Heinrichsbrunn. Auch heute ist das „Wolfausläuten“ in Heinrichsbrunn und so manch anderem Ort im Bayerischen Wald noch gelebte Tradition. Dabei ziehen die Kinder (oder auch Erwachsenen) des Dorfes, angeführt vom „Wolf“, mit umgehängten Kuhglocken durch das Dorf und machen dabei einen Höllenlärm. In Heinrichsbrunn wird in der heutigen Zeit das Wolfausläuten von den Dorfkindern als lebendiger Brauch gepflegt. Der „Wolf“, den eines der älteren Kinder mimt, führt die Läuter an. Sie ziehen unter lautem Lärm mit ihren Glocken von Haus zu Haus und erbitten für ihre Mühen, Heinrichsbrunn vor dem Wolf zu bewahren, eine kleine Gabe.

In früheren Zeiten war der Dienst des Hirten in Heinrichsbrunn und Finsterau eine schwierige Aufgabe. Das Vieh wurde in die höher gelegenen Waldwiesen – Schlag oder Stand genannt – getrieben. Damals lebten noch Bären und Wölfe in der Gegend. Hat der Hirter ein Raubtier ausgemacht, machte er mit seiner Glocke Lärm, um es von der Herde fernzuhalten.
Nach dem Sommer kehrte das ganze Vieh gesund ins Dorf zurück und wurde von den Hirten in die Ställe der Bauern gebracht. Da die Nahrung im Winter knapp war, scheute sich der Bär und Wolf nicht, bis zu den Häusern vorzudringen, um sich leichte Beute zu holen. So manches „Stierl“ oder „Kaiwe“ fiel dem Isegrim zum Opfer.
Mit da ganzn Schoa,
hama kemma Gsund durchs Joahr.
G’foahr hama kod.
En Raub hama gmocht an Hohn,
heit hama do um unsan Lohn.
Der Martini-Tag am 11. November galt von alters her als Zahltag. Er beendete das bäuerliche Jahr und damit auch das Weidejahr. Zu Martini rüsteten sich die Hirter-Buam mit Kuhglocken, die sie sich um den Hals hängten, und zogen durch das Dorf, um den Hirterlohn einzufordern. Durch das Glockengeläut sollten Bär und Wolf vom Dorf fernbleiben.
Bereits der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert von kultischen Umzügen germanischer Stämme zur Abwehr von Unheil. Das Wolfausläuten lässt sich möglicherweise in diese vorchristliche Zeit zurückführen, wurde später aber in den christlichen Jahresablauf integriert.
Ein lebendiger Brauch bis heute
In Gott’s Nam tritt ma ein, Gott behüt Rind und Schwein,
Gott behüt Hof und Haus, moch ma en Woif sein Graus.
Da Woif is am Jaga-Stoa na om, mit da Glockn doama erm vojogn.
vorbei is s’Hirtn, s’Viech geht en Stoi, heid treim ma en Woif des letzte Moi.
Iazt geh ma weida mit vej Gleit, da Winter kimmt, es is scha Zeit.
Das „Wolfausläuten“ lebt in Heinrichsbrunn und Finsterau weiter. Kinder ziehen mit Kuhglocken von Haus zu Haus, um auf das Ende des Sommers und den kommenden Winter hinzuweisen und den Wolf, die Gefahr, fernzuhalten. Der „Wolf“ ist verkleidet mit einer Larve/Fratze, trägt eine Gerte und führt die Läuter an.
Sprücherl beim Wolfausläuten:
Haupt-Woif: Buam, hats oile do?
Läuter-Buam: Jo!
Haupt-Woif: Geht na oana o?
Läuter-Buam: Na!
Haupt-Woif: Dann rieglt’s enk!
Die Dorfbewohner warten schon auf die „Wolfausläuter“, um sie zu belohnen – so, wie früher die Hirten ihren Lohn erhielten. Nach dem Umzug stärken sich die Wolfausläuter traditionell mit einem reichlichen Abendessen, bestehend aus Schweinernem, Kraut und Reiberknödel.

Und auch der Aberglaube spielt dabei eine Rolle:
- wenn der Haupt-Wolfer ein Haus betritt, zeichnet er drei Kreuze auf den Boden – zum Schutz vor dem Teufel und allem Unheil.
- die Türschwelle und Stall werden mit Weihwasser besprengt, um das Böse fernzuhalten.
- wer nach Sonnenuntergang einem „Wolfer “ begegnet, darf sich nicht umdrehen, sonst bringt der „Woif “ einen Fluch mit sich.
- ein Häufchen Salz wird auf die Fensterbank gestreut, um vor Gefahren sicher zu sein.
Das Wolfausläuten ist ein lebendiger Brauch und eine eindrucksvolle Erinnerung daran, wie eng das Leben im Bayerischen Wald mit der Natur, dem Glauben und dem Überleben verbunden ist. Im kleinen Waiderldorf Heinrichsbrunn wird der Brauch und die Identität der Volkskultur gerne gepflegt.
In Gottes Nam, kimmt da Hirt,
hab gläut so guad i kann, koa Vieh is verirrt.
Vorbei is s’Hirtn, s’Viech geht en Stoi,
heid treim ma en Woif des letzte Moi.
Iazt geh ma weida mit vej Gleit,
da Winter kimmt, es is scha Zeit.
Vom Brauch zur Inszenierung
Heutzutage ist das Wolfausläuten in vielen Orten zu einer Art Show mutiert, eine Vorspiegelung falscher historischer Bräuche. Die riesigen Glocken sind eine neuzeitliche Übertreibung. Perchten haben mit dem Bayerischen Wald so gut wie gar nichts zu tun, denn Perchten stammen ursprünglich aus dem Alpenraum. Perchten im eigentlichen Sinne sind demnach kein Teil der überlieferten Volkskultur des Bayerischen Waldes. Kurz gesagt handelt es sich um eine Inszenierung.
Der Martini-Ritt am 11. November ist ein jüngerer Brauch, der erst im 16. Jahrhundert erwähnt wurde – und nicht direkt mit dem Wolfausläuten verbunden ist.
Volker Prager








