Miltach. Langsam fährt der Personen- und Güterzug in den Bahnhof von Baden mit seinen acht überdachten Bahnsteigen ein. Dort warten bereits Reisende mit Koffern, Berufstätige und Schüler. Nach einem kurzen Aufenthalt für den Ein- und Ausstieg setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

Nach einigen Stadthäusern kommt er an der Großbrauerei Kulmbacher vorbei, auf deren Betriebsgelände Lastwagen zum Abtransport der Bierfässer und -kisten bereitstehen. Danach wird es deutlich ländlicher: Wiesen wechseln sich ab mit bewaldeten Hügeln, auf denen Rehe vor dem Hochsitz des Försters äsen. Schließlich passiert der Zug einen See mit Badenden und Campern, ehe er im Schattenbahnhof verschwindet…
Was wie im richtigen Leben klingt, ist in Wirklichkeit Miniatur: Vor mehr als 20 Jahren haben Dieter Beier, Seniorchef der Waffelfabrik in Miltach, und seine Frau Renate in liebevoller Kleinstarbeit im Dachgeschoss ihres Wohnhauses eine fiktive Modellbahnwelt auf knapp 20 Quadratmetern erschaffen. „Drei, vier Jahre haben wir schon gebaut. Ich habe Häuser und Brücken aufgestellt“, berichtet Renate Beier und lacht. „Mein Vater hat auch noch Häuschen gebaut, andere Gebäude habe ich zum Teil gebraucht gekauft. Auch habe ich immer wieder etwas geschenkt bekommen“, ergänzt Dieter Beier, der am liebsten nur „Dieter“ genannt werden will. Seine Frau weiß: „Es war ihm ein Anliegen. Er hat immer gesagt, wenn wir ein Haus bauen, baue ich mir einmal so eine Anlage.“
Es liegt in der Familie
Der 85-Jährige, Sohn von Firmengründer Otto Beier und immer noch fleißig im Betrieb mithelfend, ist ein selbsterklärter „alter Lok-Fan“. Als solcher holt er stolz aus den Wandschränken seines Eisenbahnzimmers Modellbahn-Raritäten hervor wie eine österreichische Dampflok der Marke „Liliput„, die „Blaue Viechtacher“, die ihrerzeit bis nach Lam gefahren ist, die Schweizer „Krokodil“ mit ihrer symmetrischen Bauform einer Elektrolokomotive, aber auch den modernen Regio-Shuttle-Triebwagen der Waldbahn.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Da ist es nicht verwunderlich, dass Dieter Beiers Sohn Alexander und dessen Cousin Markus Beier, die beide als aktuelle Geschäftsführer der Waffelfabrik fungieren, auch „auf den Zug aufgesprungen“ sind. Um den alten, maroden Miltacher Bahnhof vor dem Verfall zu retten und schöne Räumlichkeiten für einen Fabrikverkauf mit Café zu schaffen, haben sie 2014 das leerstehende Gebäude von der Bahn gekauft und von da an grundlegend sanieren sowie ein neues Nebengebäude errichten lassen. Beide Bauten wurden anschließend durch einen ausrangierten MITROPA-Speisewagen „verkuppelt“.
Markus Beier erinnert sich noch gut: „Es wurde nach einer Möglichkeit gesucht, den Neubau mit dem Altbau zu verbinden. Diese Verbindung sollte sich in das Bahnhofsgelände integrieren. Außerdem sollte die Sitzplatzanzahl im Café gesteigert werden. Deshalb kamen unser Heizungsbauer und ich auf diese Idee. Nach einiger Recherche im Internet und Besichtigungen vor Ort sind wir dann auf einen Speisewaggon der Eisenbahnfreunde Treysa e. V. in Nordhessen aufmerksam geworden – und haben diesen erworben.“
So viel historischen Charme erhalten wie möglich
Der Transport und der Umbau gestalteten sich dann freilich deutlich schwieriger als der Erwerb: „Der Transport erfolgte über die Eisenbahnfreunde Treysa und die Eisenbahnfreunde Passau nach Viechtach, wo die komplette Entkernung und Lackierung erfolgten. Der lackierte Waggon wurde nach einem Zwischenstopp in Passau über Regensburg und Cham zu einem weiteren Zwischenstopp auf das Abstellgleis in Bad Kötzting gebracht. In einer Nacht- und Nebelaktion im November 2016 wurde schließlich der Waggon von der Preßnitztalbahn von Kötzting nach Miltach geschafft und von zwei Kränen in einem von der Bahn vorgegebenen, relativ knappen Zeitfenster vom Gleis auf provisorische Schienen auf den Parkplatz gehoben. Von dort aus ging es Stück für Stück in Richtung Gleisbett zwischen den Gebäuden“, erzählt Beier.

