Viechtach. Wenn man „Tante Ernas Musik- und Kulturladen“ in Viechtach betritt, fühlt man sich wie in einer Wunderkammer. Schallplatten aus allen Jahrzehnten und Genres liebevoll sortiert, Musikinstrumente, DJ-Equipment, charmante Möbel quer durch alle Epochen und Stilrichtungen.

Dazu: Musikkassetten, Skurriles wie eine Teufelsgeige, die Wände voller Kunst, duftender Kaffee aus der quietsche-gelben Kaffeemaschine, eine Babyschaukel und im Hintergrund das leise Rauschen der Plattenwaschmaschine. Mittendrin: Fabian Weinzierl (35) und Louis Dreihäupl (30), die stolz auf einen Laden sind, den es in dieser Art weit und breit kein zweites Mal geben dürfte.
Beide sind sie Sozialpädagogen, Musiker, von Kind an Plattenfans, junge Väter – und haben eine ganz ähnliche Einstellung zum Leben. Fabian war es, der 2023 die Idee zum Plattenladen in Viechtach hatte. Louis dafür zu begeistern war nicht schwer. Doch war ihnen klar: „Rein mit dem Verkauf von Schallplatten reißt man hier nichts – wir müssen uns breiter aufstellen.“
„Du musst hier gar nichts, Hauptsache, du bist du“
Der anfängliche Gedanke, den Laden mit einer Gastronomie und einem vermietbaren Raum zu kombinieren, wurde schnell verworfen. Die Mieten waren für so ein Abenteuer schlichtweg zu hoch. So baten sie die Stadt Viechtach um Unterstützung – und rannten offene Türen ein: Dort gab es ganz frisch das Programm „ZukunftVIT“, mit dem man unter anderem Leerstände in der Stadt wiederbeleben will. So wurde den beiden Gründern der jetzige Laden, der früher mal eine Fahrschule war, günstig zur Zwischennutzung überlassen; und zwar so lange, bis das Haus irgendwann abgerissen werden wird. Am 11. Oktober 2024 wurde „Tante Ernas“ Eröffnung gefeiert, vor wenigen Tagen ihr erster Geburtstag. „Wir sind überaus dankbar für das vergangene Jahr. Es hat sich so viel getan, der Laden wächst und gedeiht und wir haben viele wunderbare Menschen kennengelernt“, beschreiben die Inhaber ihre Gefühlslage und ergänzen dankbar: „Ohne diejenigen, die die Kultur und all das Schöne wertschätzen, wäre das alles nicht möglich gewesen.“
Fabian und Louis sind leidenschaftliche Plattensammler und -kenner. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Musik, sondern auch um die Kulturgeschichte dieser kultigen Tonträger, die längst wieder eine wichtige Rolle im Musikgeschäft spielen. Platten mit ihren Covern erzählen immer auch vom Zeitgeist ihrer Epoche. Darüber fachsimpeln die beiden in ihrem sehr gut sortierten Laden, der einen besonderen Schwerpunkt auf Gitarrenmusik legt, mit anderen Sammlern und Musikfans. Doch gerade weil Platten wieder hipp sind, kommen auch ganz junge Leute zu „Tante Erna“ – die Generationen durchmischen sich; Fabian und Louis begeistert das.
Fast alles, was im Laden zu sehen ist – von den Möbeln über die Kunst an der Wand, die Musikinstrumente und Hifi-Anlagen bis hin zu den Kaffeetassen, die Louis‘ Frau in ihrer Töpferei „Keramiri“ hergestellt hat – kann man auch kaufen. Ein sozialer Grundgedanke ist den beiden wichtig. Die Kunden sollen nicht nur konsumieren, sondern sich als Teil des Ladens fühlen. „Erna ist für alle da“, sagt Fabian lächelnd. Im Namen verschmelzen der „Tante Emma“-Laden und eine „Erna“, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielte. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man einfach sein kann. Wir haben keine bestimmte Zielgruppe. Du musst hier gar nichts, Hauptsache, du bist du – und es geht dir gut. Und wenn es dir nicht gutgeht, griang ma des scho wieda!“
Keine Konkurrenz zu anderen Konzert-Locations
Zum umfassenden Wohlfühlprogramm gehören nicht nur Freigetränke, sondern auch ein kleines, feines Kulturangebot. In unregelmäßigen Abständen werden die Plattenregale zur Seite gerollt und es spielen befreundete Musiker. So wird etwa im Dezember zum zweiten Mal Maxi Pongratz zu Gast sein. Fabian und Louis sehen sich aber nicht als Konzertveranstalter und wollen keinesfalls mit den vielen anderen tollen Konzertlocations der Region in Konkurrenz treten. Deshalb finden ihre Gigs immer am Samstag um 18 Uhr bei freiem Eintritt statt. Auch für Lesungen – beispielsweise mit dem Viechtacher Verlag „Lichtung“ – hat sich der Raum schon bewährt.
Dass ihr Traumladen gerade in Viechtach verankert sein soll, war für Fabian und Louis von Anfang an klar. „Viechtach ist immer offen für Kultur und kreative Sachen. Es gibt hier bereits die Musik im Alten Spital sowie viele alternative Konzepte. Außerdem sind wir mit super Nachbarn gesegnet – und eben einer sehr wohlwollenden Stadt, die hinter uns steht und uns supportet.“
Beide hätten „großen Bock“, noch einige Zeit in dem charmanten Eckhaus in der Schießlstraße 6 bleiben zu können. Fabians Kinder, aktuell fünf und sieben Jahre, sind gerne im Laden mit dabei. Louis‘ Baby schaukelt in der Stoffschaukel, aufgehängt inmitten des Zimmers. Die Frauen der beiden stehen hinter „Tante Erna“ – und die Kunden kommen von immer weiter her. Demnächst soll es eine Webseite mit Online-Angeboten geben – und vielleicht können sie ja irgendwann noch einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit ins Boot holen.
„Was müssen wir verändern?“
Haben sie Angst davor, dass das Haus mit ihrem Laden irgendwann abgerissen wird? Im Gegenteil! Fabian sieht diese unausweichliche Veränderung sogar als besondere Chance: „Ich finde das Wissen, dass das hier irgendwann vorbei ist, auch ganz angenehm. Es bringt uns zu den wichtigen Fragen: Machen wir weiter? Und: Was müssen wir verändern?“
So schön die Offenheit und Flexibilität der beiden ist, bleibt doch zu hoffen, dass „Tante Erna“ trotz des wohl unvermeidlichen Umzugs noch ganz, ganz viele Jahre für alle da ist…
Regina Kremsreiter
Mehr über Tante Erna gibt’s hier:








