Finsterau/Vimperk. Die diesjährige Preisverleihung des Literaturfestivals Šumava Litera im tschechischen Vimperk (Winterberg) hielt die Spannung bis zum Schluss. Nachdem bereits Preise in sechs Kategorien vergeben wurden, ging der Internationale Preis des Festivals an Lukas Haselberger für sein Buch „Verborgene Welten“ (Skryté Světy).

Die Auszeichnung würdigt die außerordentliche Qualität seiner Makrofotografien von winzigen Lebewesen, die er im Grenzgebiet zwischen Bayerischem Wald und Böhmerwald aufgenommen hat. Haselberger geht bereits seit seiner Kindheit der Fotografie von Springspinnen, Käfern und Schleimpilzen nach. Dafür nutzt er in der Natur rund um Finsterau einen selbstgebauten Makroschlitten.
Lukas Haselberger ist 28 Jahre alt und lebt in Finsterau, eingebettet zwischen den Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava. Er ist beruflich als Fotograf, Grafikdesigner und 3D-Artist tätig und hat an der Hochschule Deggendorf Medientechnik studiert. Neben seinen digitalen und fotografischen Tätigkeiten widmet er sich auch handwerklichen Betätigungen, wie beispielsweise dem Schmieden. Wir haben uns mit ihm u.a. über seine Fotografie-Leidenschaft unterhalten, seine Motive und Motivationen sowie seinen Bezug zur Natur des Bayerischen und Böhmischen Waldes.
Millimeterarbeit Makrofotografie
Herr Haselberger: Was ist für Sie die verborgendste Welt, die Sie bisher entdeckt haben – und die unseren Blick auf die Natur völlig verändern könnte?
Besonders interessant finde ich die verborgene Welt der Schleimpilze, bei denen man sich bis heute nicht hundertprozentig einig ist, was sie sind. Sie vereinen Eigenschaften von Pflanzen, Pilzen und Tieren, können aber keiner Gruppe eindeutig zugeordnet werden. Bei ihnen handelt es sich um ein einzelliges mehrkerniges Lebewesen. Eine ganz eigene Klasse an Lebewesen also.

Sie wollen mit ihrem Buch eine Brücke zu den „verborgenen Welten“ der Nationalparke Bayerischer Wald und Böhmerwald bauen. Was war der bislang emotional intensivste Moment, den Sie beim Fotografieren dieser winzigen Lebewesen erlebt haben? Und: Wie ist es Ihnen gelungen, deren „Persönlichkeit“ so einzufangen?
Über die Jahre haben sich natürlich einige besondere Ereignisse abgespielt. Besonders spannend sind für mich die Begegnungen mit Springspinnen. Die Springspinnen in unserer Gegend sind vergleichsweise klein, haben eine Körpergröße von 2 bis 8 Millimeter. Da sie mit ihren großen Augen die Welt visuell wahrnehmen und sie auch erkennen können, was sich vor ihnen befindet, ist Interaktion mit ihnen immer besonders interessant. Die Nationalparke bieten auch besonders seltenen Springspinnenarten einen sicheren Lebensraum. Wenn man solch seltene Arten findet, wird einem immer wieder bewusst, wie wertvoll die Waldschutzgebiete sind.
Als Grafiker ist Ihnen die visuelle Kommunikation sehr wichtig. Was war die größte technische oder gedankliche Herausforderung bei der Makrofotografie in der rauen Natur des Bayerischen Waldes und des Šumava, um diese „unsichtbaren“ Details sichtbar zu machen?
