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Bayerisch Eisenstein/Spiegelau. Die Nationalparkverantwortlichen sprechen von einer kleinen Sensation. Worum es geht? Um Pilzfruchtkörper, deren Myzel (feingliedrige Pilzfäden) im Labor kultiviert und auf einer Forschungsfläche im Wald auf Baumstämme geimpft worden sind. Ein wegweisendes Projekt hat diese korallenartigen Gebilde des Ästigen Stachelbarts möglich gemacht. 

An drei im Juli 2024 beimpften Buchenstämmen wachsen seit Ende Juli 2025 frische Ästige Stachelbärte (Hericium coralloides) im Nationalpark Bayerischer Wald.  Foto: Peter Karasch / Nationalpark Bayerischer Wald

Im Vorjahr ging es für den Lehrstuhl Ökologie der Pilze der Universität Bayreuth und den Nationalpark Bayerischer Wald los mit dem ganz besonderen Artenhilfsprogramm. Dank einer Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Höhe von rund 350.000 Euro haben Wissenschaftler im Juli 2024 in Deutschlands ältestem Nationalpark an mehreren Versuchsflächen im Managementbereich des Schutzgebiets Baumstämme geimpft – ein deutschlandweit einmaliges Vorhaben. Insgesamt zehn Pilzarten wurden dabei auf Holzdübeln in Buchen-, Fichten- und Tannenholz eingesetzt. Und die geimpften Totholzstämme bringen nun gerade die ersten Fruchtkörper hervor.

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Den ersten sichtbaren Erfolg hat man dem Ästigen Stachelbart zu verdanken. Diese Rote-Liste-Art wächst meist auf Buchen-Totholz und ist in Deutschland selten. Auch die anderen im Projekt vertretenen Arten sind natürlicherweise im Bayerischen Wald heimisch, wurden aber vor allem aufgrund intensiver Waldnutzung zurückgedrängt. „Im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen gibt es bislang kaum Erfahrungen darin, wie man Pilzpopulationen in unseren Breiten wirksam vor dem Aussterben schützen kann“, erklärt Projektleiter Professor Claus Bässler von der Uni Bayreuth die Motivation des Projekts. „Umso mehr freut es mich, dass unsere pilotartigen Feldversuche in der Natur nun erste Fruchtkörper tragen.“

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Bohrproben von 320 ausgebrachten Stämmen

Mykologe Peter Karasch setzt viel Hoffnung auf den Duftenden Feuerschwamm. Foto: Daniela Blöchinger

Nach den Worten des zuständigen DBU-Referenten Dr. Hans-Christian Schaefer sind Pilze trotz ihrer zentralen Rolle in vielen Ökosystemen beim Naturschutz bislang wenig beachtet worden. Das von der DBU geförderte Projekt kann Schaefer zufolge Wege aufzeigen, „wie vor allem die Populationen wenig mobiler und spezialisierter Arten gestärkt werden können. Besonders in restaurierten Lebensräumen kann die Wiederansiedlung ein wirksames Werkzeug im Naturschutz sein.“

Bevor Pilze jedoch erfolgreich in die Natur zurückgeführt werden können, ist umfangreiche Vorarbeit im Labor nötig, betont Dr. Franziska Zahn, die das Projekt am Lehrstuhl für Pilzökologie betreut: „Zunächst müssen wir die Pilze, die wir zuvor in geeigneten Lebensräumen gesammelt haben, auf Nährböden kultivieren, das kann herausfordernd sein.“ Die Ausbreitung ein Jahr nach der Impfung sollen nun weitere Untersuchungen klären. Denn auch wenn aktuell nur Fruchtkörper einer Art zu sehen sind, können sich auch die anderen Arten im Holz angesiedelt haben. Dazu werden aktuell von allen 320 ausgebrachten Stämmen Bohrproben genommen, die im Labor untersucht werden. Erst nach der Analyse der Proben ist final klar, welche Pilzarten im beimpften Holz angewachsen sind.

„Ich bin mir sicher, dass im Laufe dieser Saison und in den kommenden Jahren weitere Arten mit Fruchtkörpern folgen werden“, sagt Nationalpark-Mykologe Peter Karasch. „Besonders viel Hoffnung setzte ich auf den Duftenden Feuerschwamm, eine Art deren flächige Fruchtkörper nach Rosen duften und die deutschlandweit nur in einem Urwaldgebiet hier im Nationalpark nachgewiesen ist.“ Um die weitere Entwicklung zu dokumentieren, werden die 20 Projektflächen in den Nationalpark-Managementzonen bei Bayerisch Eisenstein und Spiegelau in den kommenden Jahren einem regelmäßigen Monitoring unterzogen.

„… um gefährdeten Pilzarten unter die Arme zu greifen“

„Schon jetzt ist das Projekt ein wegweisender Erfolg“, freut sich auch Nationalparkleiterin Ursula Schuster. „Es zeigt einmal mehr, dass unserer Forschung auch dank wertvoller Kooperationen auf internationalem Niveau agiert und wertvolle Impulse für die Wissenschaft liefert.“ Auch naturschutzfachlich biete das Vorhaben erfolgsversprechende Ansätze. „Damit bekommen wir vielleicht die Methoden an die Hand, um stark gefährdeten Pilzarten wirkungsvoll unter die Arme greifen zu können.“

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Info: Das ist der Ästige Stachelbart

Der Ästige Stachelbart ist in Bayern als gefährdet eingestuft. Die Pilzart hat besonders filigran verästelte, an Meereskorallen erinnernde cremeweiße, bis zu 20 Zentimeter große Fruchtkörper. Der Ästige Stachelbart (Hericium coralloides) ist ein Naturnähezeiger, der in alten Laubwäldern vorkommt. In Wirtschaftswäldern wurden geschwächte Bäume über lange Zeit entfernt und uralte Buchen sind heute sehr selten. Allerdings werden in den vergangenen Jahren durch Wald-Naturschutzkonzepte immer öfter sogenannte Methusalembäume markiert und erhalten, die Pilzen wie dem Ästigen Stachelbart auch Möglichkeiten bieten sich zu etablieren


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