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Seine Zuhörerschaft begeistert er mit einer einzigartigen Mischung aus Stand-Up und tiefgründigem Kabarett, das oft seinen naturwissenschaftlichen Hintergrund als studierter Biologe durchscheinen lässt. Bekannt für sein flottes Sprechtempo, seine Selbstironie und seine markante Zottelfrisur, seziert er in seinen Programmen humorvoll die Konflikte zwischen Mensch und Natur, Gesellschaft und persönlichem Scheitern. Bühne frei für: Bernie Wagner!

Berni Wagner, Jahrgang 1991, kommt ursprünglich aus Oberösterreich und lebt seit 2010 in Wien. 

Berni Wagner unterhält seit gut zehn Jahren auf den Kabarettbühnen Österreichs und Deutschlands sein Publikum – und auch im Fernsehen ist er immer wieder mal zu sehen, u.a. im „Vereinsheim Schwabing“, dem „ORF Sommerkabarett“ oder dem „Kabarettgipfel“. 2022 erhielt er für „Galápagos“ den Programmpreis des österreichischen Kabarettpreises, 2024 den Programmpreis für „GHÖST“. Mit seinem mittlerweile fünften Soloprogramm namens “Monster” hat er im Februar dieses Jahres seine bislang größte Tour gestartet. 

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Im Interview mit dem Onlinemagazin da Hog’n spricht der 34-Jährige u.a. über Ängste, Druck, Klimaschutz, seine Haarpracht, Social Media, seine ersten von ihm als Kind gehörten CDs, sein jüngeres Publikum, Blaupausen und die Dringlichkeit der Demokratisierung des digitalen Raums…

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„Das hat mir Angst gemacht!“

Berni: Ihr aktuelles Programm heißt „Monster“ und befasst sich mit der eigenen „animalischen Natur“. Was war der konkrete Auslöser dafür, sich diesem inneren Ungeheuer auf der Bühne zu stellen? Und: welche gesellschaftlichen „Monster“ spiegeln sich darin wider? 

Der Auslöser ist bei mir meist eine starke Emotion, in diesem Fall: Angst. Nach meiner Wahrnehmung hatte sich Gewalt zuletzt wieder als diskutables Mittel zur Lösung für allerlei Probleme in politische Diskurse, Popkultur und auch den Alltag geschlichen. Online offenbarten  viele recht freimütig die Grenze, ab der sie Gewalt für gerechtfertigt halten. Und seien wir ehrlich: Die allermeisten von uns – ich eingeschlossen – ziehen irgendwo diese Grenze. Aber wo diese für viele verläuft und wie klein der gesellschaftliche Konsens diesbezüglich ist: Das hat mir Angst gemacht!

Und Angst hängt dann ja auch wieder mit der eigenen Aggression zusammen. Um das zu wissen, hab‘ ich gerade lange genug Verhaltensbiologie studiert, auch wenn ich inzwischen ja vor allem mein eigenes Verhalten beobachte. Und da sind mir plötzlich Muster aufgefallen, die ich für längst überwunden hätte halten wollen. Für die Frage, ob da animalische Natur die wichtigste Rolle spielt oder die großen Schrecken doch menschengemacht sind, brauch ich einen ganzen Abend: Kommt vorbei!

Kabarettist Berni Wagner auf der Bühne mit einem Auszug aus dem „Monster“-Vorgänger-Programm „Galápagos“:

Sie haben den österreichischen Kabarettpreis 2025 für „Monster“ gewonnen. Inwiefern hat so eine Auszeichnung einen Einfluss auf die künstlerische Freiheit oder den Druck, den Erwartungen des nächsten Programms gerecht zu werden? 

Druck fürs nächste Programm ist dadurch ehrlich gesagt eher weniger da, weil den Preis kriegt man sowieso nur einmal (lacht). Nein, es ist natürlich cool, ausgezeichnet zu werden. Für mich ist aber jede neue Show ohnehin eine existenzielle Angelegenheit, bei der ich von Grund auf hinterfrage, warum und wozu ich mich überhaupt auf eine Bühne stelle um dort – im Idealfall – ca. 200 mal dieselben Geschichten zu erzählen. Was dann viel später eine Jury von meinen Antworten auf diese Fragen halten wird, kann ich zu dem Zeitpunkt unmöglich berücksichtigen. Ich muss schon für mich selber wissen, warum ich mache, was ich mach…

„Kommentiert wird inzwischen ohnehin ohne Unterlass“

Das Thema Klimaschutz taucht immer wieder mal bei Ihnen auf, ist Ihnen wichtig. Wie schwierig ist es, ein so existentielles und oft deprimierendes Thema humorvoll aufzubereiten, ohne zu verharmlosen oder das Publikum zu überfordern? 