Die größte technische Herausforderung bei der Makrofotografie ist vermutlich den Fokus richtig zu setzen. Da reichen schon einige Hundertstel Millimeter, damit der Fokus nicht mehr passt. Durch die Vergrößerung in der Makrofotografie hat man meistens sehr kleine Bereiche, in denen das Bild scharf ist. Um dem entgegenzuwirken, nutze ich eine Technik, die als Focus-Stacking bezeichnet wird. Dabei nehme ich teilweise hunderte Fotos vom selben Motiv auf – dieses darf sich natürlich in dieser Zeit nicht bewegen – und lege dann nur die scharfen Bereiche übereinander. So erreiche ich eine viel größere Schärfentiefe. Bis man so ein gutes Bild einer lebenden Spinne oder eines Käfers bekommt, können Stunden vergehen – aber die Ergebnisse sind mit Einzelfotos nicht vergleichbar.
Außerdem ist man in den Nationalparken als Makrofotograf oft sehr lange mit sehr viel Equipment unterwegs. Und da es bei uns immer bergauf und bergab geht, ist das gera2de im Sommer bei den mittlerweile recht hohen Temperaturen doch sehr anstrengend.
„Wir kommen alle aus dem selben Wald“
Was ist für Sie der Unterschied zwischen einem Foto, das einfach nur schön ist – und einem Foto, das wirklich eine Bedeutung hat? Was muss ein Bild enthalten, damit Sie es in ein Buch aufnehmen?
Jedes Bild, das in ein Buch von mir kommt, muss auch eine Geschichte dahinter haben, die es wert ist, erzählt zu werden. In der Makrofotografie gibt es leider immer wieder schwarze Schafe, die tote Insekten so präparieren, als ob sie noch am Leben wären – und dadurch natürlich sehr einfach an gute Motive kommen. Auch Eis-Spray wird hier leider immer wieder eingesetzt. So etwas ist für mich absolut ausgeschlossen. Meine Bilder entstehen alle draußen im Wald. Ich fotografiere immer am Fundort.

Sie wurden jüngst für Ihren Beitrag zur deutsch-tschechisch-österreichischen Zusammenarbeit mit dem Šumava-Litera-Preis ausgezeichnet. Wie sehen Sie persönlich die Rolle der Fotografie und der Kunst darin, die Menschen auf beiden Seiten des Böhmerwaldes/Bayerischen Waldes zusammenzubringen?
Ich denke, dass beides eine sehr wichtige Rolle spielt. Sowohl, um Gemeinsamkeiten als auch kulturelle Unterschiede darzustellen und gemeinsam zu erleben. Dabei denke ich aber, dass das Medium, über welches dies geschieht, zweitrangig ist. Also egal, ob Fotografie, Musik, Malerei oder andere Kunstformen. Die Grenzen haben zwar deren Entwicklung beeinflusst, aber am Ende sind dies nur Linien auf einer Karte – und wir kommen alle aus dem selben Wald.
Welche Synergien und/oder Unterschiede erleben Sie bei Ihrer Arbeit vor Ort im Bayerischen Wald und im Šumava?
Für meine Fotografie gibt es in den beiden Nationalparken keine großen Unterschiede. Die Natur ist auf beiden Grenz-Seiten wild und einzigartig. Der einzige Unterschied ist der, dass man im Nationalpark Šumava immer wieder auf Relikte des ehemaligen Eisernen Vorhangs stößt. Diese Relikte stellen auch immer wieder lohnende Motive dar.
Eine Ausstellung Ihrer Werke findet derzeit in Kvilda, mitten im Šumava, statt. Wie unterscheidet sich die Resonanz und das Feedback des Publikums vor Ort im Vergleich zur Rezeption im Bayerischen Wald? Welche Botschaft erhoffen Sie sich von den Besuchern in Tschechien?
Die Resonanz auf beiden Seiten der Grenze war bis jetzt stets äußerst positiv. Letztendlich erhoffe ich mir auf der tschechischen Seite dasselbe wie auf der bayerischen: dass die Menschen auch auf die kleinsten Waldbewohner achten – auch wenn dies oft gar nicht so einfach ist…
„Möchte die Tiere immer in ihrer Komfortzone fotografieren“
Wenn Sie ein Buch zusammenstellen – sind Sie dann eher Biologe, Dokumentarfilmer oder Poet? In welcher Reihenfolge spielen für Sie Wahrheit, Ästhetik und Emotion eine Rolle?
