Zwiesel. Ein Faschingsmotto, das erst in ein paar Monaten aktuell wird, sorgt bereits jetzt für massiven Wirbel in den Sozialen Medien: Die Ankündigung, dass der Zwieseler Fasching 2026 unter dem Motto „Afrika“ stehen soll, hat eine hitzige Debatte über kulturelle Aneignung, Kolonialismus und die Grenzen der Tradition ausgelöst. Die Kritik von Brian Lobo, ehemaliger Vorsitzender des Regener Kulturvereins Oberstübchen, löste einen regelrechten Sturm der Entrüstung in der Glasstadt aus.

Anlass der Debatte war ein öffentlicher Leserbrief von Brian Lobo, den dieser vor gut einer Woche auch an die Redaktion des Onlinemagazins da Hog’n sandte. Darin nimmt er „mit großem Bedauern“ die Motto-Wahl des kommenden Zwieseler Faschings zur Kenntnis und kritisiert unter anderem, dass das Thema weiße Menschen dazu verleiten würde, sich mit „Knochenketten oder bemalter Haut“ zu verkleiden und damit einen ganzen Kontinent von über 50 Ländern auf klischeehafte Bilder zu reduzieren.
Lobo argumentiert, dass solche Darstellungen „alte Muster des Kolonialismus“ aufgriffen und ein „exotisierendes und rassistisches Zerrbild“ erzeugen würden. Er fordert daher die Verantwortlichen der Faschingsgesellschaft Fidelia Zwiesel auf, “sich mit der Kritik auseinanderzusetzen und künftig mehr Sensibilität für kulturelle und rassistische Themen zu zeigen“. Weiter schreibt er:
„Viele denken vielleicht, damit ’niemandem zu schaden‘, doch die Erfahrung zeigt: Diese Stereotype verletzen Menschen mit afrikanischen Wurzeln auch heute. Kulturelle Aneignung bedeutet, sich bestimmte Symbole, Kleidung oder Bräuche einer Minderheit anzueignen und sie aus ihrem Zusammenhang zu reißen – ohne Verständnis für deren Geschichte oder Bedeutung.“
Als mahnendes Beispiel führt er in seinem Brief den ehemaligen „Negerball“ in Regen an, der nach anhaltender Kritik umbenannt und schließlich abgeschafft wurde (zum Leserbrief in Gänze).
Die Reaktionen: Pauschalurteil und Maßverlust
Die Resonanz in den Sozialen Medien darf als überwiegend kritisch, ja entrüstet gegenüber Lobos Eingebung eingestuft werden. Die meisten Kommentatoren werfen dem Kritiker Vorverurteilung und Hysterie vor, da bis dato etwa weder Kostüme noch die konkrete Umsetzung des Balles bekannt seien. Der Hauptvorwurf lautet, Lobo betreibe eine Schwarz-Weiß-Kommunikation und verweigere den konstruktiven Dialog. Ein User äußerst sich etwa so:
„Vielleicht wäre es konstruktiver, sich einfach mit den Verantwortlichen auszutauschen und seine Bedenken dort zu äußern. Leider wird aber heutzutage nur schwarz oder weiß gedacht und sofort im Internet pauschalisiert, obwohl noch kein einziger Ball stattgefunden hat.“
Ein weiterer Kommentator verteidigt den 1892 gegründeten Faschingsverein, der 2023 sein 130-jähriges Bestehen feierte, als verantwortungsbewusst. Er schreibt:
„Ich bin mir sicher, dass sich die Fidelia Zwiesel bewusst darüber ist, dass es sich hier um ein sensibles Thema handelt und dementsprechend Vorsicht walten lässt, dass hier keine menschenrechtliche oder ähnliche Vergehen stattfinden werden. Aber ich persönlich finde es schon etwas dreist einen solchen Brief zu schreiben: Sie haben weder ein Kostüm noch Ähnliches gesehen und schieben schon die Fidelia Zwiesel in eine Ecke. (…) Die Fidelia Zwiesel ist sicherlich keine Stammtischvereinigung (…)“
Viele Kommentatoren relativieren auch Lobos Kritik, indem sie den Spieß einfach umdrehen:
„Komisch, aber keiner schreibt riesen Artikel darüber, wenns Oktoberfest is und aus aller Herren Länder die Leut in Bayern-Verkleidung kommen. Ja, im Ausland wird der typisch deutsche Stereotyp als jemand mit Lederhose gesehen…“
Der Tenor der Mehrheit: Es sei schwer nachvollziehbar, ein harmloses Faschingsmotto zum Anlass zu nehmen, um öffentlich schwere Vorwürfe wie Kolonialismus zu erheben. „Fasching lebt von Vielfalt, Humor, Fantasie und weltweiten Themen – ohne jede politische Absicht“, gibt ein User kund.
Die Minderheit: Aus der Zeit gefallen!
Gegen die große Mehrheit melden sich jedoch auch vereinzelt Stimmen, die Lobo zustimmen und das gewählte Motto als wenig durchdacht kritisieren.
„2025 so ein Thema zu wählen, wirkt einfach komplett aus der Zeit gefallen – fast, als hätte man die letzten 10 bis 15 Jahre gesellschaftlicher Diskussionen einfach verschlafen. Selbst, wenn’s ’nicht böse gemeint‘ war, zeigt es halt, wie wenig Bewusstsein da ist für kulturelle Sensibilität – und wie leichtfertig man mit Klischees umgeht.“
Ein anderer Kommentar spricht die Problematik der Veranstalter direkt an: Gäbe es nur wenige Mottos, sei die Wahl klar. Da jedoch eine „fast unendliche Vielzahl an Möglichkeiten“ bleibe, sei es unverständlich, warum sich ein Verein der Gefahr aussetze, als rassistisch abgestempelt zu werden.
Narren nun zur Gratwanderung gezwungen?
Die Debatte in Zwiesel legt jedenfalls offen, wie sehr hier liebgewonnene Tradition mit gewachsener gesellschaftlicher Sensibilität kollidiert. Angesichts der harschen Reaktionen und der Verteidigung des Mottos durch viele Befürworter ist nicht davon auszugehen, dass die Fidelia Zwiesel das Thema kurzfristig noch ändern wird. Stattdessen verlagert sich der Konflikt nun auf die Umsetzung: Der Faschingsverein muss im Februar 2026 beweisen, dass er das sensible Thema „Afrika“ aufgreifen kann, ohne die von Kritikern befürchteten rassistischen Klischees zu bedienen.
Weitere Eindrücke von Zwieseler Faschingsfeierlichkeiten aus den 30er/40er/50er Jahren (Fotos: Archiv/Franz Mathe)
Bis dahin dürfte das Motto wohl noch so einige Male Gegenstand diverser Diskussionen bleiben, vielleicht sogar das meistdiskutierte „Kulturkampf-Kostüm“ in der Glasstadt. Die Zwieseler Narren sind nun mutmaßlich zur Gratwanderung gezwungen: Entweder gelingt der Spagat zwischen Humor, Fantasie und politischer Korrektheit – oder das Motto erzeugt genau das, was Kritiker wie Brian Lobo befürchten. Die Augen der Öffentlichkeit sind nun mehr denn je auf die konkrete Ausgestaltung des nächsten Zwieseler Faschingsumzugs gerichtet…
Stephan Hörhammer








