Regen. Das Landratsamt Regen wird am 3. Juli 1945 von der Kreisstadt weg nach Zwiesel verlegt, nachdem sich die amerikanische Militärregierung nach Ende des Krieges dort eingerichtet hat. Die Regener wollen ihr Amt aber auf jeden Fall zurück haben. Die politischen Verhältnisse sind verworren. Innerhalb kurzer Zeit gibt es drei Wechsel auf dem Regener Bürgermeister- und Landratsstuhl und die Amerikaner setzen Dr. Klein aus Berlin, der als Dolmetscher bei der Militärregierung in Zwiesel arbeitet, kommissarisch als Landrat ein. Teil zwei der Hog’n-Serie „A bad town“ in Zusammenarbeit mit Annemarie Schiller.

Für den 27. Januar 1946 ordnet die Militärregierung Lokalwahlen an. Es ist Pfarrer Niklaus Hackl, der in Regen die ganz wenigen Nichtparteigenossen aufsucht und diese Leute als Mitglieder und Kandidaten der eben gegründeten CSU gewinnt. Für Frauen hält er extra Wahl-Versammlungen ab. Kaminkehrermeister Fritz Partheter von der CSU, von Pfarrer Hackl zum „Heraustreten an die Öffentlichkeit“ vorgeschlagen, wird der erste demokratisch gewählte Nachkriegs-Bürgermeister der Stadt Regen.
Ende April 1946 finden auch Kreiswahlen statt, bei der die CSU die absolute Mehrheit der Stimmen erhält. Regen stellt den erst 30-jährigen, von Pfarrer Hackl vorgeschlagenen Werner Haas als Landratskandidaten auf, Zwiesel als Gegenkandidaten den genannten Berliner Dr. Klein. Mit dem Versprechen, das Landratsamt nach Regen zurückzuholen, gewinnt Werner Haas die Wahl. Sofort folgt ein Brief aus Zwiesel nach München: Der neue Landrat habe auf sein Amt verzichtet. Lange trifft deshalb keine Bestätigung des Gewählten ein.
Geheimnistuerei erregt Neugierde – und Neid

Landrat Werner Haas, Nikolaus Hackl sowie Metzger und Gastwirt Baptist Zellner verfassen immer wieder Denkschriften, Eingaben und Beschwerden ans Ministerium, die Regierung, die Kreisräte und die Bürgermeister des Kreises sowie an die höchsten amerikanischen Gouverneure mit dem Ziel, das Landratsamt nach Regen zurück zu holen.
In der Gastwirtschaft des Baptist Zellner, genannt „Beim Oberhofer“, treffen sich mehrmals Herren am Stammtisch, unter ihnen Pfarrer Nikolaus Hackl, Bauwarenhändler und Stadtrat Josef König sowie Amtsrichter Dr. Bergsteiner. Besonders gern halten sich die Stammtischler im fensterlosen Hinterzimmer auf. wo Amtsarzt Dr. Merkle mit Kaufmann Kilger und Apotheker Stöber mittwochs und samstags Skat spielt. Baptist Zellner, der Wirt, gibt dort auch des Öfteren Essen ohne Lebensmittelmarken aus, was streng verboten ist.
Damit keine unerwünschten Gäste in das Hinterzimmer kommen, zieht man die Schublade eines Büfetts heraus, so dass die Türe nicht ganz geöffnet werden kann. Eine solche Geheimnistuerei erregt natürlich die Neugierde und den Neid derer, die auch gerne zu diesem erlesenen Kreis gehören möchten. Bald schon wird deshalb von einer „Untergrundorganisation gegen die Amerikaner“ gemunkelt, die sich im Hinterzimmer regelmäßig zu „geheimen Tagungen“ trifft. Für die Gegner der Rückverlegung des Landratsamtes ist das ein gefundenes Fressen.
Geheimorganisation „U 7“ im Fokus

Am 14. Juli 1945 werden in Regen plötzlich Hausdurchsuchungen durchgeführt. Insgesamt elf Personen werden verhaftet und dem aufgewühlten Publikum vor dem Haus des Metzgers Franz zur Schau gestellt. Sie sollen alle einer Widerstands- und Untergrundbewegung gegen die Amerikanische Besatzungsmacht angehören. Ein Teil der Verhafteten wird wieder freigelassen, es bleiben sieben Personen als angebliche Geheimverschwörer übrig.
Pfarrer Hackl, Landrat Haas, Gastwirt Zellner und Apotheker Stöber sowie Bauwarenhändler König werden als „politisch aktive Bürger“ eingestuft. Amtsarzt Dr. Merkle und Amtsrichter Dr. Bergsteiner sind Unbeteiligte, die nur verhaftet werden, weil sie im Hinterzimmer beim Zellner Skat gespielt haben. Diese sieben Personen werden angeklagt und als Geheimorganisation mit dem Namen U 7 vor das höchste amerikanische Gericht gestellt. Die Verhafteten wissen zunächst nicht einmal, warum sie nach Zwiesel geschafft und dort eingesperrt werden. Sie vermuten, weil sie manchmal bei Zellner ohne Lebensmittelmarken verköstigt wurden.
„Was hatten wir diese Tage der Untersuchung in Zwiesel alles erlebt an Beschimpfungen, Herabsetzungen, Bedrohungen und Einschüchterungen, ja sogar an Besoffenmachung des Angeklagten König! Wir trachteten selbst mit Händen und Füßen, aus dem parteiischen und feindseligen Milieu herauszukommen und waren mit der Verweisung unseres Prozesses vor das höchste Militärgericht freudig einverstanden.“ (Pfarrer Nikolaus Hackl)
Presse und Rundfunk berichten über ungeheure Situation

Die Beschuldigungen lauten etwa so: Seit Juli 1945 bestand in Regen eine geheime Widerstandsbewegung. Durch die Besetzung der wichtigsten Kreisposten wollte sie Einfluss auf die Leitung des Kreises gewinnen, dadurch den Kreis wirtschaftlich beherrschen und den Wiederaufbau behindern. Das geistige Haupt, der Gründer und die Seele dieser Geheimorganisation sei der Pfarrer Hackl.
Die Entdeckung einer „geheimen Untergrundorganisation“ in Regen wird medial groß aufgebauscht. Nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Amerika wird die U 7 in Presse und Rundfunk als ungeheure Sensation behandelt. Zwei Regener Bürger, die zu dieser Zeit in Russland in Kriegsgefangenschaft sind, lesen dort sogar in der Lagerzeitung „Neues freies Deutschland“ von einer Untergrundbewegung in ihrer Heimatstadt Regen.
Der Sensationsprozess gegen die sieben Regener Bürger findet am 27 August 1947 im Ostmarkhaus in Zwiesel statt. Drei Richter kommen extra aus München. Am zweiten Tag wird die Verhandlung nach zehn Minuten unterbrochen, weil die 60 „Belastungszeugen“ plötzlich alle anders aussagen, als bei den Voruntersuchungen. Der Prozess endet mit Freispruch mangels Beweisen für alle sieben Angeklagten…
Annemarie Schiller
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