Das letzte Programm Galápagos hat sich um den Themenkomplex gedreht, genau. Wie viele andere Leute auch hatte ich das Gefühl, ‚man müsste sich da echt mal einlesen…‘ Und dann hab ich eingesehen: Wenn ich das mit all meiner Tagesfreizeit und meinem kleinen Plus an relevanter Vorbildung schon nicht hinkrieg‘, kann man’s wohl von niemandem verlangen. Die Thematik humorvoll aufzubereiten, ohne dabei zu verharmlosen, war im Endeffekt dann schon sehr viel Arbeit – aber in der Herausforderung lag auch der Reiz und der Ansporn, es wirklich umzusetzen. Und stark emotionalisierte Themen erlauben ja oft den explosivsten Humor, wo das Lachen hoffentlich die Angststarre löst. 

„In Österreich wechselt das Personal ja so rasant, dass es sich gar nicht wirklich lohnt, sich auf eine spezifische Person einzuschießen.“ Foto: pixabay/Fachdozent

Österreich steht – wie auch das Nachbarland Deutschland – vor großen Herausforderungen. Fühlen Sie als Kabarettist eine besondere Verantwortung, die aktuellen Geschehnisse zu kommentieren? Oder sehen Sie Ihre Rolle primär in der humorvollen Distanzierung? 

Kommentiert wird inzwischen ohnehin ohne Unterlass. Das klassische Politkabarett kann mit der Geschwindigkeit von Twitter & Co. nicht mithalten. Dort sind innerhalb von kürzester Zeit die meisten denkbaren Witze gemacht, wovon algorithmusbedingt die polarisierendsten am meisten Reichweite erhalten. Ich halte den schnellen Kommentar selbst für eine Art der Distanzierung, Zerstreuung im schlechtesten Sinn. Was ich in meiner Live-Show anbieten will, ist das Gegenteil: Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit einem relevanten Thema, die ein bisschen mehr an Konzentration erfordert, aber dafür hoffentlich umso stärker nachhallt. 

Ihre Frisur gehört zu Ihren Markenzeichen. Ist das ein bewusster Akt der Nonkonformität in einer oft glattgebügelten Medienwelt? Oder einfach nur eine pragmatische Entscheidung? 

Als Markenzeichen taugt sie vielleicht nicht so, weil ich ja ständig eine andere habe. Allein während der letzten Show hatte ich vier verschiedene, da bleibt nicht viel Wiedererkennungswert. Zufällig gibt es recht viel an Videomaterial aus meiner Vokuhila-Zeit, was vielleicht den Eindruck erweckt, das wäre mein Standardmodell – aber auch der ‚Voki‘ ist jetzt schon wieder länger Geschichte. Wenn das tragen von Frisuren schon für einen Ruf als Rebell reicht, nehm‘ ich das gerne an – aber es sagt vielleicht auch mehr über die Gesellschaft, als über mich.

„Also Kalkül ist da wenig dabei“

Hader, Dorfer, Düringer: Welche kabarettistischen Vorbilder haben Sie eigentlich? 

Gerhald Polt hinterließ – wie bei so vielen Kabarettisten – auch bei Berni Wagner seine Spuren. Foto: Hog’n-Archiv/S. Hörhammer 

Ich hatte als Kind zwei CDs aus dem Comedy-Kabarett-Bereich: Josef Haders ‚privat‘ und Michael Mittermeiers ‚Paranoid‚. Die habe ich sehr oft gehört – und vielleicht erkennt man von beiden nach wie vor hie und da Einfluss auf meine Bühnenprogramme. Später kamen dann Rainald GrebeGerhard Polt und – noch etwas später – der gesamte englischsprachige Comedy-Kosmos mit Leuten wie Suzy Eddie Izzard dazu. Als Bühnenkomiker geht es aber vor allem darum, seinen eigenen Stil zu finden. Das ist, was alle Leute, die ich bewundere, auszeichnet und dementsprechend auch das einzige, was ich bewusst von ihnen übernehmen will.

Sprechen Ihre Programme denn gezielt eine jüngere, politisch engagierte Generation an? Und: Sehen Sie eine Verschiebung in dem, was junges Publikum heute von Kabarett erwartet im Vergleich zu älteren Formaten? 

