Werbung

Vimperk/Winterberg. Im Winterberger Museum im benachbarten Böhmerwald gibt es seit Ende Juni eine ganz besondere Ausstellung zu bestaunen. Eine Ausstellung, die einen jahrzehntelang verborgenen Schatz aus den Sammlungen des Winterberger Museums ans Licht bringt – und diesen der Öffentlichkeit erstmals einen Einblick in die faszinierende Welt der Illustrationen aus den Buchkalendern des berühmten Winterberger Verlags Johann Steinbrener gewährt.

Diese Illustration stammt vom Künstler Karel Šimůnek, der einst an der Akademie der Bildenden Künste in Prag studierte. Diese Arbeit wurde zur Untermalung einer historischen Geschichte verwendet.

Dieses einzigartige Konvolut von über sechstausend Originalzeichnungen entstand über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten und trägt die Handschrift zahlreicher tschechischer, österreichischer und deutscher Zeichner und Karikaturisten. 

Werbung

Die Kuratorin der Ausstellung, Eva Reitspiesová, übernahm dabei die außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe, das umfangreiche Archiv zu sichten, repräsentative Beispiele auszuwählen und diese in einen breiteren kulturellen sowie historischen Kontext zu stellen. Im folgenden Interview, das die Kollegen unseres tschechischen Partnerblogs sumava.eu geführt haben, spricht sie nicht nur über den Auswahlprozess und die Suche nach den Urhebern, sondern auch über einige bemerkenswerte Geschichten, die sich hinter den Zeichnungen verbergen.

Werbung

„Ein Schatz, der noch nie in einer Ausstellung präsentiert wurde“

Frau Reitspiesová: Was war Ihr erster Impuls, der Sie zur Bearbeitung dieser umfangreichen Sammlung von Illustrationen aus dem Verlag Johann Steinbrener geführt hat?

In diesem Jahr begehen wir ein rundes Jubiläum: Es sind genau 150 Jahre seit dem Erscheinen des ersten Kalenderjahrgangs vergangen. Ein solcher Jahrestag bietet eine ideale Gelegenheit, endlich der Öffentlichkeit den Schatz zu zeigen, den das Winterberger Museum über Jahrzehnte in seinen Sammlungen aufbewahrt hat – und der noch nie in einer Ausstellung präsentiert wurde. Es ist äußerst selten, auf eine derart große und geschlossene Sammlung zu stoßen, sich über Monate hinweg damit zu beschäftigen und daraus das Interessanteste für die Besucher auszuwählen. Auch Johann Steinbrener selbst feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: 190 Jahre wäre er heuer alt geworden – und seine Firma wurde vor exakt 170 Jahren gegründet. Es gab also gleich mehrere Anlässe, diese Ausstellung gerade jetzt zu organisieren.

Eine Utopie? Oder verdammt nah dran an der futuristischen Realität: Der Künstler Hans Kaplan hat 1931 die Welt so dargestellt, wie sie im Jahr 2.000 einmal aussehen könnte.

Angesichts der mehr als 6.500 Illustrationen – wie haben Sie entschieden, was für diese Ausstellung ausgewählt wird? Und nach welchen Kriterien haben Sie den passenden Kontext gesucht?

Mir ging es vor allem darum, eine wirklich repräsentative Auswahl zu zeigen. Etwa die Hälfte der Zeichnungen sind Illustrationen zu Kurzgeschichten, ein Drittel sind ganzseitige Sachillustrationen, der Rest besteht aus Anekdoten. Die Besucher finden in der Ausstellung Beispiele aus all diesen Bereichen. Was den Kontext betrifft: Manche Zeichnungen – etwa solche, die Bräuche aus verschiedenen Teilen der damaligen Welt veranschaulichen – sind stark von ihrer Entstehungszeit geprägt, was ihnen einen besonderen Reiz verleiht.

Es ist Ihnen gelungen, mehr als 30 Künstler zu identifizieren. Wie schwierig war es, ihre Namen zu recherchieren und sie den jeweiligen Zeichnungen zuzuordnen – und was war daran am herausforderndsten?

