Berbing/München – und die ganze Welt. Harry Knödlseders Geschichte beginnt – standesgemäß – auf Achse, irgendwo zwischen Madrid und Hauzenberg. Wann genau diese Tour stattfand, kann der 45-Jährige nicht mehr benennen – immerhin gehört die über 30 Stunden andauernde Busfahrt von der spanischen Hauptstadt zurück in den Bayerischen Wald fast zur Routine. „Wir waren irgendwo in Frankreich, als frühmorgens die Sonne aufgegangen ist. Da sagte mein Sitznachbar zu mir: Harry, noch ein Sonnenaufgang – und wir sind wieder dahoam.“ Was für Außenstehende nach Abenteuer und Wilder Westen klingt, ist für den Waidler mehr oder weniger Alltag. Denn Harry Knödlseders „Dahoam“ ist fast ganz Europa – und das alles nur wegen des FC Bayern München.

Wie allgemein bekannt, haben Frauen (berechtigterweise!) ein Problem damit, wenn sie nicht die einzige große Liebe ihres Ehemannes sind. Kerstin Knödlseder ist in diesem Zusammenhang wohl eine der wenigen Ausnahmen: Sie akzeptiert ihre zwei Nebenbuhlerinnen nicht nur. Sie unterstützt ihren Harry sogar noch, damit dieser all seine Liebschaften unter einen Hut bringt. „Klar spinnt mein Mann a bisserl“, sagt sie zunächst ernst, schmunzelt jedoch dann vernehmbar. „Aber ich habe ihn so kennengelernt, also war’s irgendwann für mich normal – und ist es immer noch. Auch wenn es zum Teil schwierig war, vor allem als die Kinder noch klein gewesen sind. Ich kann mir aber gar nicht vorstellen, wie mein Mann ohne seine Fan-Leidenschaft wäre…“
Herzlich willkommen in der rot-weißen Welt des Harry Knödlseder aus Berbing, einem Ortsteil von Hauzenberg! Der Soldat befindet sich für sein Vaterland und seine Familie in ständiger Einsatzbereitschaft. Genauso wie für den FC Sturm Hauzenberg und – natürlich! – den FC Bayern München. „Echte wahre Liebe“ ist für ihn nicht nur ein in der legendären Südkurve beliebter Liedtext, sondern ein Lebensinhalt. Bei Spielen des Rekordmeisters gilt für ihn Anwesenheitspflicht – und auch die Neu-Bayernligisten aus der heimischen Granitstadt lässt er nur selten im Stich. Der 45-Jährige ist ein sog. Allesfahrer. Das bedeutet: Er ist bei jedem Duell „seines“ FCB – egal ob in München oder auswärts – mit von der Partie.
Von der Elbe bis zur Isar – und noch viel weiter

An dieser Stelle muss der zweifache Familienvater jedoch gleich etwas relativieren. Denn es gibt unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Allesfahrer“. Manche fühlen sich dieser Kategorie nur dann zugehörig, wenn sie wirklich bei jedem Spiel mit dabei sind. Andere, wenn sie eine gewisse Prozentzahl an Begegnungen erreicht haben. „Ich bin eh schon ruhiger geworden“, betont Knödlseder in diesem Zusammenhang. Vor ungefähr zehn, 15 Jahren, so berichtet er, zählten sogar Freundschaftsspiele und Trainingslager-Aufenthalte der Roten zu seinen Pflichtterminen.
Mittlerweile verzichtet er schon mal freiwillig auf die ein oder andere Reise mit dem „Stern des Südens„. Die Klub-WM in den USA hat er beispielsweise nur auf dem Bildschirm verfolgt. Man wird eben älter, die Prioritäten verschieben sich etwas, sodass man „nicht mehr jeden Scheiß mitmachen muss“, wie der Hauzenberger es im Hog’n-Gespräch ohne Umschweife auf den Punkt bringt.
Trotzdem legt der Vollblut-Fan eine Schlagzahl vor, von der selbst Gerd Müller, Robert Lewandowki und Harry Kane nur träumen können. In den Hochphasen einer Spielzeit, wenn sich eine Englische Woche an die nächste reiht, verkommt für den langjährige Dauerkartenbesitzer das heimische Bett mehr oder weniger zu einem verwaisten Ort. Mit dem Bus nach Osteuropa? Sofort! Ein Trip nach Mailand, London, Paris? Das gehört zum Jahreskreis wie Ostern und Weihnachten! Villareal, Bratislava, Kopenhagen? Neuland – und sehr interessant! So hat Harry Knödlseder in den vergangenen drei Jahrzehnten – vier Bundeswehr-Auslandseinsätze inklusive – mehr als 30 verschiedene Länder bereist. Wie viele Fahrten und Fußballspiele es im Einzelnen waren – keine Ahnung!
Harry: „Früher – zu Zeiten von Olaf Thon und Michael Sternkopf – waren die Bayern-Spieler und -Funktionäre nahbarer“
Viele fragen sich nun sicherlich: Warum tut er sich das an? Handelt es sich vielleicht sogar um eine medizinisch nachgewiesene Form von Abhängigkeit? Eine konkrete Antwort auf diese Fragen hat der 45-Jährige nicht parat. Es ist – ähnlich wie mit seiner Kerstin – ihm einfach so passiert. Seiner Leidenschaft geht er seit jeher zu einhundert Prozent nach, mit Haut und Haar, fast ohne Kompromisse. „Es ist ja nicht nur ein Fanclub, sondern wie eine kleine Familie“, erklärt seine Partnerin verständnisvoll dazu.
Er selbst spricht nicht nur bei ihr von Liebe auf den ersten Blick. „1988 waren wir mit der Jugend-Fußballmannschaft im Olympiastadion: Bayern gegen Waldhof Mannheim – und ich war unglaublich begeistert“, erinnert er sich – und spricht aus, was viele denken: „Danach wurde es zur Sucht.“
1995 gründete Harry Knödlseder den Fanclub „Bayernpower“ in Hauzenberg. „Um die dafür nötigen Mitglieder zusammen zu bekommen, haben sich Mama, Papa und meine Schwester zur Verfügung gestellt.“ Der damals noch junge Bursche wollte Mitstreiter und „Mitleider“ finden, sich gemeinsam organisieren. Eine Idee, die er nicht exklusiv hatte, wie sich nach und nach herausstellte. Mittlerweile hat „Bayernpower“ mehr als 700 Mitglieder in ganz Deutschland. Der Fanclub-Banner gehört zum gewohnten Erscheinungsbild, wenn Kimmich & Co. auflaufen. Seit gut 30 Jahren führt Harry Knödlseder den eingetragenen Verein als erster Vorsitzender – und als Busfahrer die Hauzenberger Bayern-Anhänger quer durch Europa.
Das „Sommermärchen“ und seine negativen Folgen

