Passau/Grafenau. Was ist wirklich geschehen in der Nacht auf den 1. Juni in dem Mehrparteienhaus in Elsenthal bei Grafenau? Fest steht: Julian L. (24) ist tot. Gestorben an einem einzigen Messerstich ins Herz. Das Messer führte wohl – sogar nach eigenen Äußerungen in der Tatnacht – Christina K. (heute 26), seine Verlobte und Mutter des gemeinsamen Söhnchens. Nun sitzt sie auf der Anklagebank des Passauer Landgerichts. Der Vorwurf: Totschlag.

Ihr Verteidiger Sebastian Gaßmann hatte sie am Auftakttag als Opfer eines sexwütigen Trunkenbolds hingestellt. Diese Beschreibung ist seit Freitag, dem dritten Prozesstag am Landgericht Passau, äußerst fraglich geworden. Alle zehn Zeugen – darunter der Vater, der Bruder sowie der Chef und enge Freund des Getöteten, aber selbst die einst beste Freundin der Angeklagten – drehten den Spieß um.
Demnach litt vielmehr der junge Mann unter der dominanten und fordernden, zuweilen auch groben Art seiner psychisch labilen, überaus eifersüchtigen Partnerin. Ein Arbeitskollege von Julian L., der auch auf der besagten Hochzeitsfeier vom Tattag war, sagte: „Mir ist so nichts aufgefallen. Aber Julian durfte nicht allein zum Rauchen raus. Christina wäre wohl auch mit aufs Klo gegangen.“ Julian L. dagegen galt überall als besonnener Streitschlichter, fleißig, hilfsbereit, verlässlich.
„Er war mein bester Mann“

Sein Vater im Zeugenstand äußerte bedrückt: „Er war ein Vorzeigekind, er war immer anständig. Wir haben ihn richtig erzogen. Wir verstehen ihre Anschuldigungen nicht. Er war immer der, der Streit schlichtete.“ Und sein Chef ergänzte: „Julian war fleißig, geschickt, sehr selbstbewusst, sehr ruhig. Den hat man nie aus der Ruhe gebracht. Er wusste immer eine Lösung. Jeder war froh, wenn er mit dem zusammenarbeiten konnte. Auch die Firmen wollten immer ihn. Er war mein bester Mann.“
Damit sind sogar zunächst unzweifelhafte Details der Tatnacht wieder zum Geheimnis der Angeklagten geworden. Niemand außer dem Paar war dabei. Und Julian L.s Version wird niemand je mehr erfahren können.
Beide hatten nachweislich Verletzungen. Manche sind sicher älter als unmittelbar aus der Tatnacht. Manche hat sich die Frau erst nach dem Vorfall vor dem Haus, umgeben von Helfern, selbst zugefügt. Woher stammen die Schrammen an Julian L.s Achsel, der Brust – vor allem aber die am Kopf? Hat er sich selbst angestoßen? Hat sie ihn vor dem Zustechen geschlagen, vielleicht sogar niedergeschlagen? Eine Schublade am Boden in der Nähe des Getöteten scheidet laut Gerichtsmedizinerin jedenfalls als Schlagwaffe aus.
Selbst die einst beste Freundin der Angeklagten sagt nun: „Jetzt sind Sachen aufgekommen, vor allem die Tat, dass ich denke, ich habe sie nie richtig gekannt. Das ist eine fremde Person.“
„Das werde ich nie haben“
An jenem Tag heiratet sein Chef und Freund, das Paar befindet sich unter den 140 geladenen Gästen. Christina K. fällt dadurch auf, dass sie viel weint. Die Braut nimmt sich ihrer schließlich sogar eine halbe Stunde lang an:
„Nach dem Brautstehlen konnte sie sich nicht mehr beruhigen. Das ging über Stunden. Sie hat immer geweint, weil sie mich so schön fand. ‚Du bist so schön. Mit dem Kleid. Mit der schönen Frisur. Die Hochzeit ist perfekt, ihr seid so ein perfektes Paar. Das werde ich nie haben.‘ Ich sagte, das bekommt ihr auch hin. Wir streiten auch. Bei uns ist auch nicht alles perfekt. Aber Beschwichtigen hat nicht funktioniert.
Ich wollte wieder auf die Tanzfläche. Sie wollte nicht mit. Julian kam, nahm sie um die Hüfte, ging mit ihr zur Bar. Ich weiß nicht mehr, was sie alles sagte. Ich habe nicht so aufgepasst, ich wollte nach einer halben Stunde wieder zu meiner Hochzeit. Deshalb schlug ich vor, dass wir uns mal treffen können und alles bereden.“
„Wirf ihn Christina zu“
Die Sängerin und Traurednerin zieht die Braut mit sich. Die Feier ist exakt getaktet. Das Brautstrauß-Werfen ist dran. Die Braut: „Auf dem Weg zum Werfen kam Julian hinter mir her, drängte: ‚Wirf ihn Christina zu, wirf ihn zu ihr.‘ Ich war verwundert, aber ich tat es.“ Die Braut dreht sich extra zweimal um die eigene Achse, damit sie die Partnerin vom Spezl ihres Mannes ausmachen kann. „Ich habe sie unter meinen Mädels entdeckt, sie stand genau hinter mir und fing den Strauß. Wie’s der Teufel will…“
Eine enge Freundin der Braut hatte selbst auf den Strauß spekuliert. Sie berichtete nun: „Aber Christina sprang richtig hin zum Brautstrauß. Sie wollte ihn fangen.“ Julian L. lässt sich das Mikrophon reichen und hält vor all den Zeugen um Christina K.s Hand an – zum zweiten Mal nunmehr. Er hat den Ring schon dabei. Das Paar umarmt und küsst sich. „Christina war überglücklich. Sie hat wieder geweint.“ Christina K. umarmt kurz darauf die Traurednerin, hat mit ihr schon den Hochzeitstermin ausgemacht, den 30. Mai nächstes Jahr. Die Feier läuft weiter. „Julian war glücklich, sie eigentlich auch.“
„Zwei- bis dreimal pro Monat Streitereien“

Für den Heimweg vieler Gäste war ein Bus-Shuttle organisiert. Die Schilderungen, wie betrunken die frisch Verlobte war, fielen unterschiedlich aus. Ebenso bezüglich ihres Partners: Die meisten sagten im Gericht über Julian L., er hätte meist höchstens zwei Halbe Bier getrunken, sie hätten ihn nie rauschig erlebt. Im Kontrast dazu hatten Hausmitbewohner bei der Polizei ausgesagt, sie hätten „am Treppengehen gehört, ob er betrunken oder nüchtern war“. Es hätte „zwei- bis dreimal pro Monat Streitereien gegeben – auch körperlich. Meist nach der Heimkehr von einem der beiden“.
Eine Komponente aus Gaßmanns Erklärung bestätigten die Zeugen: Christina K. vergisst ihre Handtasche im Bus. Der Fahrer würde sie später finden. Aber ist da auch wirklich beider Hausschlüssel drin? Das war der vorgetragene Grund für eines der Details, nämlich, dass die Wohnungstür oben mit Gewalt aufgebrochen worden war. Die Haustür unten hatten sie sich von einem Nachbarn öffnen lassen.
Der Vorsitzende Richter lieferte dazu nun noch eine Aussage der Ersthelfer und Nachbarn des Paares nach. Diese hatten einem Polizisten gesagt, sie hätten erst eine dreiviertel Stunde nach der Heimkehr des dann wohl heftig streitenden Paares „einen Knall gehört, wie wenn eine Tür eingetreten wird“, deshalb wären sie überhaupt in die Wohnung über ihnen geeilt. Und auch: „Er muss die Tür eingetreten haben bei der Diskussion mit seiner Freundin.“
„Das Verhältnis war immer gut“
Sperrte das Paar nach dem Eingelassenwerden unten also oben mit einem eigenen Schlüssel auf? Und einer von beiden trat die Tür irgendwann später aus ganz anderen Gründen ein? Christina K. soll den Partner regelmäßig aus der Wohnung geworfen oder ihn gleich ganz durch ihren innen im Schloss steckenden Schlüssel ausgesperrt haben. „Sie spinnt wieder“, wäre dann Julians Erklärung für seine Eltern gewesen. Sein Vater: „Es hat immer das Kleinste gereicht, dass sie wieder zu spinnen anfing.“ Alle aus dem nahen Umfeld sprechen von: „Es ist wieder Gaudi“.
Denn dies ist laut der Zeugen oft ein Hintergrund, warum Julian K. wieder im Elternhaus übernachtete. Vor allem an den Wochenenden. Und da besonders an denen, an denen sein größerer Sohn aus einer früheren Beziehung bei ihm weilt. Um den Buben hätte Christina K. sich laut Julian L.s Vater „anfangs gut gekümmert – schleichend kam, dass er ihr ein Dorn im Auge war“.
Zur Kindsmutter, der Ex von Julian „haben wir nach wie vor Kontakt – das Verhältnis war immer gut“. Aber genau das ertrug Christina K. kaum. Ihre einstige Freundin: „Hauptgrund für Streit war die Mutter des Größeren. Sie ging bei seinen Eltern ein und aus. Christina fühlte sich zurückgesetzt. Christina war selbst täglich dort, fast genauso auch bei mir. Mir hatte sie gesagt, dass sie nie bei der Schwiegermutter ist.“ Julian L.s jüngerer Bruder: „Ihr hat nicht gepasst, wenn er bei uns statt bei ihr war. Julian hat sie immer verteidigt.“
Ein ständiges Off und On
Julian L.s Mutter ist im Gericht noch nicht aufgetreten. Sie scheint aber, auch laut der Chats vom zweiten Prozesstag, eine Vertraute Christinas gewesen zu sein. Anders Julian L.s Vater: „Wir haben eigentlich nie so ein richtiges Verhältnis aufgebaut. Ich hatte immer das Gefühl, sie hat den Julian nicht geliebt. Er hat sich verändert, er hat nie was gedurft. Als wäre sie eifersüchtig auf uns, wenn er uns half. Das war erst die letzte Zeit so. Ich fand keinen rechten Draht zu ihr. Meine Frau hat sich bemüht, ich mich auch – dem Julian zuliebe. Das macht man halt so.“

Nach der Geburt des gemeinsamen Kinds kriselte es immer öfter. Christina K. hatte unbedingt ein Kind gewollt. Der Sohn war laut seinem Vater jedoch „für Julian kein Wunschkind. Er wusste, wie wenig Zeit er schon für den Größeren hat und was er zahlen muss“. Und es gab noch einen weiteren Teufelskreis: Zunächst hatte das Paar bei Familie L. gelebt.
Christina K. bestand auf eine eigene Wohnung, das Kind kam dann im August 2024 zur Welt. Also musste noch mehr Geld her. Der junge Papa nahm weitere Jobs an. Und er ging Streit daheim auch aus dem Weg durch auswärtige Montagearbeit. Der Vater wörtlich: „… weil er die Streitereien nicht mehr packte“. Dadurch war Julian L. immer seltener bei Partnerin und Baby zuhause. Das wiederum steigerte ihre Unzufriedenheit noch weiter.
Die Beziehung entwickelte sich zum ständigen Off und On. Die einstige Freundin der Angeklagten schimpfte beide, als es wieder mal Streit gab: „Reißt euch zusammen und rauft euch zusammen.“ Zu Julian L. sagte sie mal: „Ihr habt keine Zukunft.“ Er hätte erwidert, er könnte „sie nicht loslassen, ich liebe sie so“. Laut dieser Zeugin stritten beide schon um das Sorgerecht. Christina K. vertraute der Freundin an: „Ich kriege Julian dran, das alleinige Sorgerecht kriege ich.“
Sie wollte den Partner „hinhängen wegen der Schwarzarbeit“. Das ständige Off und On schilderte auch Julian L.s Vater: „Wir sagten oft, komm‘ wieder heim. Er kam auch, sagte, jetzt ist es endgültig vorbei. Sie rief ihn dann nachts an – und er ist wieder hin. Es war immer ein Hin und Her. Es ging ihm nicht gut – seelisch.“ All dies macht seinen Heiratsantrag und ihr Einwilligen in der Tatnacht zum Rätsel…
Der Prozess wird am Montag, 1. Dezember fortgesetzt.
Tine Cervo
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