Oberseilberg. Der Erste Weltkrieg und der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise haben vor knapp 100 Jahren auch die hiesigen Bewohner im Bayerwald mit voller Wucht getroffen. Einzelne Familien hatten in der damaligen Zeit auch noch mit dem Verlust ihrer Häuser und Habseligkeiten durch Brandereignisse zu kämpfen. Ein Beispiel aus Oberseilberg in der Gemeinde Grainet zeigt eindrucksvoll, wie sich Betroffene durch Zusammenhalt und Willen dennoch nicht von einem Neuanfang abschrecken ließen.
Die betroffenen Häuser und Familien
Der „Moaxt-Hof“ von Oberseilberg trug früher die Haus-Nummer 3 und zählte zu den stattlichsten Anwesen im Dorf mit ausgedehntem Grundbesitz. Der Vierseithof wurde über zwei Jahrhunderte von der Familie Schmeizl bewirtschaftet. Franz Xaver Schmeizl, 1901 mit 72 Jahren verstorben, galt als angesehener Ökonom und Gönner der damals neu errichteten Wallfahrtskapelle in Kohlstattbrunn.
Mit dem Ende der 1910er-Jahre wird die Hofstelle in kurzen Zeitabständen mehrmals veräußert. Die „Bayerische-Siedlung und -Landkauf“ erwirbt ihn 1925 mit über 40 Hektar Grund. Die forst- und landwirtschaftliche Fläche wurde zuvor von Familie Schmeizl durch Zukäufe vergrößert. Zwei Jahre später erwerben Franz und Maria Pisinger Haus Nr. 3 mit weniger als 30 Hektar Grund. Die Eheleute Pisinger wuchsen bereits in der Gegend des bairisch-böhmischen Grenzgebiets auf und waren vor dem Erwerb im Rottal ansässig.

Das benachbarte „Lenzen-Gut“ trug die Haus-Nummer 2. Es wurde 1861 von Paul Scherer erworben, der zuvor in der Pfarrei Hohenau beheimatet war. Die Nachfolge trat sein Sohn Ludwig mit Ehefrau Antonia Seibold an. Im Ersten Weltkrieg traf es Familie Scherer besonders schwer, denn sie hatte den Verlust von gleich drei Söhnen zu verkraften. Die Brüder Martin und Alois wurden nur 19 und 26 Jahre alt. Bevor sie eingezogen wurden, waren sie als landwirtschaftliche Arbeiter tätig. Max Scherer, der in der Passauer Ilzstadt lebte, war von Beruf Zimmermann und starb nach Ende des Krieges an seinen Verwundungen. Dem Heimkehrer Ludwig Scherer II. fiel nun die Aufgabe zu, die elterliche Landwirtschaft in Oberseilberg weiter zu führen.
Ein weiterer Schicksalsschlag war der frühe Tod von Ludwigs Frau Therese Anfang der 1920er-Jahre. Beide hatten mehrere gemeinsame Kinder. Mitte der 20er-Jahre schloss er die Ehe mit Maria Poxleitner und die Familie bekam erneut Zuwachs. Neben den sicherlich spärlichen Erträgen aus der Landwirtschaft, die für die eigene Versorgung herhalten mussten, hat Ludwig sich mit einem Kramerladen und einer Gaststube ein weiteres Standbein aufgebaut. Im Jahr 1926 hat man schließlich die Front des Wohnhauses, an das ein großer Stadel angebaut war, mühevoll mit Schindeln verschlagen. Bestimmt konnten die Scherers nach so vielen Rückschlägen etwas Zufriedenheit empfinden. Doch leider sollte sich herausstellen, dass ihnen eine weitere schwere Prüfung auferlegt werden würde.
1932 – das Jahr des „roten Hahns“ im Wolfsteiner Land
Bereits zu Beginn des Jahres 1932 überschlagen sich in den Heimatzeitungen die Meldungen über Brandereignisse im unteren Bayerischen Wald. Im Dezember des Vorjahres wurden in Böhmzwiesel zwei Stadel eingeäschert. Am 10. Januar brennt es quasi gleichzeitig in zwei Ortschaften. Sowohl in Zimmermandling bei Waldkirchen als auch in Schwendreut bei Grainet wird jeweils ein Haus zerstört. Aus Schwendreut wird über die kommenden zwei Wochen eine regelrechte Brandserie vermeldet, die weitere Gebäude vernichtete und bedeutend zur Abwanderung der Dorfbevölkerung beitrug. Es war auch mit viel Glück verbunden, dass damals keine Todesopfer zu beklagen waren.