Als Chauffeur fungiert er auch bei der ersten Mannschaft des FC Sturm Hauzenberg. Seit Jahren kutschiert der rastlose Waidler die Truppe von Dominik Schwarz und Alex Geiger quer durch die Region. Heuer, nach dem Aufstieg in die Bayernliga, geht’s eine Stufe weiter – u.a. nach Augsburg, Nördlingen und Kottern -, an Wochenenden, an denen auch der FC Bayern München im Einsatz ist. Zeitmanagement – in diesem Zusammenhang wohl das treffende Schlagwort: „Manchmal ist es recht stressig“, gibt der 45-Jährige zu. „Aber mit einer guten Planung funktioniert’s.“
Das Leben von Harry Knödlseder – es klingt aus seiner Sicht so, als wäre es federleicht. „Es ist jedes Mal eine Freude, wegzufahren“, findet er Worte, die dazu passen. „Ich hätte selber nicht gedacht, dass es mal so kommt – aber nun ist es umso schöner.“ König Fußball – für ihn eine Art Gott, dem er eine nahezu bedingungslose Zuneigung entgegenbringt.
Nur bei einem Thema wird er ernst: Der zunehmenden Entfremdung des Fußball-Zirkusses von der Basis, die vor allem in der weiter voranschreitenden Kommerzialisierung des Sports begründet liegt. Die WM 2006 in Deutschland hat seiner Meinung nach die Zeitenwende eingeläutet. Seit dem „Sommermärchen“ stünde das Business im Mittelpunkt – und nicht der Fußball an sich.
Stationen eines Fan-Lebens: Knödlseder versucht, seine weltweiten Reisen ganzheitlich zu gestalten
„Da ist so viel Geld im Spiel, das ist Irrsinn“, übt Knödlseder deutliche Kritik. „Es ist ja fast schon billiger, nach München zu einem Spiel zu fahren, als es sich am Fernseher anzuschauen.“ Er habe sich auch davon verabschiedet, jedes neue (und noch einmal teurere) Trikot zu kaufen. Sein Lieblings-Outfit sind ohnehin altehrwürdige FCB-Leibchen mit „Commodore“- oder „Magirus-Deutz-Aufdruck. Noch einmal betont der erste Vorsitzende von „Bayernpower“ Hauzenberg: „Die Summen, die im Umlauf sind, sind unverhältnismäßig. Dass der normale Fan keine Karten bekommt, weil eine Reiseagentur die Plätze blockiert, geht gar nicht. Und eine VIP-Loge – schön und gut, die brauche ich aber nicht.“
Harry Knödlseder versteht sich als Fan, der einzig und allein wegen des Spieles zu den Begegnungen kommt. Und man nimmt ihm diese Selbsteinschätzung auch ab, wenn man sich mit ihm länger über die Schnelllebigkeit der Szene unterhält. Fest steht: Die Liebe zu seiner Frau ist (inzwischen) bedingungsloser. Und dennoch: „Aktuell kann ich mir nicht vorstellen, mit dieser Leidenschaft aufzuhören.“ Unter Freunden quer durch Europa zu gondeln – einfach unschlagbar. Und ein Sonnenaufgang in Frankreich sowieso…
Helmut Weigerstorfer







