Passau/Regensburg. In knapp zwei Jahren soll es so weit sein: die ersten Medizinstudierenden werden durch Passaus Altstadt Richtung Universität und Klinikum flanieren. Noch ist es wenigen bekannt, doch die Universität Passau wird wachsen. In der Erhardstraße 14 entsteht derzeit ein neues universitäres Bauprojekt mit großer Hoffnung für Niederbayern: der neue Standort des Medizincampus Niederbayern (MCN).

Ab dem Jahr 2027 beginnen unter anderem in Passau angehende Ärztinnen und Ärzte, die ihr Studium an der Universität Regensburg begonnen haben, ihre praktische Ausbildung. Ziel des Projekts ist es, die medizinische Versorgung in der Region langfristig zu sichern und Niederbayern für junge Medizinerinnen und Mediziner attraktiver zu machen.
Für die Stadt ist das ein Aufbruch, für viele Studierende aber auch noch ein Schritt ins Ungewisse. Yasemin Strube, MCN-Studentin aus Regensburg, tappt – wie viele ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen – (noch) im Dunkeln. Wie und wo sich die Ausbildung der 20-jährigen Medizinstudentin im Jahr 2027 weiterentwickeln wird, steht noch nicht fest. „Das MCN-Konzept war klar, aber wie es genau mit uns Studenten weitergeht, das ist unserer Uni noch nicht bewusst. Das ist alles noch sehr frisch, da wissen die Zuständigen selbst noch nicht, wie es weitergehen wird.“
Kooperationsprojekt zwischen Regensburg und Passau
Die Universität Regensburg, die Universität Passau und mehrere niederbayerische Kliniken haben das Kooperationsprojekt Medizincampus Niederbayern ins Leben gerufen. Das Konzept des neuen Regensburger Studiengangs sieht vor, dass Studierende der Humanmedizin die ersten sechs Semester – also den vorklinischen und einen Teil des klinischen Abschnitts – in Regensburg absolvieren. Anschließend wechseln sie für die letzten vier klinischen patientenbezogenen Semester an einen der fünf regionalen Standorte: Deggendorf, Landshut, Mainkofen, Straubing oder Passau.

Die ersten MCN-Studierenden haben zum Wintersemester 2024/25 an der Uni Regensburg begonnen. Insgesamt vergibt Regensburg pro Jahrgang etwa 110 Studienplätze – einerseits über die Abiturbestenquote, andererseits über ein Auswahlgespräch. Rund 25 der Plätze übernimmt ab dem Jahr 2027 der Standort Passau. Die jeweilige Standortvergabe wird im dritten Semester den Studierenden bekanntgegeben. Zuvor konnten die MCN-Studierenden die Standorte priorisieren. Der Standort für das praktische Jahr am Ende des Studiums wird frei gewählt, idealerweise befindet er sich aber ebenfalls an einem der fünf MCN-Standorte.
Eine eigenständige Medizin-Fakultät kann in Passau nicht entstehen. „Dafür fehlen einfach alle Voraussetzungen“, sagt Prof. Dr. Thomas Sauer von der Universität Passau, der als stellvertretender Sprecher des Instituts für Gesundheitswissenschaften (IGW) das Projekt MCN von Beginn an begleitet hat. „Eine medizinische Fakultät bräuchte über 70 Professuren – mehr als die Hälfte des aktuellen Lehrkörpers der Universität Passau.“
Stattdessen fungiert Passau als Ausbildungs- und Forschungspartner. Die Universität Regensburg ist dabei alleiniger Träger des Studiengangs. Die Passauer Studierenden sind also an der Universität Regensburg immatrikuliert, absolvieren aber ab dem siebten Semester ihre praktischen und klinischen Abschnitte vor Ort.
Privat gebaut, staatlich genutzt
Mit der Ankunft Passaus neuer Studierenden braucht die Universität allerdings auch mehr Platz, um in einem neuen Fachbereich zu lehren. Um die notwendige Infrastruktur bis zum Einzug der Studierenden 2027 sicherzustellen, errichtet das neue Medizincampus-Gebäude nicht der Freistaat Bayern, sondern die Hedika Vermögensverwaltung GmbH. Die Universität mietet die Räume langfristig an. „Ein staatlicher Neubau hätte sich über viele Jahre hingezogen“, sagt Rudolf Ramelsberger, privater Bauherr des Projekts. Bei einem Rundgang durch den Rohbau spricht er über die Zukunftsvision.

