Freyung. Das Gesicht, das man im Landkreis Freyung-Grafenau mit juristischen Verfahren verbindet wie kein anderes, ist wieder zurück am Amtsgericht Freyung. Dort beschäftigte sich Klaus Fruth zehn Jahre lang mit Straftätern aller Art, ehe er zuletzt für die Staatsanwaltschaft Passau im Einsatz war. Nun ist der Waldkirchener wieder an alter Wirkungsstätte aktiv: Seit 10. Juli fungiert der 51-Jährige als Direktor des Amtsgerichtes. Und es ist, als wäre er nie weg gewesen – nicht nur in der Außendarstellung.

Im Hog’n-Interview wird schnell deutlich, dass Fruth bereits wieder voll drin ist im „Geschäft“. Er weiß Bescheid, was die Kriminalität in seiner Heimat betrifft. Und es scheint so, als ob er den Landkreis Freyung-Grafenau in juristischer Hinsicht nie so recht aus den Augen verloren hat. „Die typischen Eigenschaften meines Berufs spiegeln sich eigentlich nicht in meinem Charakter wider“, gestand er damals, 2016, gegenüber dem Onlinemagazin da Hog’n als 42-jährige Richter, als er noch für Strafdelikte, Nachlassangelegenheiten und Betreuung zuständig war. Auch an seiner Einstellung hat sich nichts geändert.
Der Neu-Amtsgerichtsdirektor zeigt sich im Gespräch gewohnt offen – und hat auf jede Frage eine Antwort parat. Nur zum offenbar rechtsextremen Referendar am Landgericht Passau will er sich nicht äußern…
„Schwerere Straftaten treten öfter in Städten auf“
Herr Fruth: Nach fast sieben Jahren bei der Staatsanwaltschaft Passau sind Sie nun wieder am Amtsgericht Freyung tätig, das Sie seit Anfang Juli leiten. Mit welchem Gefühl sind Sie an alter Wirkungsstätte angetreten?
Ich habe mich wahnsinnig auf die neue Aufgabe gefreut, habe aber zeitgleich großen Respekt vor der neuen Herausforderung. Ich bin von den Kolleginnen und Kollegen sehr herzlich empfangen worden, was mir den Start ungemein erleichtert hat. Obwohl ich fast sieben Jahre lang weg war, fühlte es sich von Anfang an sehr vertraut an.

War die Rückkehr eine bewusste Entscheidung, wieder in der unmittelbaren Heimat aktiv zu sein?
Die Zeit bei der Staatsanwaltschaft in Passau war sehr spannend und hilfreich für meine persönliche Entwicklung. Der Abschied ist mir daher nicht leicht gefallen. Dennoch war es immer ein Traum von mir, als Direktor an das Amtsgericht Freyung zurückzukehren. Ich freue mich sehr, dass meine Bewerbung erfolgreich war.
Es ist immer wieder die Rede davon, dass die Gesellschaft mehr und mehr verroht. Können Sie diesen Eindruck aufgrund ihres Alltages bestätigen – ohne im Detail Statistiken durchforsten zu müssen?
Als Verrohung der Gesellschaft würde ich es nicht bezeichnen. Aber die Anzahl der Straftaten und insbesondere deren Qualität ist in vielen Bereichen hoch. In den vergangenen Jahren hatten die Staatsanwaltschaften mit Schleusungen und illegaler Migration enorm viel Arbeit. Aber auch Gewaltdelikte und Straftaten im Bereich Cybercrime nehmen immer mehr zu.
Ist der ländliche Raum, der Bayerische Wald, noch die „heile Welt“, als die er oft dargestellt wird?
Es gibt bei uns im Bayerischen Wald nichts, was es nicht gibt. Ich habe aber tatsächlich den subjektiven Eindruck, dass die schwereren Straftaten verhältnismäßig öfter in Städten auftreten als auf dem Land. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen auf dem Land die Maßnahmen und Entscheidungen der Strafverfolgungsbehörden eher akzeptieren, als das in Städten der Fall ist.
Verdachtsfälle wegen Terrorismusfinanzierung
Sie waren bei der Staatsanwaltschaft u.a. mit den Themenfeldern „Terrorismus“ sowie „Gewalt gegen Polizisten und Rettungskräfte“ beschäftigt. Also genau zwei „Brennpunkte“, die in den vergangenen Monaten vermehrt in den Fokus geraten sind. Wie hat sich während ihrer Amtszeit in Passau die Lage in diesen beiden Bereichen dargestellt?
Diese beiden Bereiche waren – glücklicherweise – nicht Hauptbestandteil meiner Arbeit als Gruppenleiter bzw. Oberstaatsanwalt in Passau. Im Terrorismusbereich hatten wir während meiner Tätigkeit ein paar Verdachtsfälle wegen Terrorismusfinanzierung. Diese Verdachtsfälle lagen tatsächlich nie im Bereich des Landkreises-Freyung Grafenau.
Anders stellt sich die Situation beim Thema „Gewalt gegen Polizisten und Rettungskräfte“ dar. Hier haben wir – auch im Landkreis Freyung-Grafenau – mit einem Anstieg der Fälle zu kämpfen. Dabei ist festzustellen, dass sich insbesondere das Verhalten gegenüber Polizeibeamten negativ entwickelt hat. Beleidigungen und Gewalt sind dabei keine Seltenheit. Dem muss meines Erachtens nach mit einer Null-Toleranz-Strategie begegnet werden. Das haben wir bei der Staatsanwaltschaft in Passau so gehandhabt – und das werde ich auch als Strafrichter weiter so handhaben.
„Im Eifer des Gefechts kann es etwas lauter werden“

