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Niederbayern. Ein Dorf 30 Kilometer von Passau entfernt, umgeben von Wald und Wiesen. Es ist idyllisch: Nur vereinzelt fahren Autos vorbei, ansonsten bleibt es ruhig. Karin hat uns zu sich eingeladen. Wir sitzen bei ihr auf der Terrasse, sie bietet uns Kaffee an – und sogleich das „Du“. Wir sind mit der Frage gekommen, was in der Region politisch falsch läuft – und Karin hat viel zu sagen. Also hören wir zu.

Karin ist informiert und nah am Leben. Sie weiß, wovon sie spricht. Ihr Sohn hat Pflegegrad vier – seit Jahren kämpft sie für vieles, das eigentlich selbstverständlich sein müsste. Symbolfoto: pixabay/ Engin_Akyurt

März 2025: Die Alternative für Deutschland wird mit knapp 26 Prozent zweitstärkste Partei im Wahlkreis Passau. Wir machen uns auf den Weg, um mit Menschen zu sprechen und zu verstehen, warum die AfD in Niederbayern so stark ist.

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Karin ist 44 Jahre alt, alleinerziehende Mutter zweier Söhne und aufgrund chronischer Schmerzen in Frührente. Eine große schwarze Sonnenbrille verdeckt die Hälfte ihres Gesichts. Im Laufe des Gesprächs zündet sie sich immer wieder eine Zigarette an. Sie redet schnell, aber bestimmt. Wir sprechen über fehlende Infrastruktur auf dem Land, das kaputtgesparte Gesundheitssystem und die deutsche Bürokratie. Karin ist informiert und nah am Leben. Sie weiß, wovon sie spricht. Ihr Sohn hat Pflegegrad vier – seit Jahren kämpft sie für vieles, das eigentlich selbstverständlich sein müsste. Sie erzählt von Spendenanfragen für Hilfsbedürftige an den Landkreis. Die Bescheide kamen zurück – abgelehnt. Sie ist wütend:

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„Dann hoaßt’s im Mai: ‚Keine Gelder mehr vorhanden‘! Nach fünf Monaten im Jahr is‘ für die Schwächsten in unsrer G’sellschaft koa Geld mehr da. Des kann ned sei. Darf ned sei!“

„Das kann ich ned verzeih’n“

Für die vielen Arztbesuche muss Karin weit fahren. Ohne Auto sei man hier aufgeschmissen, sagt sie. Über Themen „aus der Stadt“ wie Glasfaser-Ausbau oder sanierte Straßen kann Karin nur lachen: „Hier ist ja nichts. Und je weiter man rausfährt, desto schlimmer wird’s. Und dann kommen die Leut‘ und sag’n, man soll auf Elektroautos umsteigen. Ganz ehrlich: null realistisch. Null!“ Für sie gibt es hier draußen andere, dringendere Baustellen.

Was für Karin Alltag ist, beschreibt Politikwissenschaftler Dr. Michael Weigl von der Universität Passau als weit verbreitete Stimmung: „Die Jahre, in denen Niederbayern am Rande des Eisernen Vorhangs lag und als das „Armenhaus“ Bayerns galt, haben Spuren hinterlassen. Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld in die Region geflossen ist und Niederbayern heute als Aufsteigerregion gilt: Das Gefühl, weit weg von München zu sein und von der Politik nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, ist häufig noch greifbar.“

„Hier ist ja nichts. Und je weiter man rausfährt, desto schlimmer wird’s.“ Symbolfoto: planet fox

Bei Karin spürt man das Gefühl, allein gelassen zu werden, besonders im Rückblick auf die Pandemie. „Ich fühle mich von der Regierung komplett verarscht. Vor allem seit Corona“, erzählt sie. „Einigkeit und Recht und Freiheit – was ist davon geblieben?“ Die damaligen Einschränkungen trafen Karins Freiheitsgefühl. „Mein Sohn hat an Herzfehler, is‘ maskenbefreit – aus guad’m Grund. Und trotzdem is‘ er heimgekommen mit Maske auf.“ Auch die Impfbestimmungen sind in ihren Augen nicht tragbar gewesen.

Während Covid erlebte Karin familiäre Schicksalsschläge und schmerzhafte Verluste. Sie erzählt, wie sie die Pandemie erlebt hat. Ihre Schwägerin erkrankte in den Anfangszeiten an einem Darmverschluss. In der Corona-Hochphase kämpfte Karin monatelang um einen Platz in einem spezialisierten Krankenhaus. Schließlich kam die Verlegung, aber zu spät. Der gesundheitliche Zustand ihrer Schwägerin war da schon zu kritisch. Es fällt ihr schwer, über diese Zeit zu sprechen: „Mia ham lang ned zu ihr gedurft. Auf der Intensiv hat sie oft angerufen – um 10 Uhr nachts, um 2 Uhr früh – und hat darum gebettelt, endlich sterben zu dürfen.“ Karins Stimme bricht, sie nimmt einen Schluck Wasser, macht eine kurze Pause, räuspert sich: „Am Schluss konnten wir ihr nur noch beim Sterb’n zuschau’n.“

Danach kam der Zorn auf die Politik. Keine Aufarbeitung, keine Entschädigung. „Das kann ich ned verzeih’n“, meint Karin. Ihre Erzählungen über diese Zeit gehen unter die Haut.

„Wir leben in einer Zeit der Multikrisen“

Nach der Pandemie blieb etwas zurück – Misstrauen, Müdigkeit, Wut. Als das Gespräch auf Migration kommt, spricht Karin schneller, entschiedener. Sie berichtet von eigenen und gehörten Erlebnissen: „Damals mit den Flüchtlingsströmen: Bei der Schwammerl-Suche im Wald hast du alles gefunden. Ausweise, Dokumente, Ausländer – nur keine Schwammerl. Die Deutschen ham sich einfach überrennen lassen.“

Für Karin ist das „Kontingent“ in Deutschland erreicht. Für die Menschen, die kommen, ist ihrer Meinung nach weder Geld noch Platz da: „Man muss aufhören, alle reinzulassen – aufhören, der ganzen Welt zu helfen. Denn aktuell sind wir diejenigen, die Hilfe brauchen!”

Mit knapp 26 Prozent der Zweitstimmen schnitt die AfD im Wahlkreis Passau als zweitstärkste Partei ab. Screenshot: da Hogn/ bundeswahlleiterin.de

Wahlforscher Dominik Hirndorf vom Konrad-Adenauer-Institut in Berlin erforscht seit Jahren politische Entwicklungen. Wir wollen verstehen, woher dieses Gefühl von Ungerechtigkeit kommt. „Wir leben in einer Zeit der Multikrisen: Wirtschaft, Inflation, Energie, Klima“, erklärt er. „Gerade nach der großen Unzufriedenheit der letzten Jahre sind die Bürgerinnen und Bürger output-orientiert. Sie wollen politische Lösungen – jetzt. Weil das in der Realität nicht so schnell geht, entsteht leicht Unmut. Und genau daraus schlagen bestimmte Parteien Kapital.“

Umfragen zeigen, dass sich viele Menschen von etablierten Parteien abwenden. Parteienforscher Weigl sieht darin keine Momentaufnahme, sondern vielmehr einen Ausdruck grundlegender Enttäuschung. Politik soll alles lösen – doch das kann sie gar nicht leisten. Das erzeugt Frustration und Distanz.

„Zentraler Punkt ist schlicht der gesellschaftliche Wandel“, erklärt der Politikwissenschaftler weiter. „Früher haben die Parteien zu klar verankerten Milieus gepasst. Heute aber ist die Gesellschaft stark fragmentiert, sind Parteibindungen schwach. Das zwingt die Parteien in einen permanenten Wettbewerb. Sie müssen ständig mobilisieren, können sich nicht auf klare Milieus stützen. Dadurch öffnen sich Räume für neue Akteure, die einzelne Themen oder Nischen besetzen. Auf diesem Boden gedeihen Parteien wie die AfD.“ Weigl sieht einen massiven Vertrauensverlust in die Kompetenz der Politik.

Der Wunsch nach Klarheit

Was die Forschung theoretisch beschreibt, wünscht sich auch Karin: konkrete Lösungen – und vor allem parteiübergreifende Zusammenarbeit. Zur Brandmauer hat sie eine klare Meinung:

„Wir haben gewählt und sind immer noch in einer Demokratie! Man muaß die Spreu vom Weizen trennen. A Mensch is ned schlecht, nur weil er bei der AfD ist und sagt: Grenzen zu. Und genauso is a Linker ned schlecht, wenn er sagt: Wer um Hilfe bittet, soll Hilfe bekommen. Der Unterschied ist nur: zu wissen, wer wirklich Hilfe braucht!“

