Geyersberg. Stand auf dem Geyersberg im Mittelalter tatsächlich eine Burg? Diese Frage wurde im Vorfeld der Freyunger Gartenschau im Jahr 2023 immer wieder diskutiert (da Hog’n berichtete). Schließlich trug ein beträchtlicher Teil des Gartenschauareals die Bezeichnung „Burgberg“.

Foto (um 1918) von der alten Informationstafel auf dem Geyersberg, die auf die Burg und den Besitzer „Wölfel in dem Turm“ hinweist. Foto: Marita Sedlmayr-Bekmann

Die Antwort auf die Frage nach der Existenz einer Burg ist eindeutig: Ja, im Mittelalter stand dort tatsächlich eine Burg. Der Standort ist präzise lokalisierbar. Auch der renommierte Historiker Paul Praxl bestätigt die Existenz der Burg. Aber darüber hinaus wusste man über sie herzlich wenig.

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Bis die Freyungerin Marita Sedlmayr-Bekmann das Foto einer historischen Tafel präsentierte. Diese hing etwa um das Jahr 1918 an einem Haus auf dem Geyersberg. Auf der Tafel, die von der damaligen Waldvereinssektion Freyung aufgehängt worden war, stand: „Der Burgstall Geyersberg war zum Schutz des III. Goldenen Steiges (Klamm) angelegt. 1273 wird „Wölfel von dem Turm“ als Besitzer genannt.

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Eine Spur führt nach Prag

Die älteste Landkarte unserer Gegend fertigte der Passauer Hofmaler Leonhard Abent im Jahr 1593. Die kolorierte Federzeichnung zeigt den Markt Freyung, das Schloss Wolfstein und die Mittermühle.

Das waren endlich einmal konkrete Hinweise. Die aber ihrerseits Fragen aufwarfen. Wurde hier auf die Klamm „Buchberger Leite“ Bezug genommen? Und wer war „Wölfel in dem Turm“? Die erste Frage ist eindeutig zu beantworten: Man meinte nicht die Buchberger Leite. Vielmehr handelte es sich bei der „Klamm“ um mehrere Einzelfluren mit der alten Bezeichnung „Klam“, nämlich „Klamholz“, „Klamfeld“, „Klamwiesen“. In der neueren Schreibweise spendierte man der „Klam“ noch ein zusätzliches „m“. Durch diese „Klam“-Flurstücke verlief die Trasse des oberen Goldenen Steiges. Dieser Hinweis auf der Tafel ist zweifelsohne richtig.

Das Geheimnis um den Namen „Wölfel in dem Turm“ konnte jedoch nicht gelüftet werden. Auch die Jahreszahl 1273 gab weiterhin Rätsel auf. Doch jetzt kommt ein interessierter Geschichtsfreund aus Fürstenzell ins Spiel: Er hatte das Büchlein „Geheimnisvoller Geyersberg“ in die Hände bekommen und Gefallen daran gefunden. Vor allem interessierte ihn der „Wölfel von dem Turm“. Daraufhin begann er zu recherchieren – und wurde tatsächlich fündig: Er fand Hinweise auf den besagten „Wölfel“.

Die Spur führte nach Prag. Er ließ Kreisheimatpfleger Gerhard Ruhland diesen Hinweis auf den Namen und Vermerke auf mögliche historische Quellen zukommen. Unter anderem verwies der Fürstenzeller Hobbyhistoriker auf ein sorgfältig recherchiertes Buch aus dem Jahr 1891 über mittelalterliche Städte sowie auf eine Abhandlung zur Geschichte der Stadt Prag. Ruhland forschte weiter nach – und kam zu erstaunlichen Ergebnissen…

Der einflussreichste Fernhandelskaufmann in Prag im 13. Jahrhundert

An der Stelle des alten Prager Wohnhauses des „Wölfel in dem Turm“ steht heute das Altstädter Rathaus von Prag mit einem Turm und der berühmten astronomischen Uhr. Foto: pixabay/ neufal54

Der „Wölfel von dem Turm“ (die Bezeichnung variiert mit „Wölfel in dem Turm“) ist tatsächlich in Prag zu verorten. Es handelte sich bei ihm um einen deutschstämmigen Kaufmann, der es im 13. Jahrhundert zu großem Reichtum und Ansehen gebracht hatte. Er verdankte diesen Aufstieg nicht zuletzt dem böhmischen König Ottokar II., der von 1253 bis 1278 herrschte. Ottokar holte deutsche Kaufleute als Kolonisten nach Prag und förderte diese sehr. Sein Ziel war es, die Wirtschaft zu beleben. Zu diesen Kaufleuten gehörte wohl auch „Wölfel von dem Turm“.

Dieser wird 1264 urkundlich erwähnt, um 1288 starb er. Die Familie des Großhandelskaufmanns „Wölfel“ dürfte wohl die einflussreichste in ganz Prag gewesen sein. Die Böhmen titulierten die Familie deshalb mit einem eigenen Namen, nämlich „Welflowicen“. Der „Wölfel von dem Turm“ residierte in Prag standesgemäß in einem repräsentativen Haus, zu dem auch ein Turm gehörte. Daher der Zusatz „von dem Turm“.

Das Gebäude befand sich an sehr prominenter Stelle in der so genannten Prager „Altstadt“. Im Jahr 1338 kauften die Bürger der Prager Altstadt, die das Recht der Selbstbestimmung verliehen bekommen hatten, von Nachkommen unseres „Wölfel von dem Turm“ das Haus und errichteten dort das heute berühmte Altstädter Rathaus, das einen noch größeren Turm und später eine astronomische Uhr spendiert bekam. Für jeden Prag-Besucher ist das ein Muss.

Die Burg auf dem Geyersberg als Unterkunft für den Fernhändler „Wölfel“

FRG-Kreisheimatpfleger Gerhard Ruhland. Foto: Hog’n-Archiv

Doch wie verschlug es den Wölfel nach Freyung? Als Großhandelskaufmann handelte er insbesondere mit Venedig. Dabei bereiste er die entsprechenden Handelswege häufig selbst. Zu denen gehörte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch der Goldene Steig. Dass dieser im 13. Jahrhundert bereits existierte, ist gesichert. Auf diesem Handelsweg wurde nicht nur Salz gesäumt, sondern man transportierte auch eine Vielzahl anderer Waren, u.a. Handelsgut aus Venedig.

Damit macht es auch Sinn, dass unser „Wölfel“ 1273 als Eigentümer auf dem Burgstall Geyersberg vermerkt ist. Diese Burg diente zum Schutz des für den Wölfel so wichtigen Handelsweges Goldener Steig und vermutlich auch als Unterkunft bei den Fernreisen des „Wölfel von dem Turm“. Die zeitliche Einordnung passt. Wölfel von dem Turm befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Kaufmannskarriere, er stirbt erst 15 Jahre später.

Ein deutschstämmiger Prager als Burgherr auf dem Geyersberg! Wer hätte das gedacht. Ein Geheimnis aber bleibt: Woher hatte der Waldverein vor über 100 Jahren diese Informationen über den „Wölfel in dem Turm“? In Zeiten ohne Computer und Suchmaschinen…

Gerhard Ruhland

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