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Zwiesel. Das Schmiedehandwerk, insbesondere das des Waffen- und Messerschmieds, ist aus den germanischen Sagen und Geschichten nicht wegzudenken. Wegen ihrer Kunst, aus dem harten Metall scharfe Klingen herzustellen, wurden den Vertretern dieses Berufsstands übernatürliche Kräfte zugeschrieben. Wieland der Schmied, der in verschiedenen Mythen als halbgöttliches Wesen erscheint, dürfte der bekannteste sein. Aber auch in vielen Liedern wurde dieses besondere Handwerk verewigt. In „Der alte Schmied von Lerchenfeld“ des österreichischen Komponisten Fritz Pelikan (1924-1987) heißt es im Refrain: „Einmal war er ein reicher Mann“.

Eine der wenigen Porträtaufnahmen, die Anton Lorenz zeigen. Foto: privat

Nun, ein reicher Mann war Anton Lorenz aus Zwiesel nie. Und übernatürliche Kräfte besaß er auch nicht. Aber ein Meister seines Faches und ein Messerschmied mit Leib und Seele war er schon. Anton Lorenz, 1912 geboren, war ein bescheidener Mann, der es nicht leicht hatte, als er 1946 aus französischer Gefangenschaft heimkam. Vater und Mutter waren während des Kriegs gestorben. Das Haus in der Bergstraße 4 stand leer. Der ältere Bruder Xaver war noch in der Kriegsgefangenschaft, die ältere Schwester am Bodensee verheiratet, die jüngere Schwester bereits mit 19 Jahren an einem durchgebrochenen Blinddarm verstorben.

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Der „Dane“, wie ihn seine Freunde und Bekannten nannten, hatte kein Geld. Nur die Werkstatt seines Vaters, der den Betrieb am Anger im Jahr 1900 gegründet hatte, stand noch da. Schon als Bub hatte Anton ihm gern über die Schulter gesehen, sich das Wichtigste abgeschaut und das Handwerk schlussendlich von ihm erlernt.

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Viele Schrammen und Narben

Im Souterrain des Hauses lag die Werkstatt des als „Dane“ bekannten Messerschmieds. Foto: Privat

Die Werkstatt war so tief in den Keller unter dem Haus gebaut, dass die kleinen, ebenerdigen Fenster, mit dem schon fast blind gewordenen Glas nur die Sicht auf den Straßenbelag und auf die Füße der vorübergehenden Leute freigaben. Zwei alte Steinstufen stieg man hinunter, bevor man zunächst in einen kleinen Gang kam und dann linkerhand die Werkstatt betrat. An der Wand unter den Fenstern war eine schmale Werkbank eingebaut.

Auf der Arbeitsplatte, übersät mit unzähligen Öltropfen, Ruß aus der Esse und vielen Schrammen und Narben, lagen Hämmer, Zangen und allerlei Utensilien. Aber auch Messer, Scheren oder Verschleißteile von Maschinen für die Wurstherstellung, die er für die ansässigen Metzgereien wieder „messerscharf“ schliff. Besser als jede Maschine es vermocht hätte.

Am Ende der Werkstatt befand sich die Esse, die nur noch selten gebraucht wurde. Und in der Mitte stand ein großer, von einer Buche abgeschnittener Holzklotz, auf dem der mächtige Amboss ruhte. Der alte Lederschurz und die blaue Kappe, die Anton Lorenz wie ein Zunftgewand stets bei der Arbeit trug, schienen aus der gleichen Zeit zu stammen wie die Einrichtung. Eine Vorrichtung aber, ohne die Anton Lorenz nicht auskam und die seine Existenz sicherte, war der überdimensionale Schleifbock: „Zweiundvierzig Jahre hat er mich nicht im Stich gelassen“, merkte er dankbar an.

Scheren für die Glasmacher

Dabei war dieses Werkzeug wahrlich keine technische Errungenschaft. Zusammengezimmert aus massivem Fichtenholz, einem Elektromotor als Antrieb, ein paar Lederriemen als Kraftübertragung und – an der Stirnseite – einem freizugänglichen Schleifstein, über dem ein alter Eimer mit Auslauf das Wasser zum Schleifen lieferte. Keine Anschläge als Hilfsmittel oder sonstige verstellbare Messschieber. Gepaart mit der jahrzehntelangen Erfahrung und dem Gespür des Fachmanns, konnte Anton Lorenz mit ihm dennoch Qualitätsprodukte herstellen, die konkurrenzlos waren.

Eine Besonderheit waren die Scheren, die Glasmacher aus den umliegenden Glashütten für ihr Handwerk brauchten. Sie schworen auf die Scheren vom Dane, der für sie Spezialwerkzeuge wie Batzlscheren, Rundscheren und Auftreibscheren fertigte. Die Aufträge kamen auch aus der Oberpfalz, dem Rheinland und ab und zu sogar aus dem Ausland, wo man die besonderen Fertigkeiten des Messerschmieds aus dem Bayerischen Wald ebenfalls zu schätzen wusste.

Ein Glasmacher soll einmal auf die Frage, ob er seiner Frau oder einer von Anton Lorenz gefertigten Schere den Vorzug gäbe, geantwortet haben: „I nimm de Schar, a gscheids Weib griag i owei wieder!“ Nun, als Werbeslogan wäre dem Dane diese Aussage sicherlich nicht recht gewesen.

Ein Menschenfreund

Im Jahr 1996: Anton Lorenz neben seiner Ehefrau Maria. Foto: privat

Doch wie so oft im Leben, wenn Handwerk und Fortschritt konkurrieren, hatte das Handwerk das Nachsehen. In einem alten Zeitungsbericht konnte ich lesen, dass Lorenz wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage den Amboss verkauft hatte. Was muss in einem alten Handwerker vorgehen, wenn er das Werkzeug hergibt, das wie kein anderes für seinen Beruf steht. Aber er lieferte dem Journalisten gleich eine Erklärung: „Heut kriegt man im Supermarkt ja schon ein Packerl mit drei Scheren um zehn Mark. Da wär‘ ja das Schleifen schon teurer.“ Und auch der Rückgang der Glasindustrie trug dazu bei, dass dieses außergewöhnliche Handwerk immer weniger gebraucht wurde.

Eingangs habe ich Anton Lorenz als bescheiden bezeichnet, doch das trifft es nicht ganz. Anton Lorenz war vor allem ein zufriedener Mensch, der mit Gott und der Welt im Reinen war. Er mochte die Menschen und die mochten ihn. Und er war keinem um irgendetwas neidig. Wahrscheinlich kamen die Kunden deshalb so gerne auf einen Ratsch vorbei.

Vor allem die Kinder der Bergstraße und rund um den Kirchplatz hielten sich oft bei ihm in der Werkstatt auf. Nicht nur wegen des so geheimnisvollen Berufes, sondern auch wegen der Geschichten, die er ihnen erzählte. Sein Bruder Xaver Lorenz, der seine Schusterwerkstatt im gleichen Haus einen Stock höher hatte, stand ihm diesbezüglich in nichts nach. Vor allem die Buben schauten regelmäßig beim Xax und beim Dane vorbei. Oft brachten sie irgendwas „zum richt‘n“ mit. Und die beiden Handwerker hatten nie ein Nein.

Anton Lorenz war ein sehr gläubiger Mensch. Und ich bin sicher, dass der Herrgott, als er ihn am 12. Januar 2000 zu sich holte, auf dem Platz, auf den er ihn hingestellt hat, große Freude an ihm hat.

Eberhard Kreuzer

(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)


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