Fälschlicherweise wurde ein junger Mann aus dem Nachbarort Oberseilberg der Brandstiftung bezichtigt und im Waldkirchner Gefängnis festgehalten. Weil man in Schwendreut seitens der Bewohner und der Polizei wachsamer wurde, konnte man die eigentliche Brandstifterin in Person einer jungen Frau aus dem Dorf selbst ermitteln. Sie gestand – mit Ausnahme eines Hausbrandes – die Feuer gelegt zu haben. Vorerst kehrte wieder Ruhe in der Gemeinde Grainet ein, die jedoch nicht lange währte.
Die Brandnacht in Oberseilberg
Aufschluss über den Verlauf des Brandereignisses in Oberseilberg geben Mitteilungen der hiesigen Presse und das Brandprotokoll der Freiwilligen Feuerwehr Grainet. Demnach ging am 5. Juli 1932 um 1.15 Uhr die telefonische Alarmierung aus Freyung bei Oberlehrer August Bothschafter ein, der als erfahrener Feuerwehrmann zugleich Bezirksstellvertreter war. Schon um 1.40 Uhr traf er mit seinen Kameraden vor Ort ein und übernahm die Leitung des Einsatzes.

Das Feuer, das sich schnell über den Stadel des Pisinger-Anwesens auf das zugehörige Wohnhaus, das Inhaus Nr. 3 ½ und das nahegelegene Nachbarhaus von Familie Scherer ausbreitete, wurde durch einen Ostwind angefacht. Die Bewohner, die im Schlaf überrascht wurden, mussten sich teilweise durch Sprünge aus dem Fenster retten. Während die Flammen ihre hölzernen Gebäude dahinrafften, konnten sie noch geistesgegenwärtig aber unter großer Gefahr einige Tiere und Gerätschaften retten. Jedoch ging fast das ganze Hab- und Gut verloren.
Der Wehr aus Grainet eilten auch Freiwillige aus Rehberg, Hinterschmiding, Kaining und Vorderfreundorf zur Hilfe. Die Lösch-Trupps aus Ort (bei Freyung) und Fürholz konnten damals bereits mit fortschrittlichen Motorspritzen unterstützen. Die Vielzahl an Männern mit insgesamt acht Spritzen zu koordinieren, dürfte ebenso schwierig gewesen sein wie die Organisation des Löschwassers, das man sicherlich zum Großteil aus dem Tyrobach entnehmen musste. Daneben könnten Hausbrunnen und Teiche der Nachbarn genutzt worden sein. Da die Häuser 2, 3 und 3 ½ schon von den Flammen eingenommen waren, musste die Feuerwehr v.a. ein Übergreifen auf die Nachbargebäude verhindern, was ihr letztlich auch gelang.
Nach knapp drei Stunden war die Gefahr gebannt. Zurück blieben drei steinerne Brandruinen, aus denen die Kamine hoch emporstanden. Deren Bewohner sollen nur geringfügig gegen Brandschäden versichert gewesen sein und mussten nun vorübergehend bei Verwandten und Freunden unterkommen.
Die Nachwirkungen
Die Brandbekämpfer kamen zu dem Schluss, dass das Feuer absichtlich gelegt worden sein muss, zumal sie ja den Hergang der vorherigen Brände, zu denen sie ausrückten, kannten. Letztendlich wurde ein Übeltäter aber nie ausfindig gemacht. August Bothschafter, der durch sein vielseitiges Engagement zum beliebten Gemeinde-Bürger avancierte, starb knapp einen Monat später im Alter von 69 Jahren. Die betroffenen Oberseilberger, die in der Vergangenheit schon viel durchmachen mussten und nun in Not geraten waren, ließen sich jedoch nicht unterkriegen. Sie standen zusammen und bauten ihre Häuser kurz nach der Katastrophe wieder auf. Ihre Nachfahren wohnen bis heute hier.
Simon Hackl










