Prag/Freyung. „Ich werde mich wohl bis an mein Lebensende mit der politischen, der wissenschaftlichen und auch mit der uns selbst innewohnenden Grenze beschäftigen“, sagte Lenka Ovčáčková im Hog’n-Interview, das vor ziemlich genau zehn Jahren stattgefunden hat. „Die Überwindung von Grenzen ist seit 20 Jahren ein zentrales Thema in meinem Leben“, betont sie heute.

Lenka Ovčáčková ist seit 2005 im dokumentarfilmerischen Bereich tätig. Das Onlinemagazin da Hog’n berichtete bereits mehrmals über ihr Schaffen. Seit 2016 ist die 48-Jährige als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften der Karls-Universität in Prag beschäftigt.
Wir haben uns mit ihr über ihren neuen und mittlerweile 14. Dokumentarfilm namens „Das Licht für die Zukunft“ unterhalten, in dem es – wie so oft – um das Thema Grenze geht. Dabei stehen die Lebensgeschichten dreier Frauen im Mittelpunkt, die alle aus deutschsprachigen Familien stammen und den Zweiten Weltkrieg erlebt haben: in Hüttenhof im Böhmerwald, in Kaplitz im Gratzener Bergland sowie in Brünn in Mähren (hier geht’s zum Trailer).
Der Film
Lenka: Erzähl bitte unseren Lesern kurz und knapp zusammengefasst, worum es in deinem neuen Dokumentarfilm mit dem Titel „Das Licht für die Zukunft“ geht.

Der zweisprachige tschechisch-deutsch-österreichische Dokumentarfilm Das Licht für die Zukunft / Světlo pro budoucnost stellt die grenzüberschreitenden Schicksale dreier heute 90-jähriger Zeitzeuginnen tiefgründig und ganzheitlich dar und fügt damit einen weiteren Mosaikstein zu einer wichtigen Reflexion der gemeinsamen deutsch-tschechisch-österreichischen Geschichte hinzu.
Nach 1945 wurde die Kontinuität des Lebens jener damals unschuldigen Kinder durch die dramatischen politischen Ereignisse der Vertreibung unterbrochen, die dazu führten, dass sie ihr Leben in verschiedenen Ländern fortsetzten. Emmas Familie wurde nicht vertrieben und blieb in der Tschechoslowakei, Elfriede floh mit ihren Eltern und Geschwistern nach Österreich – und Ewa hatte das Glück, mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Bruder dem Konzentrationslager in Brünn zu entkommen und sich in Bayern niederzulassen.
Trotz ihrer schwierigen Lebensumstände engagieren sich alle drei Zeitzeuginnen auf vielen Ebenen für den deutsch-tschechischen und österreichisch-tschechischen Dialog und bereiten trotz ihres hohen Alters den Boden für eine gemeinsame grenzüberschreitende Zukunft. Umrahmt wird der Dokumentarfilm von Zitaten aus den Schriften des Renaissance-Philosophen, Theologen und Arztes Marsilio Ficino.
Drei starke Frauen und eine enge Freundschaft
Berichte uns, was Dich dazu motiviert hat, diesen Film zu realisieren? Was war Dein Antrieb?
Die Motivation, einen Dokumentarfilm mit den drei bemerkenswerten Zeitzeuginnen zu drehen, geht auf unsere langjährige Freundschaft zurück. Emma lernte ich bei den Dreharbeiten zu meinem Dokumentarfilm Tiefe Kontraste (2015) kennen, Elfriede traf ich bei einem Interview für meinen Dokumentarfilm Im Einen Alles, im All nur Eines (2017) – und Ewa lernte ich vor etwa acht Jahren bei einer Tagung in Olmütz kennen, bei der ich einen Vortrag über die Rolle der Frauen im deutsch-tschechischen historischen Kontext hielt.

