Bayerischer Wald. „Hoawa“ (auch: „Hoiwa„) nennt man sie im Bayerischen Wald. Allgemein bekannt sind diese kleinen schwarz-blauen Früchte mit ihrem samtenen grauen Schimmer als Heidelbeeren, Schwarz- oder Blaubeeren. Botanisch zählt die Heidelbeere – ebenso wie die Preisel- und die Moosbeere – zu den Heidekraut-Gewächsen. Auf nährstoffarmen, sauren Böden, in Moor- und Heidelandschaften sowie auf Waldlichtungen gedeiht sie besonders gut.
Beim Pflücken gilt es, die reifen Beeren vorsichtig von den Zweigen abzustreifen. Foto: Rupert Berndl
Aufgrund ihrer Heilkräfte spielte die Blaubeere in der Volksmedizin seit jeher eine wichtige Rolle und wird deswegen auch heute noch geschätzt. Besonders die wild wachsenden Sorten sind reich an Vitamin C, an Zink, Eisen und Gerbstoffen. Sie stärken das Immunsystem, bekämpfen Entzündungen, helfen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wirken Blutdruck senkend und lösen Verdauungsprobleme. Sie sind kalorienarm und färben – vor allem zur Freude der Kinder, wegen ihrer intensiven Farbstoffe Lippen – Zunge und Zähne schwarz-blau.
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Je nach Höhenlage und örtlichen Gegebenheiten liegt ihre Reifezeit zwischen Juli und September. Erst wenn sie ihre charakteristische Farbe angenommen haben und als kleine Kügelchen aus dem kniehohen Gestrüpp schimmern, haben sie ihr typisches Aroma und die volle Kraft ihrer Wirkstoffe erreicht. Für die Einschätzung ihres Reifegrades hält der heimische Dialekt einen passenden Spruch parat: „Wenn d’Schwoazbeer roud han, dann han’s na grea.“
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Was Feines für die Waidler-Küch‘
Beim Pflücken gilt es, die reifen Beeren vorsichtig von den Zweigen abzustreifen. Bevor man „in d’Hoawa geht“ oder „zum Howa-Brocka“ aufbricht, sollte man sich zuerst schlau machen über die Bedingungen, Auflagen und Verordnungen, die bei der Heidelbeer-Ernte zu beachten sind. Das Internet hilft einem dabei: Bei weitem nicht überall, schon gar nicht gewerbsmäßig und in beliebigen Mengen (Nationalpark) dürfen Schwarzbeeren aus der Natur entnommen werden.
Heidelbeeren finden seit jeher Verwendung für unterschiedliche Gerichte und Backwerke in der Küche der Waidlerinnen und Waidler.
Nach alt überliefertem Rezept wird dann zuhause ein duftender „Hoawadatschi“ produziert, wird Marmelade eingekocht, oder werden die Beeren ins Müsli gerührt. Auch als Dessert mit einem Sahnehäubchen oben drauf und zur Herstellung von Drinks eignen sich die Schwarzbeeren. Einfrieren kann man sie ebenso.
Diese geheimnisvolle Pflanze findet, wahrscheinlich wegen ihrer vielfältigen Heilkräfte, auch in verschiedenen Sagen und Märchen Erwähnung. Angeblich tarnt und versteckt sie mit ihrem dichten Gestrüpp die Eingänge zum unterirdischen Reich der Zwerge und bewahrt diese und ihre Schätze so vor dem Zugriff böser Mächte.
Neben den wilden Blaubeeren werden seit geraumer Zeit in den Supermärkten oder zum Selberpflücken auf Plantagen Heidelbeeren angeboten. Dabei handelt es sich jedoch um Kulturpflanzen, um Züchtungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Amerika geglückt waren. Diese Beeren sind zwar größer als die „Originale“ aus unseren Wäldern, haben jedoch weniger Aroma und enthalten nicht so viel Farbstoff.
Heidelbeeren pflücken – ein Nebenerwerb in schlechten Zeiten
Angeblich tarnt und versteckt sie mit ihrem dichten Gestrüpp die Eingänge zum unterirdischen Reich der Zwerge und bewahrt diese und ihre Schätze so vor dem Zugriff böser Mächte.
Freilich ist das Beerensammeln ziemlich aus der Mode gekommen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kaum jemand ist mehr angewiesen auf das Pflücken von Waldbeeren als Nebenverdienst. Außerdem ist das Wissen um die Heilkraft der alten Hausmittel leider weitestgehend verschwunden – und viele scheuen vielleicht auch das mühselige Pflücken der kleinen Beeren. Manch einen hält aber auch die Angst vor einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm vom Blaubeersammeln ab, einem Parasiten, der von Füchsen mit deren Kot abgesetzt wird. Jedoch kann ein gründliches Waschen – ähnlich wie bei Pilzen und Wildkräutern – oder ein Erhitzen über 60 Grad Celsius eine Übertragung dieses Parasiten verhindern.