In Freyung haben Sie in der Vergangenheit jahrelang Straftaten aller Art verhandelt. Als Waldkirchener ist es wohl keine Außergewöhnlichkeit, dass man die Leute kennt, die einem dann gegenübersitzen. Wie gehen Sie damit um, wenn sich ein Bekannter beispielsweise wegen eines Diebstahles verantworten muss? Wie schwierig ist es, dabei neutral und souverän zu bleiben?
Wenn ich einen Verfahrensbeteiligten kenne, so dass ich Schwierigkeiten habe, neutral zu bleiben, dann zeige ich das an und werde wegen Befangenheit abgelehnt. Das war aber bislang – soweit ich mich erinnern kann – erst zwei- oder dreimal der Fall, was für meinen Freundeskreis spricht (schmunzelt).
Wurden Sie als Richter, der letztlich über das Strafmaß entscheidet und jemanden ins Gefängnis stecken kann, schon einmal körperlich oder verbal angegangen?
Ich versuche meine Entscheidungen den Menschen so zu erklären, dass sie es verstehen – ohne mich dabei hinter juristischen Ausdrücken zu verstecken. Dennoch kommt es gelegentlich vor, dass Angeklagte nach der Urteilsverkündung im Sitzungssaal etwas lauter werden und ihren Unmut äußern. Damit muss man als Richter leben, da dies im Eifer des Gefechts geschieht. Im Übrigen habe ich glücklicherweise keine derartigen negativen Erfahrungen machen müssen.
Was reizt Sie insgesamt daran, im juristischen Bereich aktiv zu sein?
Die Tätigkeit als Richter oder Staatsanwalt ist spannend, abwechslungsreich und nie langweilig. Man steht immer vor neuen Herausforderungen, durch neue Gesetze – z.B. Cannabislegalisierung – oder sonstige Änderungen wie die elektronische Akte. Vor allem die Bayerische Justiz bietet – auch in ländlichen Regionen – die Möglichkeit, viele unterschiedliche Tätigkeiten auszuüben. Bei der Staatsanwaltschaft hat mir die Teamarbeit sehr viel Spaß gemacht. Als Richter schätze ich die Unabhängigkeit.
„Die Arbeit als Jurist in der Praxis ist großartig!“

Insgesamt betrachte ich meine Tätigkeit bei der Justiz als Dienstleistung für den Bürger. Als Zivil- oder Familienrichter entscheidet man streitige Fälle zwischen den Parteien. Staatsanwaltschaften und Strafgerichte schaffen mit den Polizeibehörden Sicherheit. Und bei einem Besuch einer Pflegeeinrichtung oder eines (Bezirks-) Krankenhauses als Betreuungsrichter wird man zudem geerdet. Gerade die Mischung zwischen der Tätigkeit am Schreibtisch und dem Umgang mit Menschen finde ich reizvoll. Daher der Appell an alle Jurastudenten oder die, die es werden wollen: Auch wenn das Studium hart ist, es lohnt sich durchzuhalten. Die Arbeit als Jurist in der Praxis ist großartig!
Sind Sie als Amtsgerichtsleiter nun überwiegend außerhalb des Gerichtssaales am Schreibtisch beschäftigt? Und: Geht mit diesem Posten nicht der unmittelbare Kontakt zu Menschen mehr und mehr verloren?
Auch als Leiter des Amtsgerichts bin ich ungefähr zur Hälfte als Richter mit eigenen Fällen befasst. Daher ist der Anteil am Schreibtisch nur etwas gewachsen. Zudem ist man als Direktor auch mit Personalangelegenheiten beschäftigt und hat daher mehr Kontakt zu seinen Mitarbeitern, als dies als Richter der Fall ist.
Abschließend der obligatorische Blick nach vorne: Welche Prognose haben Sie, was die Kriminalität im Landkreis FRG betrifft und letztlich am Amtsgericht Freyung aufschlägt?
Wenn man die Zahlen der Schleusungen und der illegalen Migration rausrechnet, ist die Anzahl der übrigen Straftaten in den vergangenen Jahren im Landkreis eher gesunken. Da die illegale Migration und die Zahl der Schleusungen deutlich zurückgegangen sind, werden die Straftaten eher rückläufig bleiben. Es verbleiben aber trotzdem noch genügend Fälle, die meine Kollegin und ich abzuarbeiten haben.
Freyung ist kein Sprungbrett
Amtsgerichtleiter in Freyung – geht noch mehr? Soll noch mehr für Sie gehen?
Ich bin gerade mal zwei Monate im Amt und mache mir diesbezüglich keine Gedanken. Sagen kann ich aber bereits, dass ich als Amtsgerichtsdirektor in Freyung eine der schönsten Stellen in der Bayerischen Justiz und meine persönliche Traumstelle innehabe. Ich bin hier nicht angetreten, um die Stelle als Sprungbrett zu nutzen. Die ersten beiden Monate haben mir unglaublich viel Spaß gemacht. Ich kann mir daher gut vorstellen, hier in Pension zu gehen. Aber bis dahin habe ich – so Gott will – noch einige Jahre vor mir. Und man weiß nie, wie sich die Umstände entwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch – und alles Gute für die Zukunft!
Interview: Helmut Weigerstorfer








