Die wilde Zeit des Motorradfahrens ist vorbei. Das einstige Rowdy-Image einfach verflogen. Die Szene ist nunmehr eine kunterbunte Rasselbande, bestehend aus einem Mix aus Rolex-tragender Möchtegern-Kiffer und Fair-Trade-Kaffee-schlüfernden Jammerlappen.

Wo früher ölverschmierte Jeans und aufgeschürfte Unterarme zum guten Ton gehörten, wird heute Wert auf atmungsaktive Funktionsunterwäsche und nachhaltige Lederpflege gelegt. Der Fahrtwind riecht nicht mehr nach sprötzelndem Benzin, sondern nach handgebrühtem Espresso aus einer Siebträgermaschine, deren Preis man besser nicht laut ausspricht…
Selbst das Knattern der Motoren wirkt höflicher – fast so, als würden die Maschinen sich entschuldigen, die Ruhe der Anwohner zu stören. Und die freuen sich natürlich: Wer will schon lautes Geboller im piekfeinen Neubaugebiet hören? Die Jünger der überzivilisierten Szene machen es jedenfalls richtig – leise und legal. Bitteschön!
Knallbunte E-Scooter mit sterilem Piep-Ton
Statt nächtlicher Raserei auf leergefegten Landstraßen heißt es heute: „Geführte Tour durch die Toskana, inklusive Weinverkostung und Instagram-tauglichen Fotostopps.“ Freiheit gibt’s jetzt im Premium-Paket mit WLAN im Hotel und veganem Frühstücksbuffet, das ganz sicher gluten- und laktosefrei ist und vor allem nachweislich vom Low-Impact-Cooking-Küchenpersonal zubereitet wurde.
Und während die alten Haudegen im Geiste noch mit offenen Jet-Helmen durch den Regen donnern, polieren ihre Erben lieber die Speichen – mit klimaneutralem Fairtrade-Bambustuch, versteht sich. Die wilden Zeiten sind also vorbei – wer heute rebellisch sein will, greift auf knallbunte E-Scooter zurück, die einen mit sterilem Piepen sanft auf den Asphalt entlassen…
Glosse: Karl Kuschinger








