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Zwiesel. Gut zwei Wochen ist es her, dass der erste Christopher Street Day (CSD) im Landkreis Regen stattgefunden hat. Dabei zogen rund 400 Menschen mit Regenbogenflaggen und Protestbannern vom Zwieseler Stadtplatz zum Angerpark, um ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz zu setzen (da Hog’n berichtete).

Eine bunte Menge an CSD-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern versammelte sich am 1. September 2025 in der Glasstadt Zwiesel.

Bereits im Vorfeld stieß die Veranstaltung auf viel Zustimmung und Unterstützung, jedoch auch auf offene Anfeindungen und beleidigende Hasskommentare in den sog. Sozialen Netzwerken. Eine gewisse gesellschaftliche Spaltung trat – einmal mehr – zu Tage.

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Nun, nachdem sich die Gemüter wieder etwas beruhigt haben, hat das Onlinemagazin da Hog’n mit Sonja Gerrmann, Andreas Herrmann und Brian Lobo, drei der Organisatoren, auf den ersten „Woid-CSD“ zurückgeblickt. Deren Resümee fällt grundsätzlich positiv aus, doch es gibt auch Vorschläge zur Verbesserung und Diskussionsbedarf. Hinsichtlich der Frage, wie politisch eine Veranstaltung wie der Christopher Street Day sein darf, sind sich jedoch alle einig…

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„Jeder im Team hat sein Bestes gegeben“

„Das war der Wahnsinn!“: Mitorganisatorin Sonja Gerrmann ist auch zwei Wochen nach dem ersten CSD in Zwiesel noch begeistert von der Teilnehmermenge.

„Ich war zu Tränen gerührt“, beginnt Sonja Gerrmann zu erzählen und ergänzt: „Als wir den Stadtplatz hinuntermarschiert sind, uns dann umgedreht haben und da nur noch eine große Menschenmenge zu sehen war – das war der Wahnsinn!“ Gerrmann fungierte als eine der Mitorganisatorinnen aus dem erst vor kurzem gegründeten Verein „Omas und Opas gegen Rechts Landkreis Regen“, der die Idee zum ersten CSD im Landkreis Regen hatte und neben dem Kulturverein „Oberstübchen e.V.“ als Hauptorganisator der Veranstaltung in Erscheinung trat. „Wir haben anfangs damit gerechnet, dass etwa 50 bis 100 Leute kommen würden. Doch dann zeichnete sich ab, dass es auch ein paar mehr werden könnten. Aber dieses Ausmaß – das haben wir im Leben nicht vermutet“, erklärt sie voller Freude.

Positiv überrascht war auch Andreas Herrmann, der ebenfalls bei „Omas und Opas gegen Rechts“ aktiv war und als Versammlungsleiter den CSD vor dem Zwieseler Rathaus feierlich eröffnet hat: „Ich war schon sehr geflasht – überwältigt sogar. Alle meine Erwartungen an den Tag wurden übertroffen.“ Auch Brian Lobo, erster Vorsitzender des Oberstübchen e.V., zeigt sich mit dem Verlauf zufrieden: „Sonnenschein, nicht zu warm, überwiegend positive Vibes – und das alles für eine sehr gute Sache. Was will man mehr?“ Dass am Veranstaltungstag alles so gut funktioniert habe, sei insbesondere auch der Zusammenarbeit zwischen den beiden Vereinen zu verdanken gewesen.

„Das waren wirklich sehr intensive zwei Monate der Vorbereitung, die wir da zusammen durchlebt haben. Ich bin froh, dass wir’s gut und erfolgreich über die Bühne gebracht haben – doch es war sehr kräftezehrend“, beurteilt Gerrmann und fügt hinzu: „Für uns war das alles völliges Neuland, aber irgendwer hat dann doch immer gewusst, was wir wie machen müssen – und dann ist es wieder weitergegangen.“ Auch Lobo betont die Unermüdlichkeit der einzelnen Organisatoren: „Jeder im Team hat sein Bestes gegeben, obwohl viele gleichzeitig auch noch eigene Sachen erledigen mussten – und das alles rein ehrenamtlich!“ Für zusätzliche Unterstützung von Akteuren wie dem Jugendcafé Zwiesel oder dem Verein „Queer in Niederbayern“ sei  man sehr dankbar gewesen.

