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Bogenschützin Christine Schäfer tritt für den 1. FC Passau, SJV Kropfmühl und die Ohetaler Schützen an – gehört aber auch dem Nationalkader an.

Tiefenbach. In ihrer Selbsteinschätzung ist Christine Schäfer knallhart ehrlich. „Ich bin wahrlich keine Sportskanone“, gibt die 51-Jährige zu. Und dennoch tritt die gebürtige Herzogsreuterin und inzwischen in Tiefenbach lebende Physiotherapeutin bei den World Games (7. bis 17. August) in Chengdu (China) an. Beim Bogenschießen (Disziplin: Feldbogen-Parcours) zählt sie sogar zu den erweiterten Medaillenkandidaten. Da sie zufällig ein verborgenes Talent entdeckte. Und weil sie die Gelegenheit beim Schopfe packte… 

Alles Schlechte bringt auch etwas Gutes mit sich. Als Physiotherapeutin kümmerten sich Christine Schäfer und ihr Mann Rüdiger vor rund 13 Jahren in der Rehaklinik auf dem Geyersberg um Soldaten nach deren Rückkehr aus dem Afghanistan-Einsatz. „Wir haben uns viele Gedanken gemacht, was wir mit den Bundeswehr’lern machen sollen. Wir haben vieles probiert – unter anderem auch Bogenschießen in Oberfrauenwald.“ Aus einer von vielen Therapiemaßnahmen entwickelte sich somit ein Lebensinhalt für die am Fuße des Haidels aufgewachsene Frau.

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Zuvor hatte sie mit dem Schießsport nur wenig bis gar nichts am Hut. Doch plötzlich war es um sie geschehen. Warum Bogenschießen von jetzt auf gleich ihre große Leidenschaft geworden ist, kann sie nicht in Worte fassen. „Weil’s einfach so schön ist“, versucht sie es dennoch – und fügt nach genauerer Überlegung schließlich hinzu: „Als Physiotherapeutin stehe ich in den ganzen Tag in einer Kabine mit sechs Quadratmetern. Kreuz und quer durch den Wald zu streifen mit einer Herausforderung zwischendurch, ist der ideale Ausgleich dazu.“

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„Nur eine olympische Sportart ist noch komplizierter“

Obwohl die Tiefenbacherin zur Weltspitze gehört, ist sie Vollblut-Amateurin. Ihr Geld verdient sie als Physiotherapeutin.

An dieser Stelle muss erklärt werden, dass es im Bogensport verschiedene Disziplinen gibt –  „wie beim Skifahren mit Abfahrt oder Slalom“. Unterteilt werden die Sportler in drei Bogenklassen – mit Visier und Stabilisierungshilfe, mit hochtechnischen Bögen sowie ohne Visier und Stabilisierungshilfe. Zudem gibt es vier verschiedene Wettkampfformen: Die 50 bis 70-Meter-Distanz auf gerader Fläche, Wettbewerbe in der Halle, auf dem 3D – und auf Feldbogen-Parcours. Christine Schäfer ist in letztgenannter Wettbewerbslinie („Das hat sich einfach so ergeben„) mit einem sog. Blankbogen aktiv. Heißt: Sie ist mit Pfeil und Bogen querfeldein unterwegs – und schießt auf zufällig aufgestellte, plastische Ziele.

Was fürs Erste relativ einfach klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als durchaus diffizile Angelegenheit. Fünf Mal pro Woche trainiert die Tiefenbacherin – entweder im heimischen Garten und auf ausgewiesenen Übungsflächen in der Umgebung. Und ja, das betont sie ausdrücklich: (Bogen-)Schießen ist eine Sportart. „Erstens ist es hochtechnisch. Man braucht mehrere Monate, damit der Bogen so passt, wie man ihn haben will. Zweitens braucht man einiges an Ausdauer, um die Strecke während Wettkämpfen so meistern zu können, dass der Puls auf überschaubarem Niveau bleibt. Denn beim Anvisieren ist Ruhe und Konzentration gefragt.“

Die Waidlerin berichtet von 16 immer wieder gleichen Bewegungsabläufen, die klappen müssen, um zielsicher schießen zu können. Zudem müssen gewisse Rahmenbedingungen wie Weite, Gegenlicht und Winkel schnell erfasst und entsprechend umgesetzt werden. „Es gibt nur eine olympische Sportart, die noch komplizierter ist – nämlich Golf“, ist Christine Schäfer überzeugt. Die Einschätzung eines absoluten Profis auf ihrem Gebiet. Denn die 51-Jährige zählt nur 13 Jahre nach ihrem Karrierebeginn zu den besten Schützinnen Deutschlands – dies hat sie mehrfach bestätigt.

Gute Chancen auf Halbfinale: „Danach ist alles möglich“

„Christine Schäfer ist erst vor drei Jahren auf meinen Radar aufgetaucht, da sie vorher hauptsächlich in anderen Verbänden unterwegs war“, berichtet Peter Lange, Disziplinenverantwortlicher beim Deutschen Schützenbund (DSB) und somit eine Art Bundestrainer. Sie hat schnell gelernt, dass die Anforderungen beim DSB um einiges höher liegen, als sie es gewohnt war. Sie und auch ihr Mann Rüdiger haben sich richtig reingekniet und sind jetzt in der Lage, international vorne mitzumischen. Christine hat sich in der Ausscheidung deutlich durchgesetzt. Bei den World Games hat sie gute Chancen bis ins Halbfinale vorzustoßen – danach ist alles möglich.“

Um die weiten innerdeutschen Strecken zu Wettkämpfen zu umgehen, dachte die 51-Jährige auch darüber nach, für Österreich zu starten.

Im Bogensport muss man sich – im Gegensatz zum Fußball etwa – jedes Jahr aufs Neue „von unten nach oben“ arbeiten. Sprich: Deutscher Meister wird man nur, wenn man vorher im Gau, auf Bezirks- und Landesebene erfolgreich war. Die einstige Herzogsreuterin hat diese „Knochenmühle“ bereits mehrmals erfolgreich durchgestanden. Und sogar noch mehr: Über die Teilnahme an internationalen Turnieren hat sie sich in einer Rangliste platziert, die sich an der sog. Norm-Ringzahl, also der getroffenen Punktezahl, orientiert. So schaffte sie es, sich binnen drei Jahren für die World Games zu qualifizieren. Hierbei handelt es sich um eine Mehrsportveranstaltung von Sportarten, die nicht olympisch sind.

Dass es ihr nicht möglich ist, einmal bei Olympia anzutreten, ist für Christine Schäfer nicht weiter schlimm. Nicht, weil sie keine Sportskanone ist, sondern weil es ihr ohnehin nicht darum geht, groß im Rampenlicht zu stehen. Die Leidenschaft für den Sport steht bei ihr im Vordergrund.

Helmut Weigerstorfer

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Wie hat sich Christine Schäfer bei den World Games geschlagen? Mehr dazu demnächst auf hogn.de


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