Freyung. „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ Dieses Zitat stammt von August Bebel und weist auf die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hin. Es geht darum, die richtigen Konsequenzen aus der Geschichte zu ziehen. So wie verschiedene Freyunger Geschäftsleute in der folgenden Begebenheit, in der es um ein historisch-wertvolles Stück Papier geht…

Nach einem Einkauf landen Einwickelpapier und Verpackungsmaterial meist im Altpapier. Verständlicherweise. Das war auch früher nicht anders als heute. In manchen Fällen ist das aber durchaus schade, denn bedrucktes Packpapier kann bisweilen so einiges erzählen. Zum Beispiel über die Wirtschaftsgeschichte eines Ortes.
Dies weiß natürlich auch der versierte und rührige Heimatforscher Hans Krottenthaler aus Röhrnbach. Ihm wurde kürzlich Packpapier aus dem Jahr 1949 übergeben, das eine Aufschrift trug. Das Papier stammte aus dem Kaufhaus Nikolaus Huber in Freyung. Hans Krottenthaler schildert, wie er zufällig in den Besitz dieses ungewöhnlichen Dokuments kam: „Das Papier stammt von Antonia und Klaus Eiter aus Röhrnbach. Bei einem Umzug wurde das Packpapier – in einem Kleiderkoffer eingelegt – entdeckt.“ Das mehr als 75 Jahre alte Packpapier des Kaufhauses Huber liefert so manche Information. Deshalb bekommt es nun einen Platz im Freyunger Stadtarchiv.
Was verrät uns das Packpapier?

Bekrönt wird die Aufschrift auf dem Packpapier durch ein eigenartiges Firmensignet. Es enthält u.a. das bayerische Rautenwappen und den Schriftzug „Bayritex“. Dieses Emblem ist heute äußerst selten, Rechnungen oder andere Schriftstücke mit diesem alten Logo finden sich praktisch nur noch in Archiven. Bei der Firma „Bayritex“ handelte es sich um eine Einkaufskooperation bayerischer Textileinzelhändler, um gegenüber den Großen der Branche bezüglich der Einkaufspreise bestehen zu können. Das Freyunger Kaufhaus Huber war Mitglied in dieser Kooperation. Seit 1968 gibt es „Bayritex“, die ihren Sitz in München hatte, nicht mehr.
Das Packpapier erzählt auch von dem Sortiment des Kaufhauses Huber im Jahr 1949. Stoffe gab es da und „Damen- und Herren-Fertigkleidung“. Kleider und Anzüge „von der Stange“ waren damals also noch nicht selbstverständlich. Der Hinweis auf die „Bleyle-Artikel“ lässt Rückschlüsse auf die Güte der von Nikolaus Huber vertriebenen Waren zu. Die Firma Bleyle war zu dieser Zeit bekannt für hochqualitative Erzeugnisse zu eher gehobenen Preisen. Huber legte also in seinem Sortiment Wert auf ein gediegenes Angebot. Diesem hohen Anspruch sah sich das Modehaus dann über Jahrzehnte hinweg verpflichtet.
Ganz wichtig ist natürlich der Packpapier-Hinweis auf die Tradition des Kaufhauses Huber. Dieses wurde bereits 1874 begründet, 1949 durfte man also 75-jähriges Jubiläum feiern. Der „Ehrenkranz“ mit der Jahreszahl auf dem Packpapier verweist – wohl nicht ohne Stolz – auf diesen „Geburtstag“.
Vom fahrenden Händler zum angesehenen Modehaus

Der Name Nikolaus Huber ist in Freyung ein Begriff. Der erste Nikolaus Huber stammte aus der Pfalz. Er fuhr, etwa um das Jahr 1870, mit Wagen und Rössern zu den Märkten. Dort packte er seine Truhen aus und verkaufte den Leuten Stoffe und Tücher. Dabei kam er auch nach Freyung. Im Jahr 1874, also lediglich zwei Jahre nach der verheerenden Brandkatastrophe in Freyung, gründete er im heutigen Brodinger-Haus das „Mode- und Tuchwarengeschäft Huber“. Der Beginn eines Traditionsgeschäftes, das bis 2003 bestand.
Im Jahr 1881 kaufte Nikolaus Huber I. das Grundstück am Beginn der Schulgasse. Dort errichtete er ein markantes Eckhaus, das knapp hundert Jahre lang das Freyunger Ortsbild prägte. Dann gab es bedeutende Veränderungen: Im Jahr 1968 wurde das Gebäude abgerissen. Ein Neubau entstand. Längst hatte sich das Kaufhaus Huber zu einer Institution entwickelt – und zwar über die Grenzen Freyungs hinaus. Das geschah bereits unter der Leitung von Nikolaus Huber, dem Dritten in der Nikolaus-Huber-Inhaberreihe.
Das Geschäft florierte, die vorhandenen Räumlichkeiten reichten nicht mehr aus. Darum erwarb Nikolaus Huber das benachbarte Kaufhaus Garhammer und gestaltete dieses in das „Herrenhaus Huber“ um. Der letzte Umbau erfolgte 1981/82. Das Modehaus hatte nun beachtliche 1.700 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Und 40 Parkplätze. Nicht schlecht für einen Ort wie Freyung! Das Ensemble mit den beiden Huber-Häusern haben viele Freyunger heute noch in bester Erinnerung.
Ende und Neubeginn: Das TRENDline und das Stadtplatzcenter

Aber die Erfolgsgeschichte des Modehauses Huber endete schließlich im Jahr 2003. Die Zeiten für Modegeschäfte vor Ort waren rauer geworden. Nach 129 Jahren schloss das Modehaus seine Tore. Gott sei Dank gab es bald ein neues Modegeschäft in den Huber-Häusern: das TRENDline. Aber der Zahn der Zeit begann an der Bausubstanz zu nagen. Bis schließlich mutige Investoren einen Entschluss fassten: Ein neues Gebäude sollte her. Mit mehreren Geschäften darin. Und von einem Kino träumte man auch. Das war die Geburtsstunde des „Stadtplatzcenters“.
Im Jahr 2012 wurden die Huber-Häuser auf spektakuläre Weise abgerissen. Das wirbelte viel Staub auf – und das vor allem im wörtlichen Sinne. Schon im November 2013 konnte das neue Stadtplatzcenter eingeweiht werden. Und jetzt hat es sich zu einer pulsierenden Stadtmitte entwickelt: mit einem feinen Modegeschäft, einem leistungsfähigen Lebensmittelgeschäft, einem tollen Kino und weiteren Institutionen. Und wer weiß, vielleicht findet im Jahr 2100 jemand durch Zufall eine Tragetasche mit dem Aufdruck „TRENDline Fashion Freyung – Dein Style, Dein Trend“. Das wäre dann wieder ein Objekt für das Stadtarchiv…
Kreisheimatpfleger Gerhard Ruhland