Also Kalkül ist da wenig dabei. Ich kann ohnehin immer nur das machen, was mich gerade interessiert – und hoffen, dass sich dann ein Publikum dafür findet. Was die Form angeht, sehe ich aktuell eher eine Rückkehr von früheren Formen. Vor nicht allzu langer Zeit war Stand-Up nach amerikanischem Vorbild das ganz große Ding. Zumindest in der österreichischen Szene geht der Trend jetzt aber wieder zum klaren, gesellschaftspolitischen Haltungsstatement einerseits und der künstlerisch-verspielten, theatraleren Form – beides Dinge, die eigentlich schon als abgemeldet galten.

Das jüngere Publikum hat aber in dem Sinn gar nicht so viele Erwartungen. Die kennen die Künstlerinnen und Künstler von Social Media, wo sie für einen gewissen Humor und eine bestimmte Haltung stehen. Aber solange sich das authentisch auf die Bühne überträgt, ist ihnen egal, ob man in ein Handmikro spricht oder ein Headset, ob man Requisiten und Lichteffekte nutzt, Musik macht oder Figuren spielt: Eine große Chance für formale Vielfalt in unserem Genre!

„Mit Blaupausen hat das zum Glück nichts zu tun“

Gibt es aktuelle österreichische oder europäische Politiker, die Sie momentan als besonders dankbare – oder frustrierende – Zielscheibe für Ihre satirische Betrachtung empfinden? 

„Da ist Platz für Handwerk, Stil und künstlerische Arbeit.“ Pressefoto: Berni Wagner

In Österreich wechselt das Personal ja so rasant, dass es sich gar nicht wirklich lohnt, sich auf eine spezifische Person einzuschießen. Dazu kommt die alte Showbusiness-Weisheit: ‚There is no bad publicity!‘ Die Logik scheint mir in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie auch die Politik erreicht zu haben: Jede Erwähnung eines Namens – online und auf der Bühne – ist auf eine Weise auch ein Geschenk an die genannte Person. Ich bin diesbezüglich also eher zurückhaltend und versuche eher die politischen Projekte und Ideologien hinter der Person zu verstehen und inhaltlich dagegen zu arbeiten, wo ich es für angebracht halte. 

Viele etablierte Kabarettisten verlassen sich auf klassische Beobachtungen. Sehen Sie Ihren Stil, der oft Sprachwitz mit gesellschaftskritischen Untertönen verbindet, als Blaupause für die Zukunft des österreichischen Kabaretts? 

Eine gute Beobachtung ist im Humor Gold wert – das gilt für mich genauso wie für 99,9 Prozent der Acts, die ich kenne. Abstrakter Humor ohne Referenz auf irgendeine erkennbare Realität ist eine große, aber auch recht limitierte Kunst. Im Großen und Ganzen lebt das Genre fast immer davon, dass uns etwas auffällt. Ich persönlich finde aber schon gut, wenn einem dazu dann auch noch was einfällt. Weil die Beobachtungen, die gemacht werden, sind ja oft dieselben. Wie man sie formuliert, welche Perspektive man darauf hat, welche Haltung dazu da ist: Da ist Platz für Handwerk, Stil und künstlerische Arbeit. Insofern kann ich mich glücklich schätzen, Teil einer Szene in Österreich zu sein, die oft ähnlich tickt. Da beeinflussen wir uns sicher auch mal gegenseitig, aber mit Blaupausen hat das zum Glück nichts zu tun!

Dringlich: die Demokratisierung des digitalen Raums!

Abschließend: Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft Österreichs? Was würden Sie in den nächsten zehn, zwanzig Jahren gerne verändern, wenn Sie Kanzler der Alpenrepublik wären? 

Ich glaube, die vielleicht dringendste Herausforderung aktuell ist die Demokratisierung des digitalen Raums. Das ist natürlich eine zu große Aufgabe für einen österreichischen Kanzler, aber zumindest auf europäischer Ebene müsste man sich da stark machen. Die unregulierten Plattformen der Tech-Giganten sind für die zerstörerischsten Erscheinungen der Gegenwart teils Brandbeschleuniger, teils ursächlich verantwortlich. Die Initiative savesocial.eu hätte hier gute Lösungsansätze, finde ich. Aber wenn ich das alles umgesetzt hätte, wäre ich danach bitte gerne wieder Komiker, OK? 

Ist sogar völlig okay! Vielen Dank für Ihre Zeit – und weiterhin alles Gute!

die Fragen stellte: Stephan Hörhammer


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