Schliersee. Sie ist die Oberbayerin mit dem strengsten Stundenplan: Gelernt hat Christine Eixenberger Grundschullehrerin, doch statt im Klassenzimmer Disziplin einzufordern, füllt sie lieber die Kabarettbühnen. Bekannt als beherzte Heldin im TV-Format „Marie fängt Feuer„, beweist sie mit scharfen Pointen und charmantem Witz, dass das Erwachsenenleben wohl die größte unlösbare Hausaufgabe ist – die uns aber zumindest zum Lachen bringt!

1987 in Tegernsee geboren, absolvierte die heute 38-Jährige zunächst eine Ausbildung zur Grundschullehrerin in München – ein Beruf, den sie zwar nur kurz ausübte, der aber die Inspiration für ihre ersten Kabarettprogramme lieferte. Bereits während ihres Studiums begann sie, auf der Bühne aufzutreten. Ihr Kabarett zeichnet sich durch humorvolle und scharfsinnige Beobachtungen des bayerischen Alltags, des Bildungssystems und der Gesellschaft aus. Bekannte Programme sind unter anderem „Lernbelästigung„, „Fingerspitzenlösung“ und „Einbildungsfreiheit„. Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem 2019 mit dem Bayerischen Kabarettpreis in der Kategorie „Senkrechtstarter“ ausgezeichnet. Im Fernsehen zu sehen ist sie u.a. als Moderatorin der BR-Satire-Show „Nachsitzen“ .
In ihrem mittlerweile fünften Soloprogramm namens „Volle Kontrolle“ widmet sie sich humorvoll den Herausforderungen des Zusammenlebens und der Frage, wie man die Kontrolle über den frischgebackenen „Duo-Haushalt“ und die kleinen wie großen Krisen der Welt behält (oder eben nicht). Wir haben uns mit der kessen Blondine vom Schliersee, die am 24. Januar 2026 in der Passauer Redoute auftritt, u.a. über die bayerische Kabarett-Szene, Sprache und Mentalität unterhalten – und von ihr erfahren, dass der Bayerische Wald vor ein paar Jahren zu einer Art zweiten Heimat für sie mutiert ist…
„Ich will, dass sie sich an ihren eigenen wunden Punkten reiben“
Frau Eixenberger: Wie finden Sie die Balance zwischen ernsthaften gesellschaftlichen Themen und Humor in Ihren Programmen?

Humor war für mich schon immer Anker und Copingstrategie zugleich. Er hilft mir, das Unerträgliche erträglicher zu machen. Jemand, der lacht, öffnet sich – und genau da kann man Menschen erreichen. In ihrer Verletzlichkeit, in ihrer Tiefe, in ihrer Neugierde. Wenn nach einem Lacher kurz Ruhe einkehrt, weil der erste Impuls oft der Lacher war, aber der zweite ein kurzes Reflektieren ist und jeder im Raum das Gefühl hat: Ich bin Teil einer Gemeinschaft, ich bin nicht allein, ich gehöre dazu – das ist das Schönste für mich. Was uns als Künstler in unserer Arbeit sicher verbindet, ist ein ehrliches Interesse an den Menschen. Und das sieht man dann auch auf der Bühne.
Sie haben einen grundschulpädagogischen Background. Inwiefern prägt das Ihre Sicht auf das Publikum und die Art, wie Sie Themen vermitteln?
Dieser Background hat sicher einen Einfluss auf meine Bühnenarbeit. Auf der Bühne geht es ja auch darum, Menschen aufs Maul und ins Herz zu schauen – sie also „lesen“ zu können. In der Pädagogik lernt man, wie unterschiedlich Menschen denken, reagieren, zuhören – und dass man ihnen am besten auf Augenhöhe begegnet. Wenn ich in den Augen meines Publikums ihre Gedanken gespiegelt sehe, dann ist das ein magischer Moment. Im besten Fall führe ich sie – manchmal strenger, manchmal sanfter – durch den Abend: Durch meine Themen, meine Figuren, meine Haltung – und ganz wichtig: durch die Zäsuren und die Pausen. Ich will, dass sie hin und wieder die Perspektive wechseln und sich an ihren eigenen wunden Punkten reiben.
Welche Schulnote würden Sie der bayerischen Kabarett-Szene denn geben – und warum?
Das klingt ja fast wie eine Frage für Markus Söder! (lacht) Ich würde sagen: Eine Zwei plus. Wir haben schon eine sehr lebendige und vielseitige Kabarett- und Comedyszene in Bayern. Eine Szene, in der die Grenzen zwischen klassischem Kabarett und der Comedy, die früher oft eher als „nicht so ernst zu nehmen“ galt, immer weiter aufgeweicht werden. Liebs! Aber – ein bisschen was fürs Hausaufgabenheft hätte ich schon noch: mehr Nachwuchs fördern und mehr Frauen auf die großen Bühnen holen, nicht immer nur eine unter vier Männern (grinst). Dann wär’s vielleicht eine Eins mit Sterndal.
„Auch in Köln, Hamburg oder Wien funktioniert das“
Wie wichtig ist Ihnen die bairische Sprache und Mentalität in Ihrem Kabarett-Programm? Und: Inwiefern klappt das mit der Verständigung zwischen Ihnen und Ihrem Publikum auch über die Grenzen Bayerns hinaus?
Die Sprache ist mein Zuhause – da liegt eine Musikalität und Vielseitigkeit drin, mit der es einfach Spaß macht zu spielen. Das Oberbairische zum Beispiel kann dabei ganz unterschiedliche Facetten haben: mal unaufgeregt, manchmal ein bisschen batzihaft und gelegentlich schwer verständlich. Meine Sprache ist ein Teil meiner Persönlichkeit, kein Accessoire. Und das Schöne ist: Auch in Köln, Hamburg oder Wien funktioniert das. Wenn man ehrlich erzählt, verstehen die Leute, worum es einem geht – auch wenn sie das Wort „greislig“ vielleicht kurz googeln müssen… (lacht)