Für Karin steht keine Partei für den perfekten Lösungsweg. Dennoch sieht sie einzelne Akteure als Vorreiterinnen und Vorreiter. Alice Weidel ist für sie eine davon. Karin hebt ihre Sonnenbrille vom Gesicht, setzt sie sich auf den Kopf und sagt: „Die Ruhe und die Klarheit, die sie ausstrahlt, ihre klare Linie – das weckt Vertrauen. Wenn sich einfach mal alle zamsitzen, wie erwachsene Menschen. Das würd ich mir wünschen. Lösungen statt Schuldzuweisungen.“ Ob Alice Weidel das könnte? Wer sich ihre Reden im Bundestag anhört, findet dort regelmäßig Schuldzuweisungen an die Regierung oder „die Grünen“…

Dominik Hirndorf nennt das „affektive Polarisierung“: Menschen lehnen nicht mehr nur Positionen ab, sondern ganze Gruppen. „Nur weil jemand die Grünen oder die AfD wählt, gilt er plötzlich als Feind“, sagt er. Ein gegenseitiges Ausgrenzen. Die einen fühlen sich moralisch überlegen, die anderen verachtet. AfD-Politikerinnen und -Politiker greifen dieses Gefühl auf, verstärken es und bieten das Versprechen, zuzuhören. Wer sich dort verstanden fühlt, hört vor allem eines: Wir gegen die anderen. Eine Partei wie die AfD lebt von diesem Konflikt, nicht von Lösungen.

Der digitale Raum

Blick auf die Karte der Internet-Präsenz „messerinzidenz.de“. Screenshot: da Hogn/ messerinzidenz.de

Karin betont, dass sie ihre Meinungen und Ansichten auf persönliche Erfahrungen und Gespräche stützt. Seit der Pandemie hat sie sich jedoch zunehmend zurückgezogen. Meinungsbildung findet viel über Social Media statt. „Ich hab lang g’sagt: ‚Ich hass Menschen. Ich mag nirgends mehr hingeh’n‘ – des ist bis heute so geblieben.“ Kontakt hält sie überwiegend über die sozialen Netzwerke. „Vor allem über Facebook. Ich bin in etlichen Gruppen. Man connected sich, tauscht Infos, knüpft Freundschaften“, erzählt Karin. Doch auch dort hat sich die Stimmung verändert: Der Ton sei härter geworden, die Diskussionen aggressiver, Fakten spielten kaum noch eine Rolle.

Wir wollen von ihr wissen, woher sie ihre Informationen nimmt. „Ich frag‘ zum Beispiel bei meinen Freunden aus der Politik oder ausm Ausland. Ich hol mir auch viele Infos von YouTube. Wenn Leute sagen, dass man sich so Rechtsextremes ned anschauen kann, schau ich erst recht. Da werden Fakten eingeblendet. Ich zieh mir des raus, auch von den offiziellen Seiten”, erzählt Karin. „Im Internet kann man alles finden. Zum Beispiel die Messerkarte für Deutschland: Alle Messerangriffe werden da täglich notiert. Und wenn wir inzwischen bei 70 Fällen am Tag san – des hamma vor 2015 ned g’habt. Die Karte gibt’s, die Übergriffe auch.”

Karin bezieht sich dabei auf die Seite „Messerinzidenz“, bei der es sich nicht um ein offizielles Register handelt. Hier werden mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz deutschlandweit Pressemitteilungen der Polizei nach Schlagworten wie „Messerattacke“ oder „Stichverletzung“ durchsucht. Kartiert werden alle gefundenen Vorfälle, auch diejenigen, bei denen niemand verletzt wurde. Rückschlüsse auf Motive, Vorgeschichte oder Herkunft der Täterinnen und Täter lassen sich hier nicht ziehen – die Einordnung von Messergewalt ist komplex. Der Effekt auf viele Menschen ist dennoch eindeutig: Es entsteht ein Gefühl der Unsicherheit.

Den Fernseher hat Karin seit Monaten nicht eingeschaltet. Nachrichten schaut sie seit Corona nicht mehr. Sie meint: „Des war’n zwei verschiedene Welten. Warum soll ich eine Scheinwelt anschaun‘, wenn ich draußen die Realität seh?“ Für Karin ist die heutige Berichterstattung nicht Teil ihrer Wahrheit, Nachrichten sind „systemgetreu“.

Konkrete Probleme sichtbar lösen

Wie erreicht man Menschen, die sich so sehr von Politik und Medien abgewandt haben? Studien von Dominik Hirndorf ergeben, dass es schwierig ist, bestimmte Wählergruppen anzusprechen. Diese Gruppen konsumieren überwiegend eigene Medienkanäle und bringen Institutionen kaum Vertrauen entgegen. Genau das macht es für herkömmliche politische Kommunikation so schwierig, Zugang zu finden.

Ob es um den Ausbau von Infrastruktur oder bezahlbaren Wohnraum geht: Dort, wo Politik praktisch wirksam wird, entsteht die Chance, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzuerobern. Symbolfoto: pixabay

Gleichzeitig geht es vielen dieser Menschen um etwas Grundsätzliches: wahrgenommen werden. Sie wollen nicht länger das Gefühl haben, übersehen oder übergangen zu werden. Vertrauen zurückzugewinnen bedeutet deshalb vor allem, konkrete Probleme sichtbar zu lösen – pragmatisch und ohne große Symbolpolitik, so Hirndorf. Ob es um den Ausbau von Infrastruktur, den Nahverkehr, die Ansiedlung neuer Unternehmen oder bezahlbaren Wohnraum geht: Dort, wo Politik praktisch wirksam wird, entsteht die Chance, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzuerobern.

Statt immer wieder zu betonen, wie „anders“ bestimmte Wählerschichten seien, plädiert Hirndorf für einen Blick auf die Zwischentöne. In Befragungen zeigt sich etwa: Viele Menschen sind durchaus bereit, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu gehen. Manche äußern gleichzeitig Angst vor Zuwanderung und Angst vor Fremdenfeindlichkeit.

Solche Widersprüche wirken auf den ersten Blick paradox, spiegeln aber die Realität einer komplexen Gefühlslage wider. Weltbilder sind selten schwarz-weiß – sie bestehen aus Grautönen, Brüchen und Unsicherheiten. Genau das, so Hirndorf, sollte stärker in den öffentlichen Debatten sichtbar werden. Zugleich gilt es, eine Grenze zu ziehen: Wo offene Menschenfeindlichkeit oder Rassismus geäußert wird, endet das Zuhören. Verständigung heißt nicht, dafür eine Bühne zu bieten.

Was bleibt, sind Widersprüche

Zurück bei Karin. Was würde sie den Menschen hier in Niederbayern raten? „Zusammenhalten“, sagt sie. „Wieder miteinander reden, an Nenner finden. Des is wichtig: miteinander nicht gegeneinander. Und das gilt für die Menschen auf der ganzen Welt!“ Die Sonne steht tief über dem Garten. Wildblumen wiegen leicht im Wind – und Karin drückt ihre Zigarette aus.

Zum Ende zeigt sich: Karins Haltung ist geprägt von Erfahrungen und einer individuellen Wirklichkeit. Hinter politischen Schlagworten stehen menschliche Bedürfnisse: Sicherheit, Gerechtigkeit, Anerkennung. Über vieles lässt sich streiten, manches zurecht kritisieren. Was bleibt, sind Widersprüche: Anteilnahme und Unverständnis; Zustimmung und Ablehnung. Von einer unüberbrückbaren Distanz merken wir jedoch nichts.

Es könnte an etwas Einfachem liegen: Zuhören. Aktives Zuhören – mit dem Versuch, Gesagtes vollständig zu verstehen. Vielleicht gelingt es der Politik so, keinen rechten Narrativen zu folgen, sondern wahre Probleme zu lösen. Und vielleicht gelingt es der Gesellschaft, populistische Aussagen als solche zu erkennen – und zusammenzuhalten. Denn wer etwa zu Pandemiezeiten der AfD und ihren Lösungen zuhörte, hörte erstaunlich wenig. Am Ende bleibt der Eindruck, dass Zuhören manchmal mehr bewegt als jede vermutete Antwort…

Hannah Ewert und Katharina Kiese

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PAblish“ lautet der Name der Projektplattform des Studienganges Journalistik und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Während ihres Studiums können sich dabei Studierende aller Semester in verschiedenen Praxiskursen auf unterschiedlichen medialen Plattformen in den Tätigkeitsfeldern Journalismus und Public Relations ausprobieren. In Zusammenarbeit mit dem Onlinemagazin da Hog’n werden in diesem Rahmen ausgewählte Projekte der verschiedenen Kurse präsentiert.


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