„Erschreckend, welches Polizeiaufgebot dafür notwendig ist“

Trotz aller Freude auf Seiten der Organisatoren und Teilnehmer gab es von Anfang an Kritik und teils offene Anfeindungen aus der Bevölkerung. Am Veranstaltungstag selbst kam es zu einigen Zwischenfällen wie etwa einem „Heil-Hitler“-Ruf an der Angerstraße und einer kleinen Gegendemo am Eingang zum Angerpark, bei der die Gegendemonstranten die öffentlichen Toiletten besetzten. Zudem haben sich auf dem Ziegelwiesen-Parkplatz gegenüber des Veranstaltungsgeländes Gruppen von Autofahrern, die ihre Fahrzeuge zuvor mit Deutschlandfahnen versehen hatten, versammelt, um abreisende CSD-Teilnehmer einzuschüchtern.

„Zum Glück war die ganze Zeit sehr viel Polizei anwesend, die hat gut auf uns aufgepasst.“

Gerrmann berichtet darüber hinaus von einem Zwischenruf, den sie bei der Parade vernommen hatte: „Ihr Kindermörder“ habe ihr zufolge jemand in die Menge gerufen. Nach dem Ende sei es zu weiteren Einschüchterungsversuchen gekommen, wie Gerrmann schildert: „Uns haben einige Leute erzählt, dass sie auf dem Nachhauseweg verbal angegriffen worden sind.“

Den Organisatoren sein von Anfang an klar gewesen, mit welchem Gegenwind sie auch am Veranstaltungstag selbst zu rechnen hatten – entsprechend viele Polizeibeamte waren daher in Zwiesel präsent. Andreas Herrmann „hätte sogar mit noch mehr Gegenwind gerechnet“, wie er sagt. Und Sonja Gerrmann fügt hinzu: „Wir hatten wirklich Angst. Deshalb wurde schon bei der Begrüßung darauf hingewiesen, dass niemand allein nach Hause gehen soll. Zum Glück war die ganze Zeit sehr viel Polizei anwesend, die hat gut auf uns aufgepasst.“

Ebenso löblich hebt sie das Handeln der Polizei hervor, als diese die Gegendemo vor den öffentlichen Toiletten aufgelöst hatte. Traurig hingegen stimme sie folgender Umstand: „Letztlich ging es nur um den Schutz der Teilnehmer vor Leuten aus der rechten Szene. Ich finde es erschreckend, welches Polizeiaufgebot heute wegen so einer harmlosen Veranstaltung notwendig ist.“ Gleichzeitig bekräftigt sie: „Wir als Organisatoren haben uns natürlich für die Sicherheit der Teilnehmer auch verantwortlich gefühlt.“

Wie politisch darf ein CSD sein?

Zu etwaigen Anfeindungen gegen die einzelnen Organisatoren sei es zumindest nach der Veranstaltung – abgesehen von negativen Social-Media-Kommentaren – nicht mehr gekommen, bestätigen Gerrmann und Herrmann unisono. Doch dafür gab es teilweise ganz andere Kritik am CSD in Zwiesel, wie ein Blick in die Hog’n-Facebook-Kommentarspalte zur Berichterstattung vom 1. September zeigt:

Mehrere User störten sich etwa an dem bei der Parade von manchen Teilnehmern skandierten Ruf „Da Woid is bunt, Nazis raus!“ sowie an der allgemeinen politischen Ausrichtung der Veranstaltung. Eine Nutzerin schrieb beispielsweise: „Für mich war der CSD immer eine große Parade mit viel Fun, aber das gestern war mehr eine Demonstration versteckt unter dem Pseudonym CSD“. Ein anderer kommentierte: „Hier wurde der Name ‚CSD‘ absolut zweckentfremdet. Der CSD wird von den Lesben und Schwulen gefeiert und nicht mit ‚Nazis raus‘ oder ‚Alerta, Alerta‘ verschmutzt!

Neben vielen Regenbogen-Flaggen waren unter anderem auch vereinzelte Fahnen der Partei „Die LINKE“ und der Grünen zu sehen.

Auf Nachfrage sind sich Brian Lobo, Andreas Herrmann und Sonja Gerrmann einig: Ein CSD dürfe aus ihrer Sicht nicht nur politisch sein, er müsse es sogar. Lobo besinnt sich dabei auf den Ursprung der Veranstaltung im Jahr 1969 zurück und erklärt: „The first Pride was a Riot – der erste und jeder weitere CSD ist grundsätzlich politisch. Ursprünglich entstand er als Protest gegen Diskriminierung, Polizeigewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung von LGBTQ+-Personen. Politisch steht der CSD seither für die Forderung nach Gleichberechtigung, Menschenrechten und gegen jede Form von Hass und Intoleranz.“

Auch heute verbinde der CSD Lobo zufolge deshalb Spaß und Feierlichkeit mit einer klaren politischen Botschaft und einem Engagement für soziale Gerechtigkeit und Vielfalt. Herrmann betont, dass es in seinen Augen aktuell sogar wichtiger denn je sei, einen CSD politisch zu gestalten: „Nachdem unsere Bundestagspräsidentin Frau Klöckner Regenbogenflaggen am Bundestag und in den dortigen Arbeitsräumen verboten hat, ist ein CSD ja schon fast von sich aus politisch. Und letztlich geht es dabei ja um die Sichtbarkeit queerer Menschen und um deren im Grundgesetz zugesicherte Freiheit, sich frei entfalten zu dürfen. Wenn das dann alles aber über Umwege wieder eingeschränkt und sogar negativ konnotiert wird, dann ist es umso wichtiger, dass ein CSD politisch ist.“

Gerrmann führt noch einen weiteren Grund dafür an, weshalb eine derartige Veranstaltung grundsätzlich politisch ausgerichtet sei: „Es geht um Zusammenhalt, um Toleranz, um Menschenwürde – lauter Dinge, die im Grundgesetz verankert sind. Und ich finde das Grundgesetz ist immer eine politische Sache, denn die Würde des Menschen ist schließlich unantastbar.“ Sie betont zudem die tiefergehende, symbolische Bedeutung eines jeden CSDs: „Da geht es nicht nur um eine Show, sondern man will ja auch etwas vermitteln. Wir wollen damit zeigen, dass wir tolerant sind und jeden so akzeptieren, wie er ist.“

Was wird beim nächsten CSD im Landkreis Regen anders?

„Ich würde es sofort wieder machen“, resümiert CSD-Versammlungsleiter Andreas Herrmann (links im Bild).

So zufrieden die Organisatoren insgesamt auch mit der Veranstaltung waren – einiges ist nicht so verlaufen, wie ursprünglich geplant: „Was wirklich stark missglückt ist, war die Länge der gehaltenen Reden. Niemand sollte länger als zehn Minuten reden, weil ja so viele Redner angekündigt waren. Doch leider hat sich daran fast niemand gehalten – und viele Zuhörer sind gleich wieder gegangen. Wir hätten zwischendurch mehr Musik und Bewegung reinbringen müssen“, zeigt sich Gerrmann selbstkritisch. Einen allgemeinen Verbesserungspunkt für den nächsten CSD sieht Herrmann daher in der Kommunikation unter den einzelnen Akteuren.

Dass es im Landkreis Regen und im Bayerischen Wald künftig weitere CSDs geben wird, stehe für die beiden außer Frage. In welchen Städten diese dann stattfinden, sei allerdings noch unklar. Gerade dem Verein „Omas und Opas gegen Rechts Landkreis Regen“ sei es zu ihrem Namen passend wichtig, nicht nur in einzelnen Orten aktiv zu sein, sondern sich möglichst in der gesamten Region für Vielfalt und Offenheit einzusetzen.

Und auch Brian Lobo vom Oberstübchen hofft, dass durch zukünftige Events „etwas Nachhaltiges entsteht, das die Vernetzung innerhalb der queeren Community im Bayerischen Wald stärkt“. Wer Interesse daran habe „mitzumachen und gemeinsam eine offene und vielfältige Gesellschaft zu fördern“, sei daher eingeladen, mit dem Oberstübchen Kontakt aufzunehmen, wie Lobo betont. Und Herrmann fügt selbstsicher hinzu: „Ich würde es sofort wieder machen. Ich finde, dass gerade der persönliche Einsatz, sich für die Gesellschaft zu engagieren und für die Demokratie einzustehen, so wichtig ist, dass man dazu niemals Nein sagen darf.“

Florian Fink


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