Wie gehen Sie mit dem Phänomen des „Mansplaining“ um, das Sie in einem Interview angesprochen haben, gerade wenn es sich auf Ihr Handwerk bezieht?
Mit Humor. Meistens. Ich merke schon, dass Frauen im Kabarett oft anders beurteilt werden – man erwartet, dass sie nett, charmant und nicht zu laut sind. Wenn man dann aber auch noch eine Meinung oder im schlimmsten Fall eine politische Haltung hat, wird’s spannend. Wenn mir ein Mann nach der Show meint sagen zu müssen: ‚Ja, war scho guad, aber… ich hätt’s anders g’macht. Jetzt bass auf, kennst du den schon…?!‘ – dann darf man sich auch nicht wundern, wenn ich sag‘: „Do schau her, der war ja gar nicht mal… so gut.“ (grinst)
Sie sind für viele das moderne Gesicht des bayerischen Kabaretts. Gibt es Kabarettisten oder Künstler aus Bayern (oder auch darüber hinaus), die Sie besonders schätzen oder deren regionaler Blickwinkel auf die Dinge Sie inspirierend finden?
Es gibt wirklich viele großartige Kolleginnen und Kollegen in Bayern – mit Haltung, Tiefgang und Mut. Wobei meine Favoriten zugegebenermaßen woanders verortet sind: Josef Hader zum Beispiel – seine melancholische und gleichzeitig bitterböse Art der Bühnenkunst bewundere ich sehr. Außerdem schätze ich Anny Hartmann – sie ist unglaublich klug, präzise und wahnsinnig lustig auf eine Art, bei der einem oft das Lachen im Halse stecken bleibt – Chef’s kiss, die Frau! Und ja, der eine ist aus Österreich, die andere aus Köln, also keiner von beiden aus Bayern. Aber mei, daran kann ich jetzt auch nichts ändern… (lacht)
„Aber wenn du sie dann hast, dann hast du sie für immer“
Der Grant ist ein Markenzeichen der bayerischen Mentalität – auch und vor allem im Bayerischen Wald. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Unterschied in der „Grantelkultur“ zwischen den einzelnen Landesteilen? Grantelt der Oberbayer beispielsweise mehr als der Niederbayer?

