Rusel. Für mich, der bisher noch nie Berührungspunkte mit dem Gleitschirmfliegen hatte, war Paragliding bisher immer: Irgendwo am Berg starten und je nach Thermik irgendwo am Fuße des Berges landen. Doch als ich höre, dass man an guten Tagen auch mal 100, 200 oder sogar mehr Kilometer fliegen kann, ist mein Interesse geweckt. Gut, dass es auch im Bayerischen Wald mehrere Gleitschirmfliegervereine gibt.

Und einer davon hat an der ehemaligen Skipiste auf der Rusel nahe Deggendorf seinen Hausberg, der sinnigerweise „Hausstein„ heißt. So setze ich mich mit dem Drachen- und Gleitschirmfliegerclub Regental e. V. in Verbindung und bekomme prompt von Thomas Rossberger, seines Zeichens Sportwart, eine Antwort. Gerne, so sagt er, erzählt er mir mehr über diesen Sport. Und er verspricht, sich zu melden, wenn es wettertechnisch passt.
Dabei lerne ich gleich meine erste Lektion: Beim Paragliding muss man flexibel sein. Langes Vorausplanen funktioniert nie. Wenn gutes Flugwetter herrscht, muss man spontan seine Ausrüstung packen und zum Berg fahren. So läuft auch unser erstes Treffen: Ein Anruf mit der Info, in knapp zwei Stunden wäre er am Landepunkt. Passt. Ich schnappe mir meine Fotoausrüstung und düse los.
Wichtig: mentale Fitness

Wir treffen uns an einer großen Wiese nahe Schaufling. Thomas schultert den großen Rucksack mit dem Schirm – und wir marschieren los. Denn es heißt erst mal: den Startpunkt erreichen. Das gibt Thomas aber auch Zeit, mich mit Informationen zu versorgen. So gibt es unterschiedliche Schirme von „A“ für Anfänger bis „D“ bzw. „CCC“ für Wettkämpfe. Der bedeutendste Unterschied dabei ist das Verhältnis von Breite zu Tiefe.
Der Rucksack mit dem Schirm und dem Gurtzeug bringt meist zwölf bis 15 Kilogramm auf die Waage. Aber es gibt auch leichtere – alles eine Frage des Preises. Apropos Preis: Was so eine Ausrüstung kostet? Ein Gleitschirm der Kategorie „B“ mit allem Drum und Dran liegt bei rund 4.000 Euro. Dieser hält bei guter Pflege aber auch bis zu zehn Jahre.
Wir stehen inzwischen am unteren Ende der ehemaligen Skipiste. Der Startpunkt weit oben ist noch gar nicht zu sehen. Steil geht es rauf und ich komme gut ins Schnaufen. Dabei habe ich nur meinen Fotorucksack auf dem Rücken und nicht die ganze Flugausrüstung. Da stellt sich natürlich die Frage nach der Fitness: Thomas meint, eine gewisse Grundkondition ist auf jeden Fall hilfreich, aber die körperliche Leistungsfähigkeit ist eher zweitrangig.
Wichtiger ist die mentale Fitness, muss man beim Flug doch permanent konzentriert und aufmerksam bleiben. „Und“, schiebt er schmunzelnd hinterher, „viele lassen sich am liebsten zum Abflugort fahren. Die Piloten halten zusammen, man hat am Landeplatz meist jemanden, der einen hochbringt.“ Er selbst genießt inzwischen den Aufstieg zu Fuß. Nach einem langen Arbeitstag ist das eine gute Möglichkeit abzuschalten.
Fasziniert blicke ich hinterher…
Die ersten Schatten legen sich bereits über die Baumwipfel, und das Tal leuchtet warm in der Abendsonne, als wir oben ankommen. Jetzt wird das Equipment ausgebreitet: Thomas entfaltet den Gleitschirm, die Leinen müssen gegebenenfalls etwas entwirrt und der Rucksack durch Umstülpen in den Sitzsack, im Fachjargon Gurtzeug, verwandelt werden. Wichtig ist auch das Variometer. Auf ihm sieht man Höhe und Geschwindigkeit, eine Landkarte und vieles mehr.
Warm eingepackt und mit Handschuhen bzw. Helm ausgestattet, macht sich Thomas an den Abflug. Mit dem Rücken zur späteren Flugrichtung geht er rückwärts, zieht an den Leinen, und die Luftkammern des Gleitschirms, bestehend aus oberer und unterer Haut, füllen sich mit Luft. Thomas erhöht das Tempo, dreht sich beim Laufen um und hebt nach wenigen Metern sanft vom Boden ab. Jetzt noch in das Gurtzeug und schon kann er an Höhe gewinnen. Das Ganze ist fast lautlos vonstattengegangen. Fasziniert blicke ich hinterher.
Über den Wolken – und auch etwas darunter…
Als er über die Baumwipfel emporsteigt, „glüht“ der farbige Schirm in der Sonne. Er fliegt in leichten Bögen dem tiefen Tal entgegen. Dann biegt er um die Bäume und entschwindet meinem Blickfeld. Jetzt heißt es auch für mich runter vom Berg. Im Laufschritt überwinde ich die Piste. Im Wald mit seinen vielen Pfade irre ich ein wenig umher und treffe schließlich nach gut einer halben Stunde wieder auf Thomas, der schon sicher gelandet ist. Er zeigt mir noch das Verpacken des Equipments, das zu meiner Überraschung sehr schnell geht. Vor allem wegen der vielen Leinen hatte ich vermutet, dass es Zeit und große Sorgfalt braucht, um es zu verstauen.
Anschließend lassen wir uns auf einer Bank nieder und ich kann meine Fragen loswerden. Wie lange die Ausbildung dauert, möchte ich wissen: zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Neben einer Theorieausbildung muss man mindestens 40 Flüge vorweisen. Insbesondere den ersten Flug stelle ich mir dabei irre schwer vor. Es ist ja niemand dabei, der gegebenenfalls eingreifen kann.
Die ersten Versuche