Vermutlich bin ich von allem etwas. Mein aktuelles Buch geht eher in Richtung Dokumentarfilmer. Aber ich denke, ich werde in einem kommenden Projekt auch mehr über die Entstehung der Bilder sprechen, was ich mir bis jetzt meist für meine Vorträge vorbehalten habe.
In der Makrofotografie ist es glücklicherweise so, dass sich Wahrheit und Ästhetik nie ausschließen. Gerade bei den Schleimpilzen fotografiert man häufig etwas, das die meisten Menschen noch nie gesehen haben und somit auch besonders ästhetisch wirkt. Für mich sind natürlich auch die Emotionen meiner Motive wichtig. Sitzt die Spinne also nur zusammengekauert da, mit den Beinen ganz nah am Körper? Oder schaut sie neugierig in die Kamera? Hat der Käfer die Fühler ausgestreckt? Oder fühlt er sich bedroht und klappt diese ein? Ich möchte die Tiere immer in ihrer Komfortzone fotografieren.
Welchen Einfluss hat Ihr professioneller Hintergrund als Grafikdesigner auf die Komposition und Gestaltung Ihrer Naturaufnahmen?
Der Vorteil als Grafikdesigner und Fotograf ist, dass man seinen Bildern einen zusätzlichen Rahmen geben kann. Beim Design meines Buches habe ich mich auch an der Natur orientiert. Die Höhenlinien, die sich durch das ganze Buch ziehen, entstanden aus echten Höhendaten der Region.
Wann wussten Sie eigentlich, dass die Fotografie mehr als nur ein Hobby sein würde?
Ich denke, das war, als ich mich dazu entschieden habe, Medientechnik in Deggendorf zu studieren. Hier hatte ich die Möglichkeit, mich sehr auf die Fotografie zu konzentrieren, woraus dann auch meine Masterarbeit beziehungsweise mein erstes Buch Zwischen Holz und Stein entstand.
Das nächste Projekt steht bereits in den Startlöchern

Haben Sie das Gefühl, dass der Kontakt mit der wilden Natur die Menschen wirklich „heilt“ – so wie es im Motto des Projekts „Šumava uzdravuje – da Woid mocht di xund“ anklingt? Erleben Sie das auch bei sich selbst – was macht ein Tag im Wald mit Ihnen im Vergleich zu einem Tag am Computer?
Eindeutig ja! Wir sind mittlerweile im Alltag schon von unendlich viel Information umgeben – durch Handy oder Computer. Ich fühle mich selbst immer besser nach einem Tag draußen in der Natur, anstatt vor dem Rechner.
Generell: Was denkt Ihre Generation über die Natur? Über den Bayerischen Wald? Und über das Festhalten kleinster Details in der Naturfotografie?
In meiner Generation, denke ich, ist dies sehr unterschiedlich. Jeder hat seine eigenen Präferenzen. Der Bayerische Wald bietet jedem die Möglichkeit für unterschiedlichste Tätigkeiten und Hobbys. Auch die Naturfotografie hat ihre eigene Community, in der sich aber alle möglichen Altersklassen wiederfinden.
Abschließend: Gibt es bereits Pläne für ein neues fotografisches Projekt oder eine Region, deren verborgene Welten Sie als nächstes erkunden und sichtbar machen möchten?
Ja, ich habe bereits einen groben Plan. Es wird um die verlorenen Ortschaften rund um Buchwald und Fürstenhut gehen. Um deren Geschichte, ihre Relikte und die verborgenen Welten, die sich dort entwickeln.
Dafür wünschen wir gutes Gelingen – und weiterhin ein ruhiges Händchen!
die Fragen stellten:
Stephan Hörhammer & Marek Matoušek
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Das bei der edition Lichtland veröffentlichte Buch „Verborgene Welten“ wurde vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert und ist in einer zweisprachigen Ausgabe erhältlich.








