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Wasserburg am Inn. Michael Altinger, der Mann mit dem bayerischen Grant und dem unschlagbaren Gespür für das Absurde im ganz normalen Wahnsinn, ist wohl mehr als nur ein Kabarettist. Er ist der diplomierte Sozialpädagoge, der lieber auf der Bühne die Seelen seiner Zuschauer kuriert, indem er ihnen mit messerscharfem Witz den Spiegel vorhält.

„Die letzte Tasse Testosteron“: Mit seinem Solo-Programm seziert Michael Altinger mit scharfsinnigem bayerischen Witz die Identitätskrise des modernen Mannes mittleren Alters, der zwischen Sauerteigbrot-Backen, Yoga und den Rufen nach dem „Gestern“ nach dem titelgebenden Hormon als Ursache und Lösung für die Wirren der Welt sucht. Fotos: Martina Bogdahn

Ob er als Moderator im „Schlachthof“ die Politik filetiert oder solo die Untiefen der bayerischen Seele ausleuchtet: Altinger beweist, dass man auch mit intellektuellem Tiefgang herrlich unkompliziert sein darf – solange man danach eine gescheite Brotzeit bekommt…

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Im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n spricht der 54-Jährige u.a. über die Divergenz zwischen dem Stadt- und Landleben, blickt zurück auf die Anfänge im Passauer Scharfrichterhaus, auf sein Studium, erläutert den Hintergrund von „Strunzenöd“ und geht auf die gesteigerte Schwierigkeit ein, aktuelle komplexe Themen so aufzubereiten, dass sie auf der Bühne funktionieren…

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„Das war damals wirklich noch ein Ritterschlag“

Sie sind in Landshut geboren und leben bei Wasserburg am Inn. Wie sehen Sie als bayerischer Kabarettist das Lebensgefühl und die Mentalität der Menschen speziell in dieser Region im Vergleich zu den Münchenern oder anderen bayerischen Großstädtern? Und finden diese Unterschiede Eingang in Ihre Programme?

Die Wasserburger Gegend ist stark ländlich geprägt, mit einem sehr hohen Lebensstandard. Und in München bewegt man sich weltoffener, in einem urbanen Standard, der kaum noch zu bezahlen ist. Ich glaub, ich kann mich ganz gut in beiden Welten bewegen. Aber ich beobachte schon, dass das Verständnis für das Denken und Verhalten des jeweils anderen ständig weniger wird. Solche Beobachtungen rutschen natürlich auch in meine Programme.

Mit Ihrer Band haben Sie 1996 das Passauer Scharfrichterbeil gewonnen. Welche Bedeutung hatte dieser Preis für den Start Ihrer Karriere – und wie wichtig ist gerade dieser ostbayerische Preis für das junge Kabarett?

Das war damals wirklich noch ein Ritterschlag innerhalb der bayerischen Kabarettszene. Ich würde sagen, dass es mein Startschuss war, um mich der ganzen Sache professionell zu widmen. Heute hat das junge Kabarett ganz andere Mittel und Wege, um auf sich aufmerksam zu machen. Man strebt weniger nach Preisen und mehr nach Präsenz in den Sozialen Medien.

Michi Altinger beim Auftritt in seinem Kabarett-Wohnzimmer, dem BR-Schlachthof in München: 

Sie haben Sozialpädagogik studiert, aber früh die Karriere auf der Bühne eingeschlagen. War das Studium hauptsächlich, wie Sie es ausdrückten, um Ihre Eltern zu beruhigen? Oder hat Ihnen der Hintergrund als Sozialpädagoge auch den Weg ins Kabarett a bissl geebnet?

Ich hab im Studium sicher das ein oder andere Werkzeug an die Hand bekommen, von dem ich noch heute profitiere. Gerade in Sachen „Gesprächsführung“ und „Charakteranalyse“. Grundsätzlich wollte ich aber schon Kabarettist werden, bevor ich mit dem Sozialpädagogik-Studium angefangen habe.

„Strunzenöd“, der Mittelpunkt Bayerns!

Ihre Figur „Strunzenöd“ ist ein immer wiederkehrender Schauplatz. Steht dieses fiktive Dorf auch für die Klischees, mit denen ländliche Regionen wie der Bayerische Wald oft konfrontiert sind? Und wie gehen Sie satirisch damit um?

„Die Realität ist inzwischen so schräg geworden, dass die Satire kaum noch hinterherkommt.“

Strunzenöd ist mein „Entenhausen“ oder mein „kleines gallisches Dorf“, wenn man so will. Was in Strunzenöd passiert, kann überall in der bayerischen Provinz passieren. Außerdem hat man hier die Antworten auf alle komplexen Probleme unserer Zeit. Wenn Bayern das „Paradies“ sein soll, dann ist „Strunzenöd“ sicher sein Mittelpunkt!

In Zeiten, in denen die Weltlage immer ernster wird – Krieg, Klima, Inflation – suchen Menschen oft nach einem Ventil. Wie schwierig ist es, die aktuellen, komplexen Themen so aufzubereiten, dass sie auf der Bühne funktionieren und die Leute nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken bringen?

