EineWelt. Eine „Normopathie„, was ist das denn bitte? Klingt nach einem Leiden, das man sich beim Ausfüllen des Steuerformulars einfängt. Aber keine Sorge, es ist keine ansteckende Krankheit – zumindest nicht im medizinischen Sinne! Es ist eher ein Zustand, in dem man so perfekt „normal“ ist, dass es schon wieder beunruhigend wird…

Wir tauchen ein in die Welt der unauffälligen Überangepassten, wo der größte Skandal darin besteht, eine Socke in der falschen Farbe zu tragen. Der Neurobiologe, Hirnforscher und Autor populärwissenschaftlicher Schriften Gerald Hüther hat bereits häufiger einen Blick hinter die Fassade der glatten Durchschnittlichkeit geworfen und vielerlei Dinge erkannt.
Seine Erkenntnis: Normopathie macht krank und führt zur Verdrängung der eigenen Individualität und zu innerer Leere, Angst und Entfremdung. Der Begriff wurde von der Psychoanalytikerin Joyce McDougall geprägt und beschreibt einen Zustand, in dem Menschen sich zwanghaft konform verhalten, um gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen, obwohl dies auf Kosten ihrer Authentizität geht.
„Sie liebt den Gehorsam und hasst die Verantwortung“
Karl Sibelius, einstiger Intendant des Rottaler Landkreis-Theaters, Schauspieler, Regisseur sowie aktueller Mitarbeiter an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz und selbständiger Psychotherapeut hat sich unter dem Titel „Normopathie frisst Hirn“ ebenso (folgende) Gedanken über das Thema Normopathie gemacht:
Wir halten uns für gesund, weil wir funktionieren – dabei sind wir längst sediert vom Normalen.
Normopathie ist kein harmloses Wort für Spießer.
Sie killt das Wilde in den Kindern, knebelt die Lehrerinnen, macht aus Chefs Automaten.
Sie raubt uns die Freude am Lernen, das Staunen, das Quer-Denken.
Und das Beste: Wir klatschen uns dafür noch selbst auf die Schulter.
Die Forschung sagt: Normopathie kostet uns Kreativität, macht ängstlich, depressiv, krank.
Sie frisst Demokratie, weil niemand mehr aufsteht.
Sie liebt den Gehorsam und hasst die Verantwortung.
Als Existenzanalytiker frage ich mich und mein Gegenüber:
Kann ich da sein?
Die Normopathie antwortet: Ja, wenn du leise bist.
Mag ich leben? – Nur, wenn’s nicht auffällt.
Darf ich ich sein? – Besser nicht.
Wofür bin ich da? – Für die Statistik.
Ich sage: Schluss damit!
Wer immer geradeaus marschiert, läuft irgendwann in die Wand.
Wir brauchen Menschen, die stolpern, lachen, querlaufen, Fragen stellen, sich weigern zu funktionieren.
Vielleicht ist das die eigentliche Therapie:
Weniger angepasst, mehr lebendig.
Weniger Norm, mehr Mensch.
Und wenn die Stadt morgen erwacht, soll sie wenigstens ein bisschen ver-rückt sein – sonst geht hier bald alles vor die Hunde…
Karl Sibelius