Bis vor wenigen Monaten noch hatte niemand in Deutschland damit gerechnet, dass sich die stetig steigenden Preise zu einer beängstigenden Inflation ausprägen könnten. Viele Menschen haben Angst, dass sie über kurz oder lang mit ihrem Geld nicht mehr auskommen werden. Da drängen sich Erinnerungen an die verheerende Inflation vor gut 100 Jahren auf. Freilich lässt sich der dramatische Geldverfall von 1922 mit den heutigen Gegebenheiten nicht vergleichen – und trotzdem tauchen zunehmend Begriffe wie Not, Armut oder gar Selbstversorgung in verschiedenen Medien und Gesprächsrunden auf.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hinein in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten dicht aufeinander folgende Krisen die Bevölkerung in arge Bedrängnis. Obwohl es den Menschen in den ländlichen Gegenden vergleichsweise besser ging, weil die Zahl der Selbstversorger ziemlich hoch war, brachte die hohe Arbeitslosenrate große Not über viele Familien.
1906: Rund 51.000 Doppelzentner Waldbeeren im Woid
Auf der Suche nach Nebeneinkünften eröffnete unter anderem die Ernte und der Verkauf von Beeren, die es damals in den heimischen Wäldern noch massenweise gab, eine zusätzliche Möglichkeit, einigermaßen über die Runden zu kommen. So kann man im Waldkirchner Anzeiger vom 7. August 1915, also ein Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, lesen:
„Den armen Leuten bringt das Beerensammeln bei uns eine gute Einnahme, die sie jetzt bei der Lebensmittelverteuerung recht gut gebrauchen können.“
Dabei waren die Waldbeeren bis etwa 1900 „bei uns fast gänzlich unbeachtet geblieben“. Aber bereits 1905 hatte sich das grundlegend geändert. So liest man im Waldkirchner Anzeiger vom 18. August 1905:
Alt und Jung bei der Heidelbeer-Ernte. Foto: Archiv Finsterau
„Täglich ziehen große Scharen von Beerensammlern hinaus in die Wälder, um die vielbegehrte Heidelbeere zu sammeln. Oft schon früh um 5 Uhr und noch früher werden die Beerenplätze aufgesucht. Für gar zahlreiche Familien bietet die Zeit der Beerenernte eine sehr günstige Gelegenheit zu gutem Erwerb. Im Laufe des Tages vermögen fleißige Frauen- und Kinderhände ganze Körbe voll der blauschwarzen Früchte einzusammeln, die dann von den Händlern aufgekauft und in Fässern verpackt, verschickt werden. Ganze Waggonladungen gehen nach Sachsen etc.“
Aber nicht nur die weit entfernten Konservenfabriken waren erpicht auf die Heidelbeeren. Großabnehmer gab es auch in hiesigen Breitengraden. Zu diesen zählte unter anderem die „Beeren-Kelterei Gottinger“ in Waldkirchen. Hier wurde in erstaunlich großen Mengen Heidelbeerwein produziert.
Bereits 1906 lassen sich für den Bayerischen Wald insgesamt etwa 51.000 Doppelzentner Waldbeeren errechnen, die bei den Aufkäufern abgegeben wurden. Bei einem Durchschnittspreis von zehn bis 20 Pfennigen pro Liter kam da eine erstaunliche Summe zusammen. Nicht nur die Presse sprach von einer „großen volkswirtschaftlichen Bedeutung der Waldbeer-Ernte“.
45 Mark Strafe fürs „Zu-früh-Brocka“
Mit einem „Hoawa-Kampe“ geht einem das „Hoawa-Brocka“ schon leichter und vor allem effizienter von der Hand. Foto: Rupert Berndl
Bis in die entlegensten Winkel und hinauf in die Gipfelregionen der Bayerwaldberge zogen die Beerensammler. Um bei den ersten zu sein und eine möglichst große Ernte einzufahren, wurden die „Hoawa“ oftmals schon vor der Reife mit kammähnlichen Vorrichtungen, den so genannten „Hoawa-Kampen“, von den Sträuchern gerupft und „gerissen“. Deshalb sah sich die Obrigkeit dazu gezwungen, für die Beerenernte feste Tagestermine vorzugeben, deren Einhaltung die „Gendarmen, Ortspolizisten, Förster und Waldhüter“ streng zu kontrollieren hatten.
So wurde beispielsweise für das Jahr 1913 „das Einsammeln der Heidelbeeren auf den 20. Juli festgelegt“. Wer vor diesem Termin beim „Hoawa-Brocka“ erwischt wurde, dem drohte eine Geldstrafe in Höhe von 45 Mark. Wiederholungstäter wanderten sogar für eine Woche ins Gefängnis.
Als dann die Not der Bevölkerung in den Jahren während und nach der Weltwirtschaftskrise schier unerträgliche Ausmaße annahm, schwoll der Sturm auf die Waldbeer-Bestände nochmals an. Vor allem in jenen Heidelbeer-Boom-Zeiten beklagten sich die Aufkäufer (wie beispielsweise 1928) vehement darüber, dass „die Schwarzbeeren mit Steinen, Moos, Blättern und Ästen stark verunreinigt, gewäßert und manipuliert“ seien.
Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus wurden Heidelbeeren in großen Mengen in den Wäldern geerntet. Durch eine schonungslose Ausbeutung und eine wenig „beerenfreundliche“ Forstwirtschaft sind seit dieser Zeit die Heidelbeerbestände stetig zurückgegangen.
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