Es ist verdammt schwierig – und wird immer noch schwieriger. Die Realität ist inzwischen so schräg geworden, dass die Satire kaum noch hinterherkommt. Dabei regt mich vieles so auf, dass ich schon sehr darauf achten muss, nicht ins reine Agitieren zu rutschen. Das Kabarett braucht immer noch die Überzeichnung und die Überhöhung. Sonst macht’s mir keinen Spaß. Ich will die Leute übers Lachen zum Nachdenken bringen. Ich bin kein großer Freund vom Gesinnungsapplaus.

Sie sprachen darüber, dass die Zeit während des Lockdowns, als Sie keinen Applaus bekamen, schwierig war. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum nach dieser Pause verändert? Wie animieren Sie die Leute, wieder ins Theater zu kommen?

In der ersten Zeit nach Corona hatte ich tatsächlich den Eindruck, dass das Publikum mich und viele andere Kollegen vergessen hat. Es kamen zum Teil erschreckend wenige Leute in die Vorstellungen. Die Leute hatten neue, digitale Wege gefunden, Kultur zu konsumieren – und die Angst um die eigene Gesundheit war noch zu groß. Inzwischen hat sich die Lage aber gut erholt. Man schätzt wieder den Live-Charakter – und die Zuschauerzahlen sind an vielen Orten sogar noch besser, als vor Corona.

„Kabarett hat immer eine Haltung“

Als Moderator des BR-„Schlachthofs“ sind Sie ein wichtiges Gesicht des bayerischen Fernsehens. Wie unterscheiden sich die Themen und die Herangehensweise, wenn Sie für ein überregionales Fernsehpublikum arbeiten, im Vergleich zu einem Auftritt vor Ort, etwa in einem kleinen Ort im Bayerischen Wald?

Im Schlachthof arbeiten wir viel tagesaktueller. Für meine Bühnenshow such ich mir Themen aus, die über einen längeren Zeitraum gut unterhalten und konfrontieren.

„Der Altinger selber muss so reden, wie er ist – sonst wird’s unglaubwürdig.“

Sie haben einmal gesagt, dass der Begriff „Kabarett“ heute immer schwammiger wird und oft mit „komödiantischer Folklore“ verwechselt wird. Wo ziehen Sie als Kabarettist die Grenze zwischen den beiden? Und was macht für Sie echtes Kabarett aus?

Kabarett hat immer eine Haltung. Früher war diese Haltung ausschließlich im politisch linken Spektrum zu finden. Das hat sich inzwischen geändert. Trotzdem bleibt es aber Kabarett. Komödiantische Folklore wird es, wenn jemand auf die Bühne geht und ausschließlich Witze erzählt. Auch das ist eine Kunst! Aber es ist kein Kabarett. Wird aber trotzdem oft so genannt…

Sie nutzen den Dialekt sehr pointiert. Wie wichtig ist generell die bairische Sprache für Ihr Kabarett? Und sehen Sie eine Gefahr, dass gerade die regionalen Dialekte in der modernen Medienwelt mehr und mehr an Bedeutung verlieren?

Wenn ich Hochdeutsch spreche, dann wirkt das sehr schnell künstlich und seltsam. Das verwende ich gern mal, wenn ich in andere Figuren schlüpfe. Aber der Altinger selber muss so reden, wie er ist – sonst wird’s unglaubwürdig. Wobei ich außerhalb Bayerns meine Programme immer so weit eindeutsche, dass der Zuschauer hinterher meint, er hätte Bairisch verstanden. Was das BR-Fernsehen betrifft, kann ich nur versichern, dass der Dialekt gegenwärtig recht stark gepflegt wird.

Welche Rolle spielt die bayerische Landespolitik im Vergleich zur Bundespolitik in Ihren Programmen? Sind die kleineren, lokalen „Ausrutscher“ nicht oft die dankbareren und humorvolleren Themen für einen Kabarettisten?

Da haben Sie eindeutig Recht. Die Landespolitik ist doch noch näher an den Leuten und polarisiert deshalb auch stärker. Ich denke, über Trump und Co. sind sich die meisten eh einig. Da kann man zwar auch gute Pointen basteln, aber ich mag’s schon lieber, wenn man unterschiedliche Meinungen im Raum spürt – und trotzdem alles lacht.

„Das kann so viel mehr wert sein!“

Viele junge Künstler suchen ihr Publikum heute auf Social Media. Wie sehen Sie die Zukunft der klassischen Kabarett-Bühne, insbesondere in Regionen abseits der Großstädte? Was braucht es, damit auch im „echten Leben“ die Kabarett-Szene lebendig bleibt?

Es braucht wieder mehr ehrenamtliches Engagement im kulturellen Bereich. Mit einer klassischen Brettlbühne lässt sich eben kaum Geld verdienen. Aber dafür kriegt man eine Riesengaudi, geistige Bereicherung und viele Freunde. Das kann so viel mehr wert sein!

Abschließend: Nach Programmen wie „Die letzte Tasse Testosteron“ und dem vorweihnachtlichen „Auch das Christkind muss dran glauben„: Was sind die nächsten großen Themen, denen Sie sich auf der Bühne widmen möchten?

Meine Aufmerksamkeit richtet sich gerade verstärkt in Richtung Fernsehen. Da stehen grad ein paar neue Projekte an, über die ich hier noch nicht sprechen darf, aber auf die ich mich sehr freue!

Dann darf man ja g’schbannt bleim! Danke für Ihre Zeit – und weiterhin alles Gute!

die Fragen stellte: Stephan Hörhammer

 


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