Unsere erste Begegnung war in allen Fällen der Grundstein für eine feste Freundschaft. Mit der Zeit wurde mir immer bewusster, wie besonders diese drei Frauen sind und welche Lebensweisheiten sie in sich tragen. In diesem Wahrnehmungsprozess reifte nach und nach die Idee in mir, ihre Kindheitserinnerungen, ihr Schicksal und ihre wichtigen, versöhnlichen Botschaften im Dokumentarfilm Das Licht für die Zukunft festzuhalten.
Die drei Protagonistinnen erzählen von ihren Schicksalen, von Vertreibung, Krieg, Not und Entbehrungen. Wie sehr haben dich die Geschichten der drei Zeitzeuginnen bewegt?
Die hautnahe Konfrontation mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei begleitet mich seit 20 Jahren und manifestiert sich in vielen meiner Dokumentarfilme. Sowohl während der Filminterviews als auch in den fast 120 Diskussionen, die nach den Filmvorführungen folgten, habe ich sehr viele harte Lebensschicksale kennengelernt.
Durch Elfriede, Ewa und Emma hat sich meine Erfahrungswelt in dieser Hinsicht jedoch wesentlich erweitert. Aufgrund unserer intensiven Begegnungen während der Dreharbeiten und der Tatsache, dass sich der Film nur auf drei Personen konzentriert, war die Konfrontation mit den schwierigen Lebenssituationen für mich noch tiefgehender und bewegender. Am meisten hat mich die besondere Stärke dieser drei Frauen fasziniert. Sie ermöglichte es ihnen, mit dem harten Schicksal, vertrieben worden zu sein, sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter umzugehen, es zu verarbeiten und gleichzeitig wichtige Schritte auf dem Weg zu einem versöhnlichen Dialog zu gehen.
„Hoffe sehr, dass mir dieses Vorhaben gelungen ist“
Welche besonderen Herausforderungen gab es bei der Realisierung des Dokumentarfilms?
Die größte Herausforderung war für mich die Notwendigkeit, freie Zeiträume für die Produktion des Filmes zu finden. Aufgrund meiner Vollzeitstelle am Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte der Naturwissenschaften an der Karls-Universität Prag war mein Zeitpotenzial sehr begrenzt. Die Studioarbeiten konnte ich daher nur abends und am Wochenende vorantreiben. Da ich meine Filme von Anfang bis zum Ende allein mache, hat dieser Prozess sehr lange gedauert.

Andererseits wurde mir durch dieses langsame Entstehen viel Zeit zur Reflexion der einzelnen Filmsequenzen und der gesamten Filmform gegeben. Der notwendige Arbeitsfleiß hat mir nicht gefehlt, da ich kontinuierlich an meine drei Zeitzeuginnen gedacht habe – insbesondere daran, wie sie den fertigen Film reflektieren werden.
Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?
Die ersten Filminterviews haben wir im Sommer 2023 durchgeführt, die intensivste Arbeitsperiode ergab sich jedoch das letzte Jahr vor der Filmpremiere am 21. Mai 2025 in der Prager Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik. In dieser Zeit ging es darum, aus einer groben Fassung des Films mit einer Länge von rund zehn Stunden eine einstündige, in sich runde und nach außen strahlende Filmform zu schaffen. Ich hoffe sehr, dass mir dieses Vorhaben gelungen ist.
Wie bist du in Sachen Drehbuch vorgegangen? Hattest du gewisse Ideen bereits im Kopf? Oder hat es sich aus den Gesprächen mit den drei Frauen ergeben?
Beim Schaffen meiner Dokumentarfilme verwende ich nie ein Drehbuch, sondern trage das dynamische und offene Drehbuch nur in meinem Kopf. Am Anfang steht immer eine Idee, eine Botschaft, die im Laufe des Entstehungsprozesses des Films, d. h. durch die einzelnen Aussagen der Interview-Partner und -Partnerinnen, immer weiter bereichert wird. Wissenschaftlich ausgedrückt kommen die Methoden der Oral History und der phänomenologischen interpretativen Analyse zum Einsatz.
Diese Art, Dokumentarfilme zu machen, ermöglicht es mir einerseits, die Vielfalt der Lebenserfahrungen abzubilden, und andererseits, mich nicht durch meine eigenen Vorstellungen und Interpretationen beeinflussen zu lassen. Dabei ist es jedoch essenziell, über umfangreiche Kenntnisse der deutsch-tschechischen und österreichisch-tschechischen Geschichte zu verfügen. Auch bei meinem neuesten Film war es nicht anders.
„Schwarz-weiße Sicht auf Geschichte und Gegenwart vermeiden“
Welcher Moment bzw. welche Momente sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Für immer in Erinnerung bleiben mir die fröhlichen und liebevollen Treffen mit allen drei Zeitzeuginnen im Zuge der Dreharbeiten, der Fotoauswahl und weiterer Gespräche. Obwohl wir vor und hinter der Kamera schwierige Themen besprochen haben, waren unsere Treffen von viel Licht und Leichtigkeit geprägt.
Die Grenze zwischen den Ländern Tschechien, Bayern und Österreich ist ein immer wiederkehrendes Thema Deines filmischen Schaffens. Vor allem die Überwindung/die Überschreitung dieser Grenzen steht dabei im Mittelpunkt. Warum ist Dir das so wichtig?
Die Überwindung von Grenzen ist seit 20 Jahren ein zentrales Thema in meinem Leben. Dies spiegelt sich nicht nur in meinen 14 Dokumentarfilmen, sondern auch in meiner wissenschaftshistorischen und philosophischen Tätigkeit an der Karls-Universität Prag wider. Im Vordergrund meines Engagements steht der Wunsch, eine schwarz-weiße Sicht auf Geschichte und Gegenwart zu vermeiden, um eine vielschichtige, interdisziplinäre Herangehensweise zu unterstützen und einen offenen, grenzüberschreitenden Dialog zu fördern.
Im wissenschaftshistorischen und philosophischen Bereich konzentriere ich mich auf Ereignisse und die Tätigkeit von Persönlichkeiten, die den grenzüberschreitenden Dialog seit dem Mittelalter geprägt haben. Gleichzeitig ist es mir ein großes Anliegen, eine interdisziplinäre und holistische Sichtweise in den Wissenschaften zu entwickeln, um deren nach wie vor allzu harten Grenzen abzubauen. Meine Dokumentarfilme und die Diskussionen nach den Filmvorführungen mögen eine Basis für eine aktive, bewusste und zweisprachige Konfrontation mit Geschichte und Gegenwart in der Grenzregion bieten. Letztlich zielen beide Bereiche meines Engagements auf den Aufbau einer gemeinsamen, grenzüberschreitenden Plattform für die Zukunft, um zu verhindern, dass sich derlei fatale historische Ereignisse wiederholen.
„Teils unangenehme Grenzkontrollen ein schlechtes Zeichen“
Wenn du die aktuelle Grenzsituation zwischen den drei Ländern betrachtest und sie mit der Situation von vor 30 Jahren vergleichst: Was hat sich verändert? Was hat sich verbessert? Was sich verschlechtert?