Halb so schlimm, beruhigt mich Thomas. Die ersten Flugversuche sind nur auf ganz flachen Hügeln. Interessant ist hingegen das erste Mal in steilerem Gelände. Da hatte er schon ein mulmiges Gefühl, gibt er zu. Danach lernt man einfach viel durch die Flugerfahrung. Immer wieder herrschen andere Bedingungen, und daran wächst man, wird sicherer und traut sich in neue Gebiete vor.
Und dann erzählt er von seinem bisher weitesten Flug, vom Hausstein bis nach Linz. Das sind über 100 Kilometer Luftlinie. Bei guten Verhältnissen und wenn man die richtigen Luftströmungen erwischt, ist das kein Problem, meint Thomas. Ein Flugkollege von ihm habe es sogar schon mal bis zur französischen Grenze geschafft – eine Flugstrecke von mehr als 350 Kilometer!
Planen lässt sich das aber nicht. „Mal meinst du, heute ist es richtig gut, und dann ist schon nach wenigen Minuten Schluss. Und ein andermal kannst du ganz unverhofft stundenlang in der Luft bleiben“, beschreibt Thomas die besonderen Bedingungen bei diesem Sport.
Im Bayerischen Wald steigt man an guten Tagen bis auf 2.500 oder 3.000 Meter hoch. Brenzlige Situationen hatte Thomas dabei eigentlich noch nie. Im äußersten Notfall hat man auch einen Notschirm dabei. „Aber“, so versichert er, „bei umsichtigem Vorgehen und Beachtung der Regeln ist Gleitschirmfliegen sicher“.
Beim „Hike & Fly“
Eine Frage habe ich noch: Gibt es Wettkämpfe? Es gibt sogar eine Bundesliga! Thomas selbst organisiert für den Verein auch öfters sogenannte „Hike & Fly“-Wettbewerbe. Dabei starten alle Teilnehmer gleichzeitig am Landeplatz, erreichen zu Fuß den Abflugort, fliegen zu einem vorgegebenen Punkt in der Luft und von dort zurück zum Landeplatz. Hier kommt es auf die Zeit an – wer am schnellsten ist, gewinnt.
An so einem Wettbewerb darf ich zumindest passiv teilnehmen. Wieder ist Spontaneität gefragt, denn erst am frühen Morgen kommt die Nachricht, dass ein „Hike & Fly“-Wettbewerb am Hausstein stattfindet. Ich habe Zeit und mache mich gleich auf den Weg. Gut, dass ich nur die kurze Strecke vom Parkplatz zum Abflugort gehen muss, denn bereits um 10 Uhr herrschen fast 30 Grad.
…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…
Gerade habe ich mich am Rande der Abflugschneise positioniert, als auch schon die ersten zwei Teilnehmer den Hang raufgelaufen kommen. Ganz vorne Thomas, sein Verfolger nur wenige Meter hinter ihm. In Windeseile wird der Gleitschirm ausgebreitet und dann starten beide kurz nacheinander. Das wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Verfolgergruppe ist schon im Anmarsch und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Nacheinander bereiten die fast 20 Teilnehmer ihr Equipment vor und geben mit ihren bunten Schirmen ein tolles Bild ab.
Auch so hat sich der Hang inzwischen gut gefüllt. Viele andere Gleitschirmflieger sind gekommen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele diesem tollen Hobby nachgehen. Aber nach allem, was ich inzwischen gehört, gesehen und gelernt habe, weiß ich jetzt auch, warum. Später erfahre ich noch, dass Thomas sich bei dem Wettbewerb knapp seinem Vereinskollegen geschlagen geben musste. Aber ich denke, er kann’s verschmerzen, war es doch eine rundum gelungene Veranstaltung.
Herbert Wolf
(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)
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Drachen- und Gleitschirmsport im Bayerischen Wald:
- DGFC Regental e.V.
- Drachen- und Gleitschirmfliegen in Grainet
- DGC-Bayerwald e.V.
- Gleitschirmverein Bayerwald e.V.