Ein kleiner Teil der Zeichnungen ist signiert. Dort reichte es, den Namen zu entziffern und die Identität des Autors mithilfe einschlägiger Künstlerlexika zu überprüfen. Ein weiterer Teil ist zwar nicht signiert, lässt sich aber stilistisch sicher zu bestimmten Künstlern zuordnen. Eine besondere Herausforderung war es, über einige Illustratoren überhaupt nähere Informationen zu finden. Zum Beispiel arbeiteten gleich drei bedeutende Künstler aus Wien über mehr als ein Jahrzehnt hinweg für Steinbrener. Jeder von ihnen schuf dabei mehrere hundert Zeichnungen – und wir kennen sogar ihre Wohnadressen. Dennoch waren sie nicht bedeutend genug, um eigene Einträge in Kunstlexika zu erhalten – und weitere Details zu ihrem Leben zu ermitteln, würde beinahe detektivische Arbeit erfordern.

„Eine Zeichnung, die Stalin auf dem Weg ins Gulag zeigt“

Die Zeichnungen enthalten fantastische Zukunftsvisionen – etwa „Die Welt im Jahr 2000“. Welche dieser Visionen haben Sie besonders überrascht oder amüsiert?

Am meisten beeindruckt hat mich eine sehr großformatige Zeichnung einer überdimensionierten Brücke und eines überdimensionierten Tunnels. Die Zeichnungen sind bis auf wenige Ausnahmen nicht betitelt – um ihr Thema zu erfahren, muss man die einzelnen Kalenderbände durchblättern. In unserer Sammlung sind 1.250 Bände enthalten. Bei dieser konkreten futuristischen Zeichnung war ich erstaunt, als ich feststellte, dass sie eine Vision einer Brücke von Frankreich nach England und eines Tunnels unter dem Ärmelkanal darstellt – und dass sie im Kalender von 1908 abgedruckt wurde!

Politische Satire: Der sowjetische Diktator Josef Stalin auf dem Weg nach Sibirien.

Die Ausstellung enthält auch politische Satire. Haben Sie einige Motive aufgrund ihrer Schärfe bzw. Gesellschaftskritik überrascht? Waren manche sogar gewagt?

Karikaturen, die sowohl den Kapitalismus als auch den Kommunismus aufs Korn nehmen, tauchten in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre in den Kalendern auf – und sie waren sehr pointiert. Eine Zeichnung, die Stalin auf dem Weg ins Gulag zeigt, wirkt auch heute noch schockierend. Die politische Satire – von einem bislang unbekannten Illustrator – bildet einen eigenen interessanten Bestand innerhalb der Sammlung. Sie hätte eine eigene Ausstellung verdient, denn in der aktuellen Präsentation konnte nur ein kleiner Teil davon gezeigt werden. Es zeigt sich jedenfalls, dass die Steinbrener-Kalender, obwohl sie sich eher an ein breites Publikum richteten und hauptsächlich Unterhaltung boten, auch überraschend scharfe Kommentare zur Zeitgeschichte enthielten.

Die Ausstellung ist vollständig zweisprachig realisiert worden – wie wichtig war es Ihnen, dass auch Besucher aus Bayern oder Österreich sie erleben können?

Die deutsche Sprache war aufgrund des Themas von Anfang an gesetzt: Die Künstler, mit denen Steinbrener zusammenarbeitete, stammten aus Tschechien, Österreich und Deutschland – und schickten ihre Zeichnungen unter anderem aus Berlin, München und Wien. Die Kalender von Steinbrener waren für den gesamten mitteleuropäischen Markt gedacht, wobei es das vielfältigste Angebot an Themen immer in der deutschen Ausgabe gab. Es war uns daher wichtig, dass auch Besucher aus Bayern und Österreich diesen spannenden kulturellen Schatz kennenlernen können.

Johann Steinbrener prägte das Bild der Stadt und deren Bewohner

Teil der Ausstellung ist auch eine Kreativwerkstatt für Kinder mit wunderschönen Bastelbögen und Aktivitäten. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Interaktivität bei der Vermittlung kultureller Geschichte an jüngere Generationen?

Im Winterberger Museum legen wir generell großen Wert auf ein Angebot für Kinder. Auch in der Dauerausstellung gibt es viele interaktive Elemente. Deshalb haben wir auch in dieser Sonderausstellung Aktivitäten für die Kleinsten vorbereitet: Wenn ein Kind aus ausgeschnittenen Fragmenten selbst ein Bildmotiv zusammensetzt, bleibt das sicher nachhaltiger im Gedächtnis, als wenn es die Werke nur passiv betrachtet.

