Bischofsreut. Was sich da in der vergangenen Mittwochnacht in dem kleinen Grenzort Bischofsreut (Landkreis Freyung-Grafenau) im Bayerischen Wald abgespielt hat, ist wahrlich alles andere als alltäglich: Ein stattlicher Elch bei strömendem Regen, mitten im Ort. Er schaut einmal rechts, einmal links – und biegt dann in aller Seelenruhe in eine Seitenstraße ab. Laut Augenzeugen handelt es sich dabei mit großer Wahrscheinlichkeit um Elch „Emil“, der in den vergangenen Wochen durch Österreich streifte und in den Sozialen Medien zum Publikumsliebling avancierte…

„Die Cousine meines Mannes hat ihn als erstes gesehen“, berichtet Nicole Madl gegenüber dem Onlinemagazin da Hog’n noch immer ganz aufgeregt – und fügt hinzu: „Sie wohnt direkt in dem Haus, vor dem er Halt gemacht hat, als er die Straße runtermarschiert ist.“ Das war an jenem Mittwoch gegen halb zehn Uhr abends. „Sie meinte am Telefon nur: Nicole, da steht ein Riesenviech vor unserer Haustür – ein Riesenhirsch. Der geht jetzt langsam in eure Richtung – schau mal, ob der nicht schon bei euch im Garten steht.“
Die Bischofsreuterin zögerte nicht lange und setzte sich gemeinsam mit ihrem Mann hinters Steuer, um die Spur aufzunehmen. Dass es sich bei dem Tier nicht um einen „Riesenhirsch“ handeln konnte, sei ihr schnell klar gewesen, wie sie im Nachhinein schildert, denn: „Der würde ja sofort abhauen.“ Nicole Madl dachte sogleich an einen Elch. An Elch „Emil“, dessen „Laufbahn“ sie – wie so viele – seit Mitte August akribisch in der medialen Berichterstattung verfolgt hatte. „Der ist in Österreich umhermarschiert, hat die Bahn blockiert und ist durch die Donau geschwommen“, erinnert sie sich und ergänzt: „Der dürfte bereits an Menschen gut gewöhnt sein.“ In der Hausörterstraße haben Nicole Madl und ihr Mann dann hinterm Haus von dessen Tante den Elch auf einer Wiese entdeckt. „In einer enormen Größe stand er dort, im Brombeerfeld, völlig tiefenenstpannt.“
„Er ist einen halben Meter an uns vorbeimarschiert“
Torsten Mohr, der in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnt, ist währenddessen mit einer Taschenlampe in Händen haltend zum Ort des Geschehens gekommen. Er wurde kurz zuvor von zwei seiner Arbeitskolleginnen angerufen, die dem Tier in der Ortsmitte begegnet waren. „Sie berichteten mir, dass auf Höhe der Metzgerei plötzlich ein Elch auf der Straße stand und sie nicht mehr weiterfahren konnten. Und nachdem er dann um ihr Auto herumgelaufen ist, soll er in unsere Straße abgebogen sein.“
Folgendes Video wurde am Mittwoch von Torsten Mohrs Arbeitskolleginnen aufgenommen:
Der Bischofsreuter erinnert sich: „Der Elch ist dann auf ein Wiesengrundstück gelaufen, ich hinterher, dann hat er sich ins Gras gelegt, wohl um eine Pause zu machen.“ Aus sicherer Entfernung hat er das Tier mit seiner Taschenlampe angeleuchtet. „Und dann hab ich zu ihm gesagt: Das ist sehr ungünstig, wenn du da liegenbleibst, weil da nebenan gleich der Jäger wohnt.“ Als würde er die Worte verstanden haben, ist er Torsten Mohr zufolge daraufhin wieder aufgestanden und die Hausörterstraße weitergelaufen. „Er ist einen halben Meter an uns vorbeimarschiert, in aller Seelen Ruhe und ganz ohne Aggressionen“, erinnert sich Nicole Madl an die kuriose Szene. „Er wird dann vermutlich Richtung Schwarzenthal weitermarschiert sein.“
Auch Torsten Mohr hatte sogleich den Verdacht, dass es sich um keinen gewöhnlichen Elch handeln könnte, denn: „Er hatte eine Art Sender umhängen.“ Nicole Madl hatte jüngst gelesen, dass „Emil“ betäubt und in Oberösterreich, im Bezirk Rohrbach, ausgesetzt worden sei. „Der Plan war, dass er in Richtung Šumava wandert, weil dort ja bereits eine Elch-Population vorhanden ist“, informiert sie weiter. Der Weg des Tiers könne per GPS rund 30 Tage lang verfolgt werden. „Anscheinend wurde Emil bereits am Mittwochvormittag im Šumava geortet. Und dann ist er anscheinend nochmal Richtung Haidmühle bzw. Bischofsreut gewandert…“
„Wir bitten alle Wanderer Abstand zu halten“
Auch der Nationalpark Bayerischer Wald hat mittlerweile mitbekommen, dass sich Elch „Emil“ in unseren Breitengraden aufhält – und folgende Pressemitteilung (Stand: 27.09.2025) dazu veröffentlicht:
„Elch Emil, der nach seiner wochenlangen Wanderung durch Österreich vor fünf Tagen betäubt und ins Dreiländereck Österreich-Deutschland-Tschechien gebracht worden ist, befindet sich derzeit im Grenzgebiet zwischen den beiden Nationalparken Bayerischer Wald und Šumava. Möglich macht die Verfolgung ein GPS-Tracker, der am Geweih von Emil angebracht ist. Zusammen mit den Kollegen aus dem Nationalpark Šumava können wir, solange die Batterie in dem Tracker reicht, seine Strecke verfolgen. Wir bitten alle Wanderer bei Begegnungen mit dem Tier Abstand zu halten und die Nationalparkverwaltungen zu informieren.“
Stephan Hörhammer







