Niederbayern. „Drama in Stuttgart: Die erst 11 Jahre alte Emma Fuchs wurde verschleppt“ – eine Überschrift, die wohl keinen, der sie liest, einfach kalt lässt. Und die seit Kurzem wieder vermehrt durchs Social-Web geistert. Eine Hog’n-Leserin hat der Redaktion erst jüngst einen entsprechenden Link an den Hog’n-Facebook-Account mit der betreffenden „Verschleppungsnachricht“ gesandt.

Das von der Social-Media-Plattform generierte Vorschaubild zeigt ein bedrohlich wirkendes Szenario auf, bei dem im Hintergrund ein Polizist samt Polizeiauto oder auch mal mehrere Polizeiautos zu sehen sind. Im Vordergrund befindet sich das eingerahmte Foto eines jungen Mädchens, daneben das einem Fahndungsfoto ähnelnde Phantombild eines düster dreinblickenden Mannes mit Kapuzenpulli. Erstere soll die „verschleppte“ Emma Fuchs darstellen, letzterer den Entführer.
Das Kuriose daran: Emma Fuchs ist nicht nur in Stuttgart „verschleppt“ worden, sondern auch in Dresden, in Suhl, im Kreis Unna, in Berlin, in Norderney, in Amberg und vielen weiteren deutschen Städten bzw. Gemeinden. Emma Fuchs schaut jedoch bei jeder Meldung anders aus, genauso der (vermeintliche) Entführer. Der Artikel, der auf so seltsam anmutenden (angeblichen) Nachrichtenportalen bzw. Domains wie „veronaservices.com„, „pafichreythum.com“ oder „bioaquabeautycare.com“ veröffentlicht wurde, soll den Anschein von Authentizität und Seriosität erwecken. Dabei geht’s hier nur um eins: Fake News, also eine gezielte und über die Sozialen Medien verbreitete Falschmeldung, hinter der eine perfide Masche steckt.
Masche geistert seit 2024 durchs Netz
Der österreichische Verein „mimikama„, der 2011 zur Aufklärung über Internetbetrug, Fake News und Desinformation gegründet worden ist, berichtete jüngst unter dem Titel: „Fake-Kindesentführungen auf Facebook – wie aus gestohlenen Konten neue Betrugswellen entstehen“ ausführlich über diesen sog. Hoax (= Falschmeldung, die im Internet verbreitet wird, um zu täuschen, zu verunsichern oder zu schockieren).

Das betrügerische Internet-Spielchen besteht dabei darin, dass (vermeintlich) verzweifelte Familien bzw. Bekannte oder Freunde in ihren Facebook-Statusbeiträgen darauf hinweisen, dass ihr/ein Kind namens „Emma Fuchs“ (oder auch „Mia Weber“ oder „Clara Schulz“ etc.) beim Spielen im Garten entführt worden sei. Die Überwachungskamera habe den Täter gefilmt, doch dieser sei nicht zu identifizieren. Man solle doch – nachdem man die angeblich im Artikel hinterlegten Aufnahmen der Überwachungskamera betrachtet hat – dringend benötigte Hinweise geben, um Emma schnellstmöglich zu finden. Häufig mit dem Verweis „Bitte teilen!!!„, sodass sich die Nachricht auch ja möglichst in Windeseile verbreitet…
Wer auf den Post klickt, gelangt auf die zuvor bereits genannten dubiosen Seiten, auf denen die unbedarften Nutzerinnen und Nutzer dazu aufgefordert werden, sich mit ihrem Facebook-Account einzuloggen, um mehr Informationen oder ein Video zum gefakten Entführungsfall zu erhalten. „Genau da schnappt die Falle zu, denn man landet auf einer Fake-Facebook-Login-Seite“, berichtet „mimikama“ und ergänzt: „Schon 2024 lief die Masche in Deutschland mit einem anderen Namen durchs Netz: „Paula Schäfer“. Die Täter haben die Vorlage nie verändert, nur den Namen und das Foto ausgetauscht.“
Polizei: „Derartige Nachrichten nicht ungefiltert weiterleiten!“
Die Heimtücke bei der Sache: Derjenige, der seine Facebook-Login-Daten auf jenen Fake-Seiten eintippt, verliert die Macht über sein Facebook-Konto. „Die Täter übernehmen sofort den Zugang, ändern Passwörter und fügen oft eigene Administratoren hinzu. Besonders wertvoll sind Konten von Gruppen-Admins oder Seitenbetreibern. Mit einem Schlag kontrollieren die Betrüger ganze Communitys, können dort neue Fake-Meldungen posten, Werbung schalten oder weitere Opfer ködern“, warnt „mimikama“ eindringlich.