„Unter den Räubern in Mexiko“: Der Maler, Graphiker, Illustrator und Zeichner Václav Čutta erstellte dieses Bild im Jahr 1932.

Der Verlag Steinbrener beschäftigte in seiner Blütezeit bis zu 1.000 Menschen – bei der damaligen Einwohnerzahl von Winterberg eine enorme Menge. Welche Auswirkungen hatte der Verlag auf die Stadt und ihre Bewohner?

Das Unternehmen ernährte nicht nur jeden fünften Einwohner der Stadt, sondern prägte auch das Stadtbild. Johann Steinbrener ließ so viele Gebäude errichten, dass sich das Erscheinungsbild Winterbergs deutlich veränderte. Dabei handelte es sich nicht nur um große Fabrikanlagen, sondern auch um Wohnhäuser für die Arbeiter. Besonders bemerkenswert war sein starkes soziales Engagement: So entstand z. B. ein kostenloses Wohnheim für Rentnerfamilien, ein Waisenhaus und eine Erholungsanstalt, gestiftet von seinen Nachkommen. Als er 1898 Strom in seinen Produktionsstätten einführte, ermöglichte das die Elektrifizierung der gesamten Stadt. Seine umfassende Fürsorge für die Beschäftigten und die Umgestaltung Winterbergs erinnern stark an Tomáš Baťa und dessen Wirken in Zlín.

Haben Sie während der über 70 Jahre Kalenderproduktion eine deutliche Veränderung des Illustrationsstils oder der thematischen Ausrichtung festgestellt?

Die ersten Kalender waren schlichte Schwarz-Weiß-Broschüren mit wenigen Textseiten und nur wenigen Abbildungen. Im Laufe der Zeit wurden sie immer aufwendiger, erhielten einen festen Einband und erreichten ihren Höhepunkt in den 1930er Jahren, als es sie sogar in vierbändiger Ausführung mit goldener Rückenprägung gab. Die Kalender waren reich bebildert, doch es gab stets auch eine preiswerte Version mit denselben Motiven in Schwarzweiß. Am wenigsten veränderten sich die religiösen Darstellungen – diese hielten am stärksten an der Tradition fest. Mit der Zeit entstanden aber auch spezialisierte Kalenderformen mit eigens zugeschnittenen Illustrationen: z. B. Feuerwehrgeschichten im Feuerwehrkalender, Militärgeschichten im Militärkalender oder Berichte aus der exotischen Welt im Unterhaltungskalender.

Zeitlebens ein bescheidener Mensch

Wenn Johann Steinbrener heute zu einem Leser oder Verleger sprechen könnte – was meinen Sie, würde er sagen? Welches Erbe hinterlässt er der heutigen Generation?

An Steinbrener ist besonders seine Ausdauer, sein Fleiß und seine Zielstrebigkeit inspirierend. Wenn auf jemanden das Etikett „Selfmademan“ zutrifft, dann auf ihn. Aus dem Nichts heraus schuf er in einer kleinen Stadt im Böhmerwald ein Verlagshaus von europäischem Rang. Er war ein äußerst erfolgreicher Unternehmer in einem ungewöhnlichen Bereich und blieb – wie Zeitzeugen berichten – zeitlebens erstaunlich bescheiden. Der Schlüssel zu seinem Erfolg lag darin, dass er seine Kalender gezielt auf verschiedene Lesergruppen zuschnitt und großen Wert darauf legte, dass sich der Leser mit den Inhalten identifizieren konnte. Ein Ansatz, der bis heute Gültigkeit hat.

Vielen Dank – und alles Gute für die Zukunft!

Interview: Jitka Řezanková & Marek Matoušek


Dir hat dieser Artikel gefallen und du möchtest gerne Deine Wertschätzung für unsere journalistische Arbeit in Form einer kleinen Spende ausdrücken? Du möchtest generell unser journalistisches Schaffen sowie die journalistische Unabhängigkeit und Vielfalt unterstützen? Dann dürft ihr das gerne hier machen (einfach auf den Paypal-Button klicken).


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert