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Schwitzen im Sitzen: Gerti Gehrs Bühnenprogramm hat es in sich. Fotos: Hannelore Summer

Lindberg. „Bedingungslos quase“ – das müssen sie noch üben! Ganz zufrieden ist Gerti Gehr mit ihrem Publikum noch nicht. Erst einmal die Damen als Vorbild für die Herren laut und deutlich: „Bedingungslos!“ Und dann die Herren. Aber die wissen nicht so recht, ob sie jetzt auch „Bedingungslos“ sagen oder gleich mit „Quase“ antworten sollen.

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Vorsichtshalber sagt jeder einfach laut „bedingungslos“ und „quase“ und alles ist ein großer Spaß. Einfach mal „bedingungslos“ und „quase“ zu rufen, so wie man meint, es könnte passen. Die Stimmung ist ausgelassen. Martina Eder hat gut gekocht: Hirschgulasch oder Salat mit Kürbis, das Bier schmeckt, Alkoholfreies auch. In der Halle des SV Finsterau ist es bacherlwarm an diesem stürmischen Regenabend im Frühherbst.

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Gerti Gehr arbeitet hart im Scheinwerferlicht auf der Bühne. Auf ihrer Visitenkarte steht: Kabarett und vieles mehr. Mit ausdrucksvollem, manchmal groteskem Mienenspiel hält sie das Publikum gefangen. Man kommt kaum mit, so schnell wechselt die Stimmung in ihrem Gesicht. Vordergründig geht es um Schuhe, aber eigentlich geht es ums Leben.

Von Kallmünz nach Lindberg

Vordergründig geht es um Schuhe, aber eigentlich geht es ums Leben.

„Kabarett spiegelt“, sagt Gehr im Interview. Sie biete sich an, als Projektionsfläche. Wer sich wiederfindet, könne herzlich lachen oder auch Anregungen mitnehmen: Wenn der Schuh drückt, kann man ihn ja auch ausziehen. „The Show must go on“, so oder so. Auf oberpfälzisch klingt Schuh – „Schou“ – wie „Show“.

„Die Gerti ist eine Rampensau“ sagt Christine Nirschl, eine Freundin. Sie haben gemeinsam am Auftritt gefeilt. Doch wie sah der Weg auf die Bühne aus? „So mit 18, 19 bin ich mit meinem Freund aus Kallmünz in der Oberpfalz weg und nach Lindberg in den Bayerischen Wald gezogen. Er war beim Bundesgrenzschutz und wurde von Schwandorf nach Zwiesel versetzt.“ Für die gelernte Hotelfachfrau gab es auch hier Arbeit. Der Wald, die Natur, die Leute – das war kein Fehler, sagt sie heute.

Um Leute kennenzulernen, ist Gerti Gehr zum Zwiesler Dilettanten-Verein e. V. dazu gegangen, eine Laienspielgruppe mit langer Tradition. Da war sie gleich zu Hause, hat viele Fortbildungen besucht: Improvisation, Bühnensprache. Irgendwann kam der Wunsch, selber etwas zu schreiben. „Packe deinen Koffer und geh deinen Weg“, hat der Dozent nur gesagt.

In Finsterau stöckelt Gerti Gehr durch die Zuschauerreihen auf die Bühne, lässt die Leute ihren Regiestuhl tragen und weitergeben. „Geht scho“, stöhnt sie, „jetzt sind wir da!“ So einfach ist Gehen mit den silbernen hochhackigen Schühchen aber nicht. „Geht scho“, sagt sie, wer schön sein will, muss leiden. Und manchen Schuh muss man sich halt einfach anziehen, wenn man etwas darstellen will – auch wenn er drückt.

Alkohol, Missbrauch, Gewalt

Das Wintersportzentrum in Finsterau – auch ein kultureller Anlaufpunkt.

Oder man zieht den Schuh aus. Das kann man schnell so nebenbei machen oder zelebrieren. Einmal Schuh ausziehen, drei Botschaften, drei Verrenkungen, drei Lacher. Auch weil in den Socken riesige Löcher sind. Macht doch nichts – oder ist man deswegen ein schlechterer Mensch? Was bedeutet ein Loch in der Socke? Dass man eine nachlässige Hausfrau ist oder dass man gerade viel erlebt hat, die Socken durchgewetzt auf dem Weg durchs Leben?

Einfach war der Weg von Gerti Gehr nicht. Als sie, jüngstes von sechs Kindern, ein Jahr alt war, hat die Polizei den Vater abgeholt. Alkohol, Missbrauch, Gewalt. Die Mutter, im Ort geschätzt als fleißige und großzügige Frau, hat in einem Metzgerei-Gasthof gearbeitet. Viel hat sie da nicht verdient. „Wir haben nie gehungert, die Mama hat immer etwas von der Arbeit mit nach Hause gebracht“, erinnert sie sich. Aber es sei nie sicher gewesen, ob sie die Stromrechnung bezahlen konnte.

Gehr hat früh schwimmen gelernt im Leben und immer wieder helfende Hände erlebt. Ein Lehrer etwa, hat ihr ein Schulbuch auf den Tisch gelegt und gesagt: „Passt scho“. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, da ist eine Hand, die hält mich, mir kann nichts passieren“, blickt sie zurück.

Unterwegs mit Gloria Gray und Helmut Brunner

Oder einen kleinen Stern, a Sterndal, in der Tasche. Das war das erste Gedicht (siehe unten), das ihr eingefallen ist – oder aus ihr herausgefallen. Sie hat geputzt, der Staubsauger ist die Treppe heruntergefallen und in tausend Stücke zerbrochen. Da ist es doch gut, wenn man ein Sternchen in der Tasche hat, das von innen heraus strahlt. So entstand ihr Gedicht A Sterndal. Irgendwann hat Gehr nur noch geschrieben.

„Bedingungslos quase“ ist das achte Kabarettprogramm. Mit Gloria Gray stand sie schon auf der Bühne und als Irrwurz mit dem damaligen Minister Helmut Brunner auf der grünen Woche in Berlin. Für den Verein Regentalbahn war Gerti Gehr mit den Zugvögeln unterwegs, für die Zwieseler Glastage ist sie „in Scherbnhaffa einegfalln“, ab diesem Sommer besucht sie Kranke als Klinikclown. Manchmal steht ihre Tochter Julia mit auf der Bühne und singt.

Das Auftaktkabarett für die Landesausstellung 2007 in Zwiesel zu 1.500 Jahren Nachbarschaft Bayern-Böhmen, stammt von Gerti Gehr, Starkbieranstiche, und, und, und. Und Texte für private Feiern. „Das mag ich besonders gerne“, sagt sie. Wenn dann alle im Saal sitzen und weinen, weil sie so angerührt sind. „In jedem Leben finde ich ein liebevolles Funkeln“, sagt Gehr. Und das möchte sie sichtbar machen. Bedingungslos quase! Und da merkt man, dass die Schuhe passen und sie durchs Leben tragen.

Hannelore Summer

(Erstveröffentlichung in: Schöner Bayerischer Wald)

A Sterndal

 

I hob a Sterndal in meina Taschn drin.

und wennsd as mal brauchst, dann leig es da aus.

Es braucht ned viel, es will nur oans,

und des is as Lebn, grod heraus.

Wennsd jemand triffst, ders aa amol braucht,

dann gibs ruhig her, dann strahlts no mehr.

Es is so kloa und doch iss so grouß,

es strahlt heraus vom Lichtermeer.

Schaus o und gfrei de, schaus o und gfrei de.

Ma ko net alls sehng,

doch alls ko ma gspiern und nie mehr verliern.

Des Sterndal, des war einfach a Stoa,

und scho is nix mehr wia zuvor!


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