Regen. Landrat Werner Haas, Pfarrer Nikolaus Hackl und Gastwirt Baptist Zellner verfassen immer wieder Denkschriften, Eingaben und Beschwerden ans Ministerium, die Regierung, die Kreisräte und die Bürgermeister des Kreises und an die höchsten amerikanischen Gouverneure mit dem Ziel, das Landratsamt nach Regen zurück zu holen. Und letztlich werden ihre Mühen belohnt. Teil drei der Hog’n-Serie „A bad town“ in Zusammenarbeit mit Annemarie Schiller.

Oktober 1946: Sämtliche Regierungsstellen sowie die örtliche Militärregierung in Zwiesel haben die Rückverlegung des Landratsamtes genehmigt. Gleichzeitig soll auch die Militärregierung mit nach Regen ziehen. Weil aber der Winter vor der Türe steht und die teilweise zerstörte Stadt Regen die geforderten Villen und Garagen für die Amerikaner nicht zur Verfügung stellen kann, wird die Rückverlegung für das kommende Frühjahr geplant.
Im Frühjahr 1947 teilt Landrat Haas dem Stadtrat Regen die Bedingungen der Amerikaner bezüglich der Übersiedelung der Militärregierung nach Regen mit. Mindestens drei bis fünf Häuser mit allen Einrichtungsgegenständen, fließendem Wasser und Warmwasserheizung müssen zur Verfügung gestellt werden.
„Waffenfund“ untergejubelt, um ihn zu „entfernen“

Die Zwieseler möchten auf jeden Fall die drohende Rückverlegung des Landratsamtes nach Regen verhindern und bringen die Angelegenheit vor den Kreistag, nachdem sie durch (Zitat Hackl) „persönliche Bearbeitung“ von den 44 Kreistagsmitgliedern 24 gegen Unterschrift zu einer Abstimmung für Zwiesel gewonnen hatten. Der Regener Stadtrat protestiert energisch gegen den Beschluss und erreicht, dass das Innenministerium zum zweiten Mal die Rückverlegung des Amtes anordnet.
Bei Landrat Haas hat man anlässlich der Hausdurchsuchung im Juli angeblich eine Pistole im Schreibtisch des Wohnzimmers gefunden. Alles spricht dafür, dass man ihm diesen „Waffenfund“ untergejubelt hat, um ihn zu „entfernen“. Haas wird in einem extra Prozess zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach fünf Monaten wird er ohne Kommentar freigelassen und beginnt auf Anordnung der Regierung seine Arbeit wieder. Er bleibt bis zur Beendigung der Wahlperiode 1948 im Amt. Er hält sein Wahlversprechen, das Landratsamt nach Regen zurückzuholen.
Am 8. April 1948 wird mit einem Schreiben der Regierung die Rückverlegung des Amtes zum dritten Mal, diesmal endgültig, angeordnet. Landrat Haas, Bürgermeister Partheter, Priester Hackl und ein kleiner Kreis Eingeweihter halten zunächst die Entschließung des Innenministeriums geheim, damit den Zwieselern ja nicht wieder etwas einfällt, was den Umzug verhindern könnte. Besprechungen finden in Privatwohnungen statt, Ehefrauen und Pfarrerköchin bekommen Hausarrest, damit sie nichts ausplaudern.
Geheimnisvolle „besondere Verwendung“

Für den 17. April 1948 wird die Heimholung des Amtes geplant. Die Zwieseler haben doch noch einen Hinweis über die bevorstehende Rückführung des Landratsamtes erhalten. Am 16. April, gegen 21.30 Uhr erscheinen Gouverneur und Bürgermeister aus Zwiesel in Regen und versuchen den Landrat dazu zu bringen, die Rückverlegung zu vertagen. Sie drohen ihm sogar mit einem blutigen Aufstand. Jetzt lassen sich die Regener aber durch nichts mehr von ihrem Vorhaben abhalten!
17. April 1948, Samstag: Um halb 4 Uhr morgens erscheinen zehn Lastautos und 49 Mann in Dreierreihen auf dem Regener Stadtplatz. Landrat Haas informiert die Beteiligten, die er vorher geheimnisvoll zu einer „besonderen Verwendung“ eingeladen hatte, dass das Landratsamt in einem husarenartigen Streich nach Regen „heimgeholt“ werden soll. Zu so früher Stunde, dass die Zwieseler nichts mitbekommen. In der Glasstadt wartet schon die Landpolizei. Sie überwacht die Verladung des gesamten Mobiliars und der Akten. Auch die Amerikaner schicken Beobachter.
Nach zwei Stunden ist das ganze Inventar des Landratsamtes auf die Lastautos verladen und triumphierend fahren die Regener damit heim in die Kreisstadt. Im Eifer des Gefechtes rutscht bei Schweinhütt ein Wagen in den Graben, die Akten sind schnell auf andere Wägen verteilt.
Pfarrer Hackl – der „Don Camillo von Regen“
Als um 8 Uhr die ahnungslosen Angestellten in Zwiesel zum Dienst erscheinen, finden sie ein leeres Amt vor. Zur gleichen Zeit begrüßt in Regen die überraschte Bevölkerung die Wägen schon mit Freudenrufen, bald flattern blauweiße Fahnen vor Landratsamt, Rathaus und Polizei. Von 11 bis 12 Uhr mittags tritt am Stadtplatz sogar eine Musikkapelle an. Das passt der Militärregierung gar nicht, hat sie doch mit der Rückverlegung des Amtes auch eine Niederlage erlitten. Musik und Beflaggung werden deshalb verboten.
Die Beteiligten an der Heimholung des Landratsamtes feiert man in Regen als Helden. Ohne den streitbaren „Don Camillo von Regen“, Pfarrer Nikolaus Hackl, hätten die Regener das nicht geschafft. Leider hat man das allzu bald vergessen. Ein Pfarrer hat sich halt nicht um Weltliches zu kümmern, und sei es noch so bedeutend! Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Kreisstadt Regen hat sich noch Jahrzehnte lang über den Schildbürgerstreich gefreut, den man den Zwieselern gespielt hat. Die „Demontage im Dämmerlicht“, über die sogar der Roider Jackl ein paar Gstanzl gesungen hat, ist als „altbayerisches Lumpenstückl“ in die Geschichte eingegangen.
Annemarie Schiller
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- „A bad town“ (1): Als Regen das Landratsamt genommen wurde
- „A bad town“ (2): Die „Umstürzler“ im Hinterzimmer