Jetzt wird’s ja schon fast wissenschaftlich hier! (lacht) Ich finde es immer schwierig, alle über einen Kamm zu scheren, aber aus meiner persönlichen Beobachtung heraus würde ich sagen: Der Oberbayer grantelt manchmal extrem laut – Beweisstück A: Ich beim Autofahren – oder passiv-aggressiv – Beweisstück B: Ich beim Autofahren. Beim Niederbayern bin ich mir manchmal nicht sicher: Ist der jetzt grantig oder hat der mir gerade ein Kompliment gemacht?
Sie thematisieren in Ihren Programmen gerne die Suche nach dem ominösen „Dahoam“. Wo beginnt für Sie Heimat im weiteren Sinn? Und welche Rolle spielt dabei der Gegensatz zwischen dem ländlichen Raum (Schliersee/Tegernsee) und dem Städtischen („Minga“)?
Heimat ist für mich kein spezifischer Ort, es ist mehr ein Gefühl – von Vertrautheit, von Stille, von Wärme. Es gibt für mich nichts Schöneres, als allein auf den Berg zu gehen und dann am Gipfelkreuz zu sitzen – nur ein paar Mauersegler und ich. Das geht natürlich nur unter der Woche. Am Wochenende schaut die Situation ganz anders aus. Da passiert es nicht selten, dass sich so viele Menschen am Gipfel zusammenrotten, dass man drauf und dran ist zu fragen: ‚Entschuldigen’s, aber würde es Ihnen was ausmachen, wenn ich meine Brotzeit AUF Ihrem Schoß essen würde?‘

Also Heimat ist, wie gesagt, auf der einen Seite die Stille, die Natur. Aber ich brauche auch die Reibung, das soziale und kulturelle Leben, das eine Stadt wie München mit sich bringt. Ich glaube, ich bin am glücklichsten, wenn ich zwischen beidem pendeln darf – also mit dem Mauersegler im Kopf und einem Matcha-Latte in der Hand. Wobei… ich find Matcha-Latte super greislig. Aber ich glaube, Sie verstehen, was ich meine… (lacht)
Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Woche lang im Bayerischen Wald urlauben. Wo genau würden Sie hingehen und was würden Sie erleben wollen, um die Region abseits der Klischees kennenzulernen?
Der Bayerische Wald ist tatsächlich seit ein paar Jahren so etwas wie meine zweite Heimat geworden. Ich trete dort wahnsinnig gerne auf, weil ich die Leute und ihre Art mittlerweile wirklich schätzen gelernt habe. Die ersten zwanzig Minuten kann’s sein, dass du in ihren Gesichtern lesen kannst: ‚Jetzt schaun ma erst einmal, für was wir da zahlt ham.‘ Aber wenn du sie dann hast, dann hast du sie für immer.
Abgesehen davon bin ich regelmäßig in der Sportschule Kinema – und lass mir dort von Sepp Maurer in den Allerwertesten treten. Im übertragenen Sinne natürlich. Sepp ist mittlerweile ein Freund geworden, mit dem ich wahnsinnig gerne trainiere. Auch wenn sich meine Lunge und meine Muskeln jedes Mal wieder denken: ‚Ja guad, ähm, Frage: Christine, wer zur Hölle hat dir ins Hirn defäkiert?‘ Aber Sport ist für mich der perfekte Ausgleich. Außerdem hat man dort kein Handynetz. Perfekt, wenn man die Welt einfach mal draußen lassen will.
„Wir haben nämlich einiges zu erzählen“
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Kabaretts? Wohin soll, vielleicht sogar muss die Reise künftig gehen?
Puh, gute Frage. Ich wünsche mir, dass Kabarett wieder stärker als gesellschaftliche Stimme wahrgenommen wird – nicht nur als Unterhaltung. Außerdem fände ich es schön, wenn sich auch mal mehr junge Leute in eine Kabarettveranstaltung verirren würden. Die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy sind ja mittlerweile deutlich fließender, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war – was ich gut finde.
Kabarett hat aber trotzdem oft immer noch den Ruf, dass es nur etwas für das mittelalte bis deutlich mittelalte Bildungsbürgertum ist – das stimmt aber gar nicht. Ich sehe mich da selbst eher als Hybrid: Ein bisschen Comedy, ein bisschen Kabarett, eine Prise Theater, ein Teelöffel Slapstick. Und natürlich, ganz wichtig: Ich würde mir wünschen, dass wir Frauen im Kabarett weiter sichtbar bleiben – nicht als Zitat in Männerprogrammen, sondern als eigene Stimmen. Wir haben nämlich einiges zu erzählen. Nicht nur über Männer…
Herzlichen Dank für Ihre Zeit – und weiterhin alles Gute!
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer








