Bayerischer Wald. Die Kartoffel, im Volksmund „Eapfe“ oder „Earepfe“ genannt, zählt wohl zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln. Selbst unter den schwierigen klimatischen Bedingungen im Bayerischen Wald war sie für unsere Vorfahren eine verlässliche Basis für ein auskömmliches Leben. Wegen ihrer Anpassungsfähigkeit an Bodenverhältnisse und Klima wird die Kartoffel nahezu auf der ganzen Welt angebaut. Dieses wertvolle Lebensmittel ist es also durchaus wert, sie wieder mal ins Bewusstsein der Verbraucher zu bringen. Erster Teil der Hog’n-Serie, in deren Rahmen Heimatforscher Rupert Berndl die Erfolgsgeschichte der bekannten Nutzpflanze näher beleuchtet.

Natürlich ist sie uns allen bekannt, diese erstaunliche Knolle – landet sie doch an vielen Tagen im Jahr in unterschiedlichsten Formen auf unseren Tellern, häufig als wenig beachtete Beilage. Gekocht, geröstet, mit oder ohne Schale, pikant gefüllt, als Knödel oder Fladen, geraspelt, gehobelt, püriert, als Brei oder als Kalorienbombe in Form von Pommes frites oder Chips genügt sie seit langen Zeiten selbst den höchsten Ansprüchen.
Zu Unrecht führt sie in den meisten Küchen eher ein Schattendasein. Nur auf den ersten Blick scheint sie für kulinarische Höhenflüge eines Sterne-Kochs wenig geeignet. In der Regel muss sie sich nahezu ausschließlich mit einer dienenden Rolle zu begnügen. Man nimmt sie in der gehobenen Kochkunst gar nicht so richtig wahr. Sie gehört einfach dazu, eine Selbstverständlichkeit quasi. Vielleicht gerade deshalb bezeichnete man sie zum Beispiel auf den Speisekarten der ehemaligen DDR reichlich despektierlich als „Sättigungsbeilage“. Schade eigentlich, denn sie verdient durchaus mehr Anerkennung. In dieser unscheinbaren Knolle steckt nämlich mehr.
Gegen den Hunger – aber auch bei Fieber und Kopfschmerzen

Vor allem in unserer einfachen, aber geschmacklich reizvollen Hausmannskost, unter den geschickten Händen versierter Hausfrauen und Omas vermag sie in Form von Reiberdatschi, gerösteten Kartoffelknödeln, Erdäpfelkren und anderen Schmankerln zu wahren Köstlichkeiten aufzulaufen. Deshalb erstaunt es nicht, dass in den alten Kochbüchern eine erstaunliche Vielfalt an Kartoffelspeisen und deren Zubereitungsmethoden zu finden ist.
Auch im Bereich der Medizin schätzte man die Kartoffel immer schon als ein bewährtes Hausmittel. Roh in Scheiben geschnitten und in ein feuchtes Tuch gehüllt kann sie als Wadenwickel Fieber senken. Oder Kopfschmerzen vertreiben, wenn man sie in dieser Form auf Stirn und Nacken platziert. Gekocht und noch heiß in dicke Scheiben geschnitten, mit einem Tuch umwickelt und um den Hals gelegt, kann sie zur Heilung von Halsentzündungen beitragen.
Sie ist ist also ausgesprochen vielseitig, die Kartoffel. Leider viel zu wenig beachtet, führt sie eher ein Mauerblümchendasein. Auf jeden Fall ist sie es wert, dass man sich genauer mit ihr beschäftigt. Allein schon die Geschichte, wie sie auf unseren Kontinent gelangte, ist interessant.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts brachten spanische Seeleute von ihren Eroberungskriegen aus Südamerika diese bemerkenswerte Knolle mit nach Europa. Sie nannten sie „tartufolo“, was so viel bedeutet wie „kleine Trüffel“, wohl weil ihr genießbarer Teil unter der Erde heranwächst. Allerdings dauerte es ziemlich lange, bis sich die merkwürdige Pflanze aus den peruanischen Anden in unseren Breitengraden durchsetzte und ihr Wert als Grundnahrungsmittel erkannt wurde.
Tierversuche und „Speisegaben“ an Strafgefangene
Den Botanikern und pflanzenkundigen Mönchen der damaligen Zeit war diese Pflanze durchaus bekannt. Auch dass sie zur Familie der Nachtschattengewächse gehört und damit, wie all die Pflanzen aus dieser Gattung, giftig war. Deshalb hielt man nicht nur ihr Kraut, sondern auch die Knolle unter der Erde für ungenießbar.
Gestützt auf zunächst allerhand Tierversuche und den anschließenden „Speisegaben“ an Strafgefangene, stellte sich rasch nicht nur die Unbedenklichkeit, sondern sogar eine nicht vermutete Bekömmlichkeit von Kartoffelspeisen heraus. Ab diesem Zeitpunkt beeinflusste diese „Wunderknolle“ indirekt auch das politische Geschehen in Mitteleuropa, und zwar stärker, als man allgemein glauben möchte…
Rupert Berndl