Dabei geht es stets darum – ähnlich wie bei den sog. Schock-Anrufen – Emotionen zu schüren und den Verstand beim User in den Hintergrund zu drängen, ihn zu lähmen. „Bei den Kindesentführungen setzen die Täter auf Mitleid, Angst und Hilfsbereitschaft“, teilt „mimikama“ weiter mit. Wer „Achtung! Kind vermisst“ liest, neigt nunmal schneller dazu, den betreffenden Beitrag – wie aufgefordert – „sofort“ zu teilen, in der Hoffnung, seinen Beitrag zur Lösung des Falles bzw. zum Wiederauffinden des „verschleppten Kindes“ leisten zu können. Hier wird knallhart mit psychologischen Tricks agiert, um reflexartig-unbedachte Reaktionen hervorzurufen.
„Im Bereich des Polizeipräsidiums Niederbayern werden immer wieder Fälle sog. Falschnachrichten bekannt“, teilt dazu Kriminalhauptkommissar Günther Tomaschko auf Hog’n-Nachfrage mit – und fügt hinzu: „Wir versuchen durch gezielte Pressemeldungen den Falschnachrichten entsprechend entgegenzuwirken. Es kann dabei nicht ausgeschlossen werden, dass durch das Verbreiten – dem „ungefilterten“ Weiterleiten in den Sozialen Netzwerken – über einschlägige Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Ähnliches das Sicherheitsempfinden in der Bevölkerung erheblich darunter leidet und beeinträchtigt wird.“ Die Polizei appelliert deshalb mit Nachdruck, „derartige Nachrichten nicht ungefiltert weiterzuleiten, da auch der Verbreitungsgrad und der Inhalt nicht mehr in der Hand des Absenders liegt.“
„Keine Links anklicken und irgendwelche Daten preisgeben!“
Tomaschko verweist dabei auf einen ähnlich gearteten Fall aus dem Landkreis Deggendorf, der im August 2024 für Aufmerksamkeit sorgte. In der damals in der Folge veröffentlichten polizeilichen Pressemitteilung heißt es:
„Das Polizeipräsidium Niederbayern möchte einen aktuellen Fall zum Anlass nehmen, um darauf hinzuweisen, vor privaten „Fahndungsaufrufen“ im Netz Abstand zu nehmen und diese nicht weiterzuleiten. Wie der Polizei (…) mitgeteilt wurde, soll ein unbekannter Mann in einer Gemeinde im Landkreis Deggendorf versucht haben, ein Kind aus dem Garten seiner Eltern zum Mitkommen zu zwingen. Das Kind habe sich aufgrund seiner Gegenwehr selbst befreien können.
Nach Bekanntwerden des Sachverhalts leitete die Kriminalpolizeiinspektion Deggendorf zusammen mit der Staatsanwaltschaft Deggendorf umfangreiche und intensive Ermittlungen zur Aufklärung des geschilderten Sachhalts ein. Dem Ergebnis der kriminalpolizeilichen Ermittlungen zufolge ergaben sich keine Hinweise, dass der Vorfall, wie geschildert und folglich in unzähligen Fahndungsaufrufen in den sozialen Netzwerken veröffentlicht und geteilt worden ist, tatsächlich so geschehen ist. Für die Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr.“
Einen Tipp, wie man sich beim Erscheinen jener Fake News in der eigenen Timeline/Chronik am besten verhält, hat die Polizei sogleich parat: „Wir raten dazu, sich Informationen auf den öffentlichen Kanälen der Ermittlungsbehörden einzuholen und bei Verdachtsmomenten die Polizei zu verständigen. Die Urheber derartiger Meldungen sind i. d. R. schwer zu identifizieren, da diese häufig in Form von Fake-Namen agieren und anonym sind. Ebenso können KI-generierte Bilder von dargestellten Opfern nicht ausgeschlossen werden.“ Es gilt die Verhaltensweise: „Finger weg! Keine Links anklicken und irgendwelche Daten preisgeben, auch wenn einen die Neugierde noch so drückt!“
Stephan Hörhammer








