohlen – gegangen, warum sie zurückgekehrt wäre, hätte die Angeklagte gesagt: „Weil ich ihn liebe. Und unser Kind soll einen Vater haben. Ich will, dass wir eine Familie sind.“
Der Prozess wird am Donnerstag, 11. Dezember fortgesetzt.
Tine Cervo
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