Das neue Gebäude hat moderne lichtdurchflutete Lehrräume sowie einen großen Hörsaal. Herzstück des Medizincampus ist der Multimedia-Hörsaal im Keller, in dem die Studierenden die menschliche Anatomie virtuell untersuchen können. „Wir wollten mal zeigen, wie Medizinausbildung in der Zukunft aussehen könnte“, erklärt dazu Prof. Dr. Sauer. Die Studierenden können dabei 3D-Darstellungen von CT- oder MRT-Daten interaktiv betrachten und bearbeiten.
Der Passauer Standort richtet künftig sechs neue Professuren ein, die medizinisch-technologische und ethische Themen abdecken. Dazu zählen unter anderem Medical Data Science, Medical Cognitive Sensors, Medical Data Privacy sowie Geschichte und Ethik der Medizin. Die Studierenden behandeln darin Themen wie „KI in der Medizin‘ oder den Umgang mit medizinischen Daten. Je nach niederbayerischem Standort unterscheiden sich die Professuren zwar, doch sämtliche Studierenden besuchen im Laufe der Ausbildung alle Veranstaltungen. Gegebenenfalls bildet die Universität dazu in Zukunft Blockseminare, die die Professoren vor Ort oder virtuell für die Studierenden der anderen Standorte halten werden.
Das Klinikum Passau als Praxispartner
Eine zentrale Rolle spielt das Klinikum Passau, wo die Studierenden im späteren Studienverlauf praktische Erfahrungen sammeln. Es liegt wenige Meter von der Uni entfernt – und auch dort treffen die Verantwortlichen Vorbereitungen für die ersten Studierenden. Prof. Dr. Matthias Wettstein, Chefarzt und ärztlicher Direktor, sieht im MCN eine große Chance. „Wir brauchen dringend mehr Ärzte und durch den MCN hoffen wir, langfristig junge Ärztinnen und Ärzte für die Region zu gewinnen“, sagt Wettstein.
Für den MCN-Studiengang steht derzeit ein Lehrgebäude am Klinikum Passau für den Medizincampus in den Gründungsarbeiten. Neben zirka elf Seminarräumen, in denen der spätere Unterricht stattfindet, wird das Gebäude ebenfalls mit Büros, „Skills-Labs“, einer Studenten-Cafeteria und Lernräumen ausgestattet sein.
In den sogenannten Skills-Labs lernen die Studierenden an Puppen bestimmte ärztliche Fertigkeiten: von Reanimationsschulungen über Darmspiegelungen bis hin zum Ablassen von Wasser im Bauchraum. Das Lerngebäude des Klinikums Passau befasst sich somit mit allem, was nicht direkt am Patientenbett stattfinden kann. Ein solches Gebäude, welches nur für Lehre und vor allem auch für die Forschung entsteht, sei für ein ländliches Krankenhaus wie Passau eine Besonderheit, berichtet Prof. Dr. Matthias Wettstein.
Studierende fordern mehr Transparenz
Während die Planungen in Passau fortschreiten, herrscht unter vielen Studierenden in Regensburg noch Unklarheit. Die MCN-Studentinnen Yasemin Strube und Lisbeth Pacher, die beide an der Universität Regensburg eingeschrieben sind, berichten von Informationslücken: „Wir wissen bisher nicht genau, wie es nach dem Physikum weitergeht“, sagt Strube. „Vor allem Leute, die nicht aus der Region kommen, stört das – aber wir lassen uns alle darauf ein. Wir wussten ja zu Beginn, dass der Studiengang noch in der Planung steckt“, erzählt sie weiter.

Zudem hofft die 20-Jährige, dass sich während ihrer vier verbleibenden Semester an der Uni Regensburg etwaige Ungewissheiten und Fragen bezüglich ihres weiteren Studienverlaufs aufklären. Sie habe mit dem MCN ansonsten ihren idealen Studiengang gefunden, erzählt Yasemin Strube. Sie ist in Niederbayern aufgewachsen und möchte später gerne heimatnah als Ärztin tätig sein. Deshalb habe sie sich über den neuen Medizinstudiengang in Regensburg sehr gefreut.
Auf die Frage, warum allgemein wenig über das Projekt in Passau und der Region bekannt ist, antworten die Verantwortlichen, dass sich viele organisatorische Details noch in Abstimmung befänden. „Ein Projekt dieser Größe braucht Zeit“, sagt Sauer. „Bevor wir wöchentlich neue Wasserstandsmeldungen veröffentlichen, machen wir lieber unsere Arbeit.“ Trotzdem befürwortet er mehr Transparenz und Informationen seitens der Projektleitenden für die Zukunft.
Bedeutung für die Region
Für die Stadt und Universität Passau markiert der Medizincampus einen wichtigen Schritt in Richtung Erweiterung und Diversifizierung des akademischen Profils. Die Stadt Passau begrüßt das Projekt ausdrücklich. Es biete nicht nur neue Ausbildungs- und Arbeitsplätze, sondern auch eine Stärkung der regionalen Gesundheitsversorgung.
Text und Fotos: Marie Appenzeller und Nuziko Philipoff
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„PAblish“ lautet der Name der Projektplattform des Studienganges Journalistik und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Während ihres Studiums können sich dabei Studierende aller Semester in verschiedenen Praxiskursen auf unterschiedlichen medialen Plattformen in den Tätigkeitsfeldern Journalismus und Public Relations ausprobieren. In Zusammenarbeit mit dem Onlinemagazin da Hog’n werden in diesem Rahmen ausgewählte Projekte der verschiedenen Kurse präsentiert.








