Altreichenau. Vor wenigen Wochen bin ich noch über Stock und Stein gelaufen, auf dem Fahrrad gesessen oder habe meine Freizeit im Fitnessstudio verbracht. Denn Sport ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Die Tatsache, dass es als Sportler immer irgendwo „zwickt“, ist mir definitiv bekannt. Wahrscheinlich war das der Grund, warum ich wieder einmal zu lange gewartet habe – den Schmerz in meiner Hüfte, der über die Wochen zu einem dauernden Bestandteil meiner Sporteinheiten geworden war, nicht ernst genommen hatte. Der anstehende, schon länger geplante Wanderurlaub, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte, weckte ein mulmiges Gefühl in mir. Wie soll ich so auf einen Berg steigen?

Also doch zum Arzt. Dieser reagierte umgehend. Eine Verdachtsdiagnose, Röntgen und MRT, dann die Gewissheit. Es ist nichts Schlimmes, aber muss ernstgenommen werden. Und ausheilen. Weiter geht’s mit Schmerzmittel, täglichen Spritzen und Krücken, die ich anfangs als mein größtes Übel betrachtete…
Ich, die keine Sekunde stillhalten kann, soll am besten die nächsten Wochen auf dem Sofa ausharren – keine Chance! Die Erlaubnis, leichtes Oberkörpertraining zu absolvieren, solange ich meine Hüfte nicht belaste, stimmte mich etwas positiver. Zumindest habe ich Krücken und kann mich damit ohne weitere Einschränkungen durch die Gegend bewegen. Dachte ich…
… weil kleinste Dinge viel mehr Zeit beanspruchen als üblich


Nachdem der Urlaub storniert war, ging es langsam um die Frage, was man so im nun daheim stattfindenden Urlaub machen kann. Gar nicht so einfach! Lange Ausflüge in eine Stadt – kaum möglich, obwohl ich flink mit den Krücken bin. Aber: Mehr als drei Kilometer gehen sind dann doch nicht drin! Immer mehr Hürden im Alltag wurden mir offenbar – und folgender Punkt immer mehr bewusst: Wie meistern Menschen mit Behinderungen jeglicher Art ihr alltägliches Leben?
Ich stehe vor der Haustür meiner Eltern, habe zwar einen Schlüssel, komme aber dennoch nicht rein. Die automatisch schließende Haustüre macht es mir schier unmöglich hindurchzugehen, bevor sie wieder zufällt. Versuchen Sie mal mit zwei Unterarmgehstützen eine Türe aufzuhalten und gleichzeitig hindurchzugehen. Mit Rollator oder Rollstuhl wohl aussichtslos. Ich bin auf meine Mitmenschen angewiesen, viel langsamer in meinem alltäglichen Leben unterwegs, weil kleinste Dinge viel mehr Zeit beanspruchen als üblich.
Doch nicht nur Türen versperren einem den Weg. Nach einem Ausflug in die Stadt folgte die Erkenntnis: Ohne Aufzug ist selbst eine ganz gewöhnlich Shoppingtour nahezu unmöglich. Mit Krücken Rolltreppe zu fahren macht wirklich keinen Spaß – und in den oft viel zu engen Gängen der Geschäfte muss ich mich regelrecht hindurchzwängen und ständig aufpassen, nicht irgendwo hängen zu bleiben oder zu stolpern.
Einkaufen wird für mich zu einer riesigen Hürde Doch: Lucky me! Trotz meiner Verletzung kann ich ohne Probleme Auto fahren. Wo ist das Problem, könnte man denken? Aber ein- und aussteigen wird mit den zwei zusätzlichen Beinen bei vielen Parklücken zu einem interessanten Kunststück. Behindertenparkplätze darf ich ja nicht benutzen…
Was ist denn nun mit der Inklusion?
Jedenfalls: Es sind die kleinen Dinge, die mir auffallen, an die man eigentlich nicht denkt, aber so viel ausmachen. Seitdem ich selbst leichte Berührungspunkte mit Einschränkungen gemacht habe, achte ich mehr auf eher unauffällige mögliche Hürden. Ich beobachte eine andere Frau, die in einem Geschäft über einen kleinen Tisch stolpert, der auf einem Teppich steht, der die gleiche Farbe hat. Durch ihre Gleitsichtbrille konnte sie diesen nicht erkennen.
In der Politik und den Medien ist viel zu oft die Rede von Inklusion. Die Frage, die ich mir mehr und mehr stelle, lautet: Wo genau ist diese in unserer Gesellschaft vorhanden?
In der Architektur ist es möglich, riesige Brücken über Kilometer hinweg zu bauen, Berge zu durchbohren und sogar ins Weltall zu gelangen. Warum kann man die Umwelt, die von allen genutzt werden können soll, nicht einfach barrierefreier gestalten? Oder sind wir schlichtweg nicht bereit dazu, eine andere Perspektive einzunehmen?
Katharina Kremsreiter