Erst dort erfolgte dann, so erinnert sich der Sohn von Dieter Beiers Bruder Johannes weiter, der „Endausbau mit hauptsächlich regionalen Firmen“. Einzig für die Spritzisolierung habe eine Spezialfirma für Schiffsisolierungen aus der Nähe von Hannover anreisen müssen. Doch Markus Beier weiß: „Ich habe immer gesagt: Wer A sagt, muss auch B sagen“, schmunzelt der kaufmännische Leiter der Waffelfabrik, wohingegen Cousin Alexander die technische Leitung innehat. Schließlich könne man nicht so einfach aufhören, wenn man schon eine sechsstellige Summe in einen Waggon gesteckt habe. „Danach hatte der Waggon einen Heizkörper und Fußbodenheizung, eine Lüftung, Fenster mit Mehrfachverglasung. So benötigt er nun nur noch ein Zehntel der vorherigen Heizenergie“, freut sich der Kaufmann im Rückblick über das Anfang 2017 eröffnete Café Waffel noch heute.
Wichtig war den beiden Cousins dabei immer, so viel wie möglich vom historischen Charme des Bahnhofs und somit die Bahnhofsgeschichte zu erhalten. War doch der Miltacher Bahnhof einst „einer der größten Nebenbahnhöfe Bayerns“, wie Erwin Vogl, ein weiterer Eisenbahnbegeisterter in Miltach weiß. Der 84-Jährige war seit seinem 20. Lebensjahr bis zu seiner Pensionierung bei der Bahn beschäftigt – überwiegend als Beamter an den Bahnhöfen in Miltach und Blaibach –, sammelt und schreibt seit über 50 Jahren Zeitungsartikel über die Bahnstrecke von Cham nach Lam und hat im Dezember 1993 die letzte Fahrkarte im Miltacher Bahnhof verkauft, ehe Schalterbetrieb und Dienst dort eingestellt wurden.
In Vogls Ära gab es in Spitzenzeiten – vor dem Siegeszug der Motorisierung – noch sieben Gleise, darunter für die Stichbahn nach Straubing und mehrere für den zahlreichen Güterverkehr. Die benachbarte Waffelfabrik ließ sich damit die Holzkohle für ihre Brennöfen liefern und – genauso wie die in der Nachbarschaft liegende und deswegen dort ansässige Holzspielwarenfabrik Nemmer – ihre Produkte abtransportieren.
„Ich weiß noch, wie Adenauer da war“
Und sogar Konrad Adenauer war schon einmal Gast am Miltacher Bahnhof. Ursprünglich hätte der Bundeskanzler der BRD 1957 in Cham übernachten sollen. Doch dort war zu viel Güterverkehr für eine ungestörte Nachtruhe, sodass er – auch weil Miltach wegen der Brücke besser zu kontrollieren war – in seinem Salonwagen vor dem Bahnhof in Miltach übernachtete.

Adenauer sei von Bamberg gekommen und auf der Weiterreise nach Bayreuth zur Hochzeit von Franz Josef Strauß als dessen Trauzeuge gewesen, erzählt Vogl und erinnert sich: „Ich weiß noch, wie Adenauer da war, das war von Sonntag auf Montag – da bin ich gerade in die Berufsschule gefahren. Die Kinder hatten sogar schulfrei und es war ein großer Auflauf mit Polizei.“
Doch die Zeiten ändern sich, erkennt auch Vogl. Heute steht der Salonwagen im Haus der Geschichte in Bonn, die Bahnstrecke Cham–Lam verfügt in Miltach nur mehr über einen Haltepunkt und ist eingleisig. Die Waffelfabrik heizt mit einem eigenen Blockheizkraftwerk sowie Photovoltaik und ist in ihrer über 90-jährigen Firmengeschichte von einem kleinen, handwerklichen Zuckerbäckergeschäft zu einem Großunternehmen angewachsen. Doch in den Räumlichkeiten des mittlerweile weit über die Grenzen der Region hinaus bekannten Waffelcafés und in den Erinnerungen vieler älterer Miltacher und der Eisenbahnfans unter ihnen bleibt die große Bahngeschichte Miltachs lebendig.
Dr. Anna-Maria Diller
(in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Schöner Bayerischer Wald„)