In den vergangenen 30 Jahren ist es nach und nach auf natürliche Weise selbstverständlich geworden, sich an der Grenze zwischen Deutschland, Tschechien und Österreich frei zu bewegen – sei es aus beruflichen Gründen, für den Tourismus oder aus Neugier. Eine andere Ebene stellt die aktiv gelebte Auseinandersetzung mit geschichtlichen und kulturellen Ereignissen auf beiden Seiten der Grenze dar. Sie ermöglicht einen bewussten, tiefgehenden und offenen Dialog, in den die Subjektivität des Erlebens eingebracht werden sollte, ohne dabei die Plattform für das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren.
Diese Art von Reflexionen wurde in den letzten Jahren durch viele grenzüberschreitende Initiativen intensiviert, die auch finanzielle Unterstützung gefunden haben. In diesem Kontext ist der wichtige finanzielle Beitrag des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds zu erwähnen, der ebenfalls acht grenzüberschreitende Filmpräsentationen meines neuen Dokumentarfilms – gemeinsam mit der Repräsentanz des Freistaats Bayern in der Tschechischen Republik – finanziell unterstützt. Und es ist sehr wichtig, daran festzuhalten und diese Prozesse weiter voranzutreiben.
Die Gefahr besteht darin, den weiteren Dialog nicht mehr zu unterstützen und sich wieder hinter der Grenze abzuschließen. Die teilweise unangenehmen Kontrollen an der österreichischen und der deutschen Grenze in den letzten eineinhalb Jahren sind für mich ein schlechtes Zeichen, obwohl die Hintergründe über Europa hinausreichen.
„Noch nie von Vertreibung deutschsprachiger Bevölkerung gehört“
Denkst Du, dass die heutigen Generationen von Tschechen, Deutschen und Österreichern positiv in die Zukunft blicken können, was das Zusammenleben betrifft? Oder denkst Du, dass auch sie sich künftig noch mit gewissen „Altlasten“ aus der Vergangenheit auseinandersetzen müssen?

Einerseits nehme ich wahr, wie selbstverständlich die grenzüberschreitende deutsch-tschechische und österreichisch-tschechische Realität gelebt wird, ohne dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Andererseits gibt es nach wie vor Themen, die nicht ausreichend bearbeitet wurden oder schlichtweg vergessen sind.
Einige junge Leute haben mir nach den Filmvorführungen von Das Licht für die Zukunft erzählt, dass sie noch nie etwas über die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei gehört haben – maximal am Rande durch eine Freundin, deren Familie vertrieben wurde. Meiner Meinung nach ist es aber nach wie vor wichtig, den Erinnerungsansatz auf eine nicht beschuldigende, d. h. eine offene, ausgeglichene und in die gemeinsame Zukunft blickende Weise zu pflegen. Dies gelingt am besten, wenn viel erzählt, zugehört und diskutiert wird – und die bereits erwähnte schwarz-weiße Reflexion der Geschichte und Gegenwart beseitigt wird.
Abschließend: Was wünschst Du Dir persönlich, wenn es um die Frage geht, wie sich Europas Grenzen künftig entwickeln werden? Ist ein völlig grenzenloses Europa vorstellbar?
Ich hoffe sehr, dass wir in Zukunft in einem gemeinsamen Europa leben können, in dem die für die einzelnen Länder und konkreten Menschen typische und bereichernde Vielfalt reflektiert und respektvoll weiterentwickelt wird. Diese vielschichtige und gleichzeitig interdisziplinäre Herangehensweise an das „gemeinsame in Europa“ ermöglicht es, eine dynamische Stabilität des Zusammenlebens zu fördern und bewusst zu pflegen.
Vielen Dank für Deine Zeit, Lenka – und weiterhin alles Gute!
die Fragen stellte: Stephan